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„Mama, wohnt der Krebs in deinem Bauch?"

05/02/2016 11:08 CET | Aktualisiert 05/02/2017 11:12 CET
Siri Stafford via Getty Images

Fuck you, Krebs!

Warum ich? Warum habe ich Brustkrebs? Ich, 28 Jahre alt. Mein Sohn Timon 4 Monate. 2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg Mir machte die Krankheit zu Beginn große Angst - denn Krebs zu haben bedeutet, dem Tod geweiht zu sein. Zumindest, wenn man der Gesellschaft glaubt, denn alle um mich herum begannen zu weinen und schon in Gedanken meine Beerdigung zu planen und zu überlegen, wie sie meinem Mann dann helfen könnten, wenn es „so weit" ist. Es fühlte sich an, wie lebendig begraben zu werden.
Aber seht doch, ich lebe! Ich bin hier! Ich bin noch nicht tot.
Meine Freundin riet mir, eine Liste zu schreiben mit den Dingen, die ich noch erleben möchte. SO bescheuert die Idee auch war in meinen Augen, so habe ich doch begonnen mir Gedanken zu machen. Und das war meine Liste: Ganz oben stand: Mein Kind aufwachsen sehen! In Großbuchstaben und mit etlichen Ausrufezeichen. Mehr wollte ich nicht. Und damit war mein Kampfwille geboren. Ich musste aus der Opferrolle raus, die Krankheit annehmen und meine lebensbejahende Einstellung behalten. Ich durfte sie nicht verlieren! Wenn ich den Willen zu leben verliere, dann ist es vorbei. Dann hätte ich aufgegeben. Und mein Kind hätte ohne seine Mutter aufwachsen müssen. Menschen in meinem Umfeld schotteten sich plötzlich von mir ab. Als würde ich ansteckend sein. Als würde mich zu treffen bedeuten, auch Brustkrebs zu haben. Sie sagten, sie könnten mit meiner Diagnose nicht umgehen. „Dann sollen sie froh sein, dass es sie nicht selber trifft", dachte ich. Die Spreu trennte sich vom Weizen. Um deren Shit kann ich mich nicht auch noch kümmern. Ich brauche alle Kräfte für mich. Und meinen Sohn. Ich schaute jeden Tag in die Augen meines Sohnes und fragte mich, ob er sich an mich erinnern wird, wenn ich es nicht schaffe. Ich verbrachte bewusst viel Zeit mit ihm, hatte ihn viel bei mir, an mir, um mich, denn ich wusste, unsere gemeinsame Zeit könnte von kurzer Dauer sein.

Krebs macht einsam

Mir platzte immer wieder der Kragen, wenn in Spielgruppen andere Mütter davon erzählten, wie anstrengend doch alles sei und auf wie viel sie verzichten müssen. Ich dachte mir: Seid doch froh, dass euch noch viel Zeit bleibt! Genießt jeden Moment, jede Sekunde und kostet sie in vollen Zügen aus. Ich konnte mit meinem Sohn keine Spielgruppen mehr besuchen. Die Probleme der anderen erschienen mir zu banal. Krebs macht einsam. Er hebt vieles auf und machte mich oft fassungslos. Seid froh ihr lieben Mütter, wenn ihr keine anderen Sorgen als Dauerstillen, wenig Schlaf oder sonst was habt. Ihr habt nicht Krebs. Wie lange werde ich noch für ihn da sein können? Diese Frage schwirrte oft in meinem Kopf. Es machte mir Angst. Große Angst. Ich war wütend. Stinkwütend. Und sauer. Ich wollte nicht verlieren. Ich war immer schon eine schlechte Verliererin.

Selbst schuld?

Ich machte mir Vorwürfe, ob ich Anzeichen übersehen hatte: Habe ich selbst zu wenig getastet? War der Krebs die Ursache, dass bei mir einfach keine Milch kam? Hätte ich schon damals darauf achten sollen? Habe ich zu wenig auf mich geschaut? Ich forschte in unserer Familiengeschichte und wusste am Ende eines: Ich hatte Pech. Eine andere Erklärung gab es nicht.
Ich begann, mich selbst nicht mehr zu lieben.
Ich hasste meinen Körper. Am liebsten hätte ich mir die Haut hinunter gerissen, so wütend war ich. Da hat er mir ein wundervolles Geschenk in Form meines Sohnes gemacht, und dann: Krebs. Wieso? Wieso darf ich mein Mutterglück, das ich mir so sehr gewünscht hatte, nicht einfach genießen? Warum schlafe ich jeden Tag mit dem Gedanken ein, es könnte unser letzter gewesen sein? Warum muss ich Tabletten nehmen, Chemotherapien über mich ergehen lassen, blöde Kopftücher und Beanies tragen, mich übergeben, keine Schuhe mehr anziehen können, zunehmen, operiert werden, Strahlentherapien machen? Warum folgte einer Hiobsbotschaft die nächste? Warum konnte nicht wieder einfach alles gut sein? Warum meinte der Arzt, er sei sich nicht sicher, dass ich den ersten Geburtstag meines Kindes noch erleben würde?

Nur ein Jahr?

Nur ein Jahr sollte ich das Glück des Mutter-Seins erfahren dürfen? Mehr war nicht für mich vorgesehen? Würde sich mein Sohn überhaupt an mich erinnern können? Würde er sich an meinen Geruch erinnern, meine warmen, schützenden Hände, meinen weichen Bauch, meine Sommersprossen? Würde er wissen, dass er eine Mama hatte, die gekämpft hat wie eine Löwin, die alles gegeben hätte, um noch mehr Zeit mit ihm zu haben? Mein Tumor war äußerst aggressiv und hormonabhängig. Die Ärzte sagten ich hätte Glück, dass erst eine Brust befallen war und dass sie brusterhaltend operieren konnten. Als war mir das wichtig. „Scheiß auf die Brust", dachte ich. Ab damit, wenn dann alles gut ist. Ob ich dann noch eine Frau bin? Darüber mache ich mir Gedanken, wenn ich überlebe. Ich wollte gesund werden und leben, für mein Kind, meine Familie, meinen Mann. Ich will dabei sein, wenn mein Sohn in die Schule kommt, wenn er zum ersten Mal auf Sportwoche fährt und wenn er seinen ersten Liebeskummer hat. Ich wollte stark sein, so stark. Aber ich habe auf meinem Weg irgendwo den Mut verloren.
Der Tumor hat gestreut. Metastasen. Der Arzt packte schonungslos aus. Meine Chancen standen schlecht. Leber und Knochen waren befallen. Diese Ohrfeige saß. Patsch.
„Ich pack das", sagte ich zu mir selbst. Ich muss das einfach packen. Mir bleibt nichts anderes übrig.

Sei doch froh, du hast ja ein Kind

Die Ärzte versetzten mich mit Hormonen in künstliche Wechseljahre. Das war das Aus für meinen weiteren Kinderwunsch. „Sei doch froh, du hast ja ein Kind", hörte ich oft. Danke, das half nur nicht. Es tut weh, sich von einem Wunsch verabschieden zu müssen, der einen schon sein ganzes Leben begleitet. Und es tut weh, diesen Schritt nicht selbst entscheiden zu dürfen. Mein Sohn wurde ein Jahr alt und ich feierte mit. Das war das größte Geschenk. Dennoch auch die größte Angst, es könnte der letzte Geburtstag gewesen sein, den wir zusammen als Familie feierten. Einen Tag später ging es wieder zur Chemotherapie. Mein Sohn weinte, wenn ich wegging. Chemotherapie, Bestrahlungen, Schmerzen, Kotzen, Lederhaut, keine Haare - das gehörte zu meinem Leben und für meinen Sohn war es normal. Er kannte mich nicht gesund. Er wird mich wohl nie gesund kennen. Dabei wollte ich nur eine glückliche Kindheit für ihn und keine Kindheit, die von Angst oder Sorge geprägt ist, er könnte seine Mutter verlieren. Es tat mir weh, wenn er sich um mich kümmerte, mich streichelte und meinte:
„Mama ist krank. Wird wieder alles gut?" So gerne hätte ich JA gesagt. JA Timon, Mama wird wieder gesund.
Mein Sohn wurde zwei Jahre alt und ich lebte noch immer. „Ein Wunder", meinte auch mein Arzt. Das hätte er nicht gedacht. Ich war eine Kämpferin. Ich lasse mich nicht unterkriegen.

Krebs, go home. Fuck you, Krebs.

Ich bin eine Kämpferin. Ich gebe nicht auf. Rückschläge tun weh und sind Scheiße, aber ich WILL Leben. Um jeden Preis. Dafür kämpfe ich jeden Tag. Heute ist Timon fast fünf Jahre alt. Er weiß, dass ich krank bin. Er weiß, dass ich deswegen keine Haare auf dem Kopf habe. Er weiß, dass ich Schmerzen habe und daher nicht so wild mit ihm tollen kann oder Fußballspielen kann, wie andere Mütter mit ihren Söhnen. Er weiß, dass ich öfters mal ins Spital muss. Er weiß, dass ich kotzen muss, wenn ich Chemo habe. Er weiß, dass er dann auf mich Rücksicht nehmen muss und das Oma für ihn dann da ist. Er weiß, dass er dann keine Freunde einladen kann, weil es mir zu viel wäre. Er weiß, dass ich mich immer wieder mal hinsetzen muss und nicht so schnell gehen kann. Er hat gelernt, mit meiner Krankheit umzugehen. Er weiß, dass meine Krankheit Krebs heißt. Oft malt er auf Zeichnungen einen Krebs in meinen Bauch - so, als würde er dort wohnen. Krebs ist ein Teil unseres Familienlebens. Doch das alles ist mir egal. Ich bin Mutter, mit Einschränkungen. Aber ich darf Mutter sein. Dieser Text erschien auf der Seite welovefamily. Auch auf HuffPost:

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