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"Ich war naiv, entschlossen und hatte keine Ahnung" - wie ich mit einer Truck Farm durch Palästina fuhr

09/08/2017 12:25 CEST | Aktualisiert 09/08/2017 12:25 CEST
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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Food Innovations Netzwerk HERMANN'S.

Vor fünf Jahren sah ich eine Dokumentation namens "Truck Farm" von Ian Cheyney.

Der Film zeigte wie Ian auf der Ladefläche seines Pickups einen Gemüsegarten anlegte und damit in Brooklyn herumfuhr.

Mir gefiel der Gedanke, selbst in einem solchem Pickup Truck durch die Gegend zu cruisen, mich um meinen mobilen Garten zu kümmern und einen Cowboyhut dabei zu tragen. Ich beschloss, auch Truck Farmer zu werden, allerdings in meiner Heimatstadt Ramallah, Palästina.

Zunächst galt es aber eine Finanzierung für meine Fantasie zu finden. Glücklicherweise gab es an meinem Liberal Arts College Stipendien für solche Projekte, zumindest solang sie dazu dienten den Weltfrieden zu fördern. Also stellte sich die Frage: Warum eine Truck Farm?

Zu ihrer Beantwortung vertiefte ich mich in das Konzept des ‚Ideologischen Gartens'. Bei der mündlichen Begründung meines Antrags für ein Stipendium zitierte ich aus meinen Nachforschungen: In den 1930er Jahren blühten in den jüdischen Ghettos Gärten als Widerstand gegen den Faschismus. Später legten die Vereinigten Staaten auch sogenannte ‚victory gardens' an, um die Versorgung ihrer Truppen in Europa zu sichern.

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In den 1980er Jahren unterhielt Nelson Mandela einen Garten auf Robben Island, wo er inhaftiert war, aufgrund seines Widerstands gegen die Apartheid.

Ungefähr zur selben Zeit, während der ersten Intifada, gab es Gärten als politischen Protest, aber auch zur konkreten Versorgung, da diese von Israel abhing und es zu großen Teilen immer noch tut.

Jetzt war also die Zeit für eine Truck Farm in Palästina

Sie würde helfen, auf Probleme wie das der Versorgungssouveränität aufmerksam zu machen, Saatgut von lokalen Farmern sammeln, und nichts Geringeres als eine friedliche grüne Revolution auslösen.

Als ich das Stipendium bekam, kaufte ich einen Cowboyhut. Ich gab Erklärungen an mich ab. Meine Truck Farm wäre komplett grün. Mit einer grünen Plakette, dem Kennzeichen, das die palästinensischen Bürger vor Ort an den Hindernisparkour der militärischen Checkpoints bindet. Die Truck Farm würde ausschließlich lokales Saatgut und lokalen Kompost befördern.

Der Garten wäre ein Beispiel dafür wie ich die Zukunft vor mir sah: souverän und selbständig. Ich verfügte über genügend Zeit und Ressourcen, um als ideologischer Gärtner zu leben, nicht als echter. Ich war naiv, entschlossen und hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ.

Ein 1979er Volkswagen Kleintransporter mit einem „Gelobt sei der Prophet" Aufkleber, der in einem Flüchtlingslager herumstand, diente mir als Truck Farm. Ein grünes Kennzeichen zu bekommen stellte sich teurer heraus als vermutet, da es zweimal besteuert wird, ein zweites Mal von dem Land, in das ich mit dem Wagen sowieso nicht fahren könnte. Aber wenigstens war mein Truck jetzt im politischen Sinne grün.

Grün im umweltpolitischen Sinne zu sein stellte sich als wesentlich schwerer heraus. Als ich die Ladefläche füllte, wurde klar, dass der einzige Laden, in dem es Kompost gab seine Ware aus einer illegalen Siedlung im Jordantal bezog. Wenn ich es kaufte, würde es die Geländeaufschüttung unterstützen, die genau den Farmer vertrieben hatte, den ich später treffen sollte.

Es dauerte einige Wochen, einen Farmer zu finden, der eigenen organischen Kompost herstellte, aber er würde uns später dabei helfen, weitere Farmer in der West Bank auszumachen. Nach einem Monat hatte ich statt eines grünen gedeihenden Beetes ein Beet aus Dreck.

Auf der Suche nach Farmen und altem Saatgut

Nachdem mein bester Freund Osama mitbekam, wie ich zu kämpfen hatte, sagte er: „Ich weiß nicht genau, was du machst, aber ich kann einen Lieferwagen fahren." So bekam ich Gesellschaft für meinen Roadtrip auf der Suche nach palästinensischen Farmen und samenfestem alten Saatgut.

Mit jeder Farm gerieten wir tiefer in ein Geflecht nahezu unlösbarer Probleme des örtlichen Food Systems. Die Truck Farm wurde nicht nur zum Mikrokosmos der schwierigen politischen Lage, sondern auch zur Herausforderung, der sich das Food System auf globaler Ebene gegenüber sieht.

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Während unsere Hoffnungen auf eine grüne Zukunft verkümmerten, ging die Fahrt weiter und langsam begann das Leben zu blühen. Als unser erster Kürbis keimte, rief ich sofort Osama an. Wir beugten uns über die Pflanze und untersuchten die Früchte unserer Arbeit. „Zuerst dachte ich du bist verrückt, aber langsam begreif ich es", lächelte er.

Kein geschichtliches Trivialwissen zum Thema Garten hätte deutlicher sprechen können als dieser Kürbis. Plötzlich waren wir Farmer. Schon bald tauchten Tomaten, Gurken, Basilikum, Zwiebeln, Auberginen und Kräuter in dem Ökosystem auf, das wir geschaffen hatten.

Die Truck Farm nahm an Fahrt auf

Farmer riefen uns an, um sich zu erkundigen: Wie wächst meine Zwiebel? War der Kompost hilfreich? Wann postet ihr die Bilder auf Facebook? Am Ende des Sommers feierten wir bei einem Potluck Dinner mit einigen Farmern, die uns geholfen hatten.

Danach nahm die Truck Farm an Fahrt auf und entwickelte ein regelrechtes Eigenleben mit der Teilnahme an Protesten und Hilfseinsätzen bei der Olivenernte.

Das Food System konnte die Truck Farm dagegen nicht richten und Weltfrieden hat sie auch nicht gebracht. Aber die Truck Farm schien auch sehr gut ohne großartige Absichtserklärungen und bombastische Ziele auszukommen.

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Auf unserer Reise lud uns einmal ein Farmer mit der Ausstrahlung eines Philosophenkönigs zum Tee unter seinen Johannisbrotbaum ein. Den Blick auf Tel Avivs Hochhäuser am Horizont gerichtet, fasste er eine Kurzgeschichte von Naguib Mahfouz zusammen: In der Geschichte besucht ein junges Mädchen ihren Onkel in dessen Garten. Als sie ihn fragt, warum er soviel Zeit in seinem Garten verbringt, antwortet er: „Der Sinn des Lebens ist es eine sehr kleine und sehr schöne Sache zu machen bevor wir gehen."

Truck Farm begann als toter Ort und erwachte zum Leben. Es erzeugte große Fragen, aber es stellte keine Lösungen zur Verfügung. Es war merkwürdig, klein und wunderschön. Genau darum ging es und ich erkenne jetzt, dass es genug war.

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Die Zahl der Menschen, die in einigen Jahren Burger, Steaks, und ja, auch Salat essen wollen, steigt dramatisch. Gleichzeitig sehen wir in vielen westlichen Gesellschaften die Folgen ungesunder Ernährung: Wir stehen vor einem Fett- und Zucker-Kollaps.

Doch es gibt längst Ideen und Lösungen für dieses globale Problem. Denen will sich die HuffPost in den nächsten Monaten mit Artikeln, Reports und Expertenbeiträgen widmen.

Dafür arbeiten wir mit der in Berlin entstehenden und von dem Kekshersteller Bahlsen finanzierten Plattform Hermann's zusammen, einer Art Denkfabrik für die Zukunft unserer Ernährung.

Die neue Plattform will die Köche, Wissenschaftler, Blogger, Unternehmer und Firmen zusammenbringen, die sich genau mit diesen Zukunftsfragen beschäftigen.

Die aktuellen Beiträge aus der Kooperation findet ihr hier.

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