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Im Ausland ist nix peinlich

25/11/2015 13:31 CET | Aktualisiert 25/11/2016 11:12 CET
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Haben Sie je beschämende Situationen im Ausland erlebt? Aber Ihr Schamgefühl hat sich kurioserweise in Grenzen gehalten? Hier die überraschende Erklärung, warum.

Neulich schlenderte ich die durch die Straßen von Mailand, da bemerkte ich auf einmal eine Wölbung unter meinen Stretchjeans, ein Pölsterchen in Wurstform am äußeren Oberschenkel, etwas, das da absolut nicht hingehört.

Genaueres Abtasten ließ vermuten, dass sich eine vereinsamte Socke oder ein Slip in mein Hosenbein verirrt hatte - irgendwann dürfte ich Zuhause beim Entledigen meiner Kleidung sehr in Eile gewesen sein (ebenso beim Waschen, Bügeln und Versorgen der Wäsche).

Da stehe ich also mit Beule auf einem der berühmtesten Pflaster der Welt, zwischen zwei Freundinnen und vorbeieilenden Modegöttinnen im Milano-chic. Aus evolutionsbiologischer Sicht wäre jetzt ein größeres Maß an Verlegenheit angebracht - mit einem Extra-Slip in der Hose verstößt man gleich auf mehreren Ebenen gegen gesellschaftliche und modetechnische Normen.

Verlegenheit entsteht aus Konformitätsdruck, schon unsere Urahnen suchten stets die Zugehörigkeit in der Gruppe - zu viele Fettnäpfchen und ein Mitglied wurde verstoßen. Ein aus heutiger Sicht an einem unzugänglichen Ort steckengebliebener Mettwurst-Tanga ist in etwa so schlimm wie ein Mammutfellröckchen, das die Höhlenbewohnerin versehentlich um den Hals statt um die Hüfte trägt.

Mir ist nichts peinlich

Mir ist aber nichts peinlich, obwohl sich die Freundinnen unverhältnismäßig heftig kugeln. Vielleicht ticke ich evolutionsbiologisch eher wie ein Tier, Tiere empfinden ja keine Emotionen wie Scham, denn sie entwickeln kein Selbstkonzept (außer der Schimpanse vielleicht).

Gott sei Dank, denke ich lediglich, hat mich mein Selbstkonzept nicht auf der Flaniermeile in meiner Stadt Basel im Stich gelassen, da wäre ich flugs zur nächsten Toilette gerannt. Hier in Mailand aber streife ich den Tanga etwas weiter nach unten, so dass es sich wenigstens wie ein geschwollenes Knie und nicht wie eine Reiterhose präsentiert.

Dass mich nicht das geringste Schamgefühl befällt, liegt an meiner Gruppenzugehörigkeit, ganz konkret an meiner Schweizer Nationalität. Laut einem Bericht des psychologischen Instituts der Universität Zürich hat die nationale Zugehörigkeit eines Publikums - in dem Falle der Italiener - einen Einfluss darauf, wie intensiv unser Gefühl von Verlegenheit erlebt wird.

Weniger verlegen als Zuhause

Je stärker das nationale Zugehörigkeitsgefühl der betroffenen Person, also je enger sie sich mit ihren Landsleuten verbunden fühlt, desto weniger ist ihr ein Lapsus im Ausland peinlich - sie verspürt ein deutlich geringeres Maß an Verlegenheit als Zuhause. Dieses Verhalten wurde in einer wissenschaftlichen Studie der Universitäten Melbourne und St. Andrews überprüft.

Probanden wurden mit peinlichen Szenarien konfrontiert, das Resultat: Schotten beispielsweise fühlten sich in Gegenwart eines amerikanischen Publikums weniger verlegen als dies beim schottischen Publikum der Fall war.

Das wiederum würde auch das ausufernde Verhalten gewisser Völker auf gewissen Europäischen Ferieninseln erklären. Denn wo kein Verlegenheitsempfinden ist, oder kein inneres Kontrollorgan, das einen an den Selbst-Pranger stellt, da sind auch keine Schranken.

Wir, die wir uns mit unserer Heimat verbunden fühlen, können also modisch unbelastet auf Reisen gehen. Unsere Nachlässigkeit in Sachen Kleidung kann als neuer Trend ausgelegt werden - oder als Steinzeitüberbleibsel. Es kann uns egal sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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