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Kinder brauchen die Natur

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CHILDREN NATURE PLAYING
ArtMarie via Getty Images
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Kinder sind fasziniert von der Natur: Von Tieren, Pflanzen, Blättern, dem Waldboden. Es ist für Kinder wichtig, Pflanzen und Tiere nicht nur vom Bilderbuch zu kennen, sondern ihnen auch in der Natur zu begegnen. Dadurch lernen sie, ihren Lebensraum zu verstehen, zu respektieren und mit den Ressourcen sorgsam umzugehen.

Dieses naturnahe Konzept wird unter dem Begriff „Naturpädagogik" zusammengefasst. Ziel ist es, den Kindern ein Naturverständnis zu vermitteln und einen Beitrag zu einem ökologischen Handeln zu leisten.

Nun haben Studien gezeigt, dass ein Mangel an Natur zur Verkümmerung der emotionalen Bindungsfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit führt. Aber auch die Fantasie, Kreativität und damit die gesamte kindliche Entwicklung sind von den mangelnden Naturerfahrungen betroffen.

„Der psychische Wert von Natur besteht u.a. in ihrem ambivalenten Doppelcharakter: Sie vermittelt die Erfahrung von Kontinuität und damit Sicherheit und zugleich ist sie immer wieder neu" (Ulrich Gebhard)

Viele Kinder haben noch nie ein Huhn gesehen

Aber unsere Kinder, vor allem Stadtkinder, kommen mit Pflanzen und Tieren immer seltener in Berührung. Doch das liegt nicht an mangelndem Interesse der Eltern, sondern daran, dass die Natur immer weiter zurückgedrängt wird und neuen Bauprojekten weichen muss.

Deshalb haben die meisten Kinder in der Volksschule noch nie eine Fledermaus gesehen, oder noch simpler: Ein Huhn. Das Leben in der Stadt führt dazu, dass Kindern der Raum fehlt, draußen zu spielen - also finden die meisten Aktivitäten drinnen statt.

Mehr zum Thema: 12 Fragen veranschaulichen, wie es zu ADHS kommen kann

Experten sehen einen Zusammenhang zwischen der Entfremdung der Kinder von der Natur und psychischer Leiden wie ADHS, die in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen haben. Eine Therapie erfolgt mit Medikamenten und nicht mit einer Rückkehr zu unserem Ursprung: Der Natur und dem Bewegungsdrang.

Dabei suchen Kinder die Natur. Denn sie sind von Kieselsteinen, Löwenzahn am Wegesrand, Marienkäfern, den bunten Blättern im Herbst, den Blumen auf der Wiese, den Vögel, den Enten begeistert und beginnen instinktiv, die kleinen Tiere zart aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Natur ist also ein Grundbedürfnis von Kindern.

Zurück zur Natur - mehr als nur ein Slogan

Was sich wie ein billiger Werbeslogan anhört, ist aber genau das, was Kinder brauchen. Sie müssen zurück zur Natur. Denn Natur ist ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Nähe. Beim Spielen in der Natur befriedigen Kinder ihre emotionalen und kognitiven Bedürfnisse.

Zentrale Fähigkeiten können Kinder in einer von Erwachsenen vorgegebenen Welt nur schwer entfalten. So verkümmert die emotionale Bindungsfähigkeit, es schwinden Fantasie, Empathie, Lebensfreude und Kreativität. Kinder ohne Kontakt zur Natur erfahren nicht das Gefühl von Zugehörigkeit - ein Aspekt, der für die seelische Entwicklung unglaublich wichtig ist.

Das Spielen in der Natur und die Naturerfahrungen haben viele Vorteile für Kinder:

• Natur ist ein kindliches Grundbedürfnis
• Bewegung draußen fördert die Muskulatur, Motorik, Kreativität und räumliche Orientierung
• Kinder lernen Gefahren einzuschätzen
• Kinder erfahren Empathie
• Natur steht für Verlässlichkeit und Kontinuität, ist aber gleichzeitig immer wieder neu
• In der Natur erfahren Kindern Sicherheit, Geborgenheit und Bindung, genauso wie
Abenteuer und Freiheit
• Kinder, die sich ohne Anleitung in der Natur bewegen, spielen länger und können sich
besser konzentrieren
• Kinder können sich nur dann für eine ökologische Lebensweise entschieden, wenn sie
diese auch spüren und erleben

Die Schuld der Eltern?

Nun geht es bei der Frage, wie Kinder ihre Naturräume zurückerobern und erleben können nicht um eine Schuldzuweisung. Schließlich haben sich die Zeiten mit der Industrialisierung geändert und damit auch die Lebensräume. Grünflächen in den Städten weichen großen Bauprojekten oder es werden Naturspielplätze aufgestellt - die leider wieder ein konstruierter Bereich sind.

Aber ein Bereich, den sich so Eltern wünschen. Bäume werden gefällt, weil sie zu gefährlich seien. Stattdessen werden Klettergerüste gebaut, die den Sicherheitsvorkehrungen entsprechen.

Kindern wird heute ein unberührter und unbeobachteter Lebensraum vorenthalten - unter dem Vorwand, es sei so gefährlich.

Tipps für Eltern

Es geht nicht darum, dem technischen Fortschritt und der Industrialisierung nachzusagen, es wäre alles schlecht. Vielmehr geht es darum, mit den verfügbaren Gegebenheiten die Natur zuzulassen:

Das kann ein eine wilde Wiese sein, eine Pfütze im Garten, Material wie Stöcke, Äste und alte Ziegelsteine, um eine Landschaft zu bauen. Auch ein flacher Teich im Garten als Wohnort für Frösche und Molche bietet Möglichkeiten, Natur zu entdecken und hautnah zu erleben. Ein Kräuterbeet anlegen - das geht auch mit einem Balkon. Bienenfreundliche Pflanzen einsetzen oder ein Vogelhäuschen bauen.

Wer keinen Garten hat, sollte Kindern ermöglichen:

Auf Bäume zu klettern, im Wald ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen lassen, Naturmaterialien sammeln, ein Mandala aus Blättern legen, auf unberührten Wiesen ohne fertige Spielgeräte spielen, Blumen kennenlernen, pressen und benennen, Steine sammeln und bewundern.

Regelmäßige Ausflüge und Wanderungen zu einem Teil des Familienlebens werden lassen ein Lagerfeuer zu machen, sich auf Tierspuren im Wald begeben, mit natürlichen Materialien zu spielen und Spielzeug selbst herzustellen.

Mehr zum Thema: Waldkindergarten: Was Kinder lernen und Eltern vorher wissen müssen

Wissen über ökologische Zusammenhänge vermitteln, an einer Bach-Exkursion teilnehmen lassen, Spaziergänge ohne Ziel, Spaziergänge mit Aufgaben, Wildkräuter sammeln und erarbeiten, was mit ihnen gemacht werden kann. Die Natur spielerisch entdecken: Anregungen findest du in unseren Spielideen. Vorbildwirkung ist gefragt!

Dabei geht es um deine Vorbildwirkung: Du kannst deinem Kind noch so oft erzählen, wie wertvoll Lebensmittel sind - wenn du davon regelmäßig Massen wegwirfst, lernt dein Kind keinen achtsamen Umgang damit.

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Also nutze auch das Abenteuer Natur, um darüber nachzudenken, wie du mit den Ressourcen umgehst und binde dein Kind in deine Überlegungen ein. Nur wenn dein Kind einen Bezug zur Natur aufbauen kann, kann es auch ein umweltgerechtes Verhalten erlernen. Dazu braucht es ein positives Grundgefühl. Also, was könnte man ändern?

Lieber kleine Mengen einkaufen und nachkaufen, statt zu viel und wegzuwerfen? Eher Bio-Lebensmittel statt Massenware? Lieber saisonal statt Erdbeeren im Winter? Doch lieber Glas und Karton als Plastik?

Auch das gehört zu einem Naturverständnis dazu und trägt dazu bei, die Welt von morgen für unsere Kinder besser zu machen.

Der Beitrag erschien zuerst auf Welovefamily.

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