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„Es hat dir doch nie an etwas gefehlt"

31/01/2016 17:54 CET | Aktualisiert 31/01/2017 11:12 CET
Tara Moore via Getty Images

Das Auge der Mutter ergründet das Kind bis in die Tiefen des Herzens.

(Pestalozzi)

Darüber zu schreiben fällt mir den Tat nicht leicht, denn durch meine Kinder kam ich an einen wunden Punkt meines Lebens zurück: Meine Kindheit.

Wenn ich an Kindheit denke, dann denke ich an: Eine Zeitspanne, ein Lebensabschnitt, der von Neugierde, Kinderlachen und Leichtigkeit geprägt sein sollte - so stelle ich es mir zumindest vor und wünsche mir für meine Kinder diese Bullerbü-Kindheit. Unbeschwert, frei, über eine Wiese laufen, ein weißes Kleidchen dazu, einen Drachen an der Hand. So kitschig dieses Wunschbild auch ist, so weit ist es von meinen Erfahrungen auch entfernt. Ich hatte das nicht.

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Wenn sich die Mutterliebe nicht überträgt

Es ist ein harter Kreislauf, eine Negativspirale, in die ich geboren wurde. Und dabei geht es um keine Schuldfrage, sondern um das Annehmen einer Situation und Anerkennen, dass jeder Mensch „sein Päckchen" mit sich trägt.

Meine Mutter, selbst Kind einer strengen Erziehung mit Gewalt und Übergriffen, groß gezogen von einer Ziehmütter, weil die eigene Mutter nach 3 Monaten wieder den ganzen Tag im Verkauf arbeiten musste, gab ihre Erfahrungen und ihre Beziehungsfähigkeit an mich weiter: Ihr Umgang mit Nähe, mit Trost spenden, mit Fürsorge, mit Stolz, mit Körperlichkeit, mit Offenheit - all das war nur in Bruchteilen vorhanden. Ihre eigene schwierige Lebensgeschichte ließ mich zum (gut gemeinten) Mittelpunkt ihres Lebens werden, ich war alles für sie.

Das weiß ich auch. Aber ich spürte es nicht. Ich war im goldenen Käfig gefangen, umgeben von Menschen, die mich zwar umsorgten und für mich da waren, die mir aber nicht das Gefühl gaben, angenommen zu werden. Die Mutterliebe ist eben nichts, was einfach da ist, sie ist nicht naturgegeben. Sie entsteht erst durch Interaktionen zwischen Mutter und Kind und bringt dann eine Frau dazu, sich Tag und Nacht um das Kind zu kümmern, es mit höchstem Einsatz zu beschützen, mehrmals nachts zu füttern, gut 4500 Mal die Windeln zu wechseln. Irgendwas hat da bei uns nicht geklappt.

„Es hat dir doch an nichts gefehlt"

Als ich versuchte einige Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen, stieß meine Neugier auf Unverständnis. „Warum mich das nun interessiere? Was ich mir denn erwarte? Warum wir nicht auch eine normale „Mutter-Tochter-Beziehung" wie bei den Gilmore Girls haben könnten?" wehte es mir entgegen. Fast schon ein wenig trotzig.

Doch warum man mir nur zum Geburtstag sagte, „Ich hab dich lieb" oder „Ich bin stolz auf dich" oder „Bleib so wie du bist", aber sonst Anerkennung und Nähe nicht zugelassen wurden, weiß ich nicht. Ich erinnere mich noch, als ich meine Mutter einmal umarmen wollte, da stieß sie mich weg und meinte, ich sollte damit aufhören. Diese Erfahrung hat sich bei mir eingebrannt, festgesetzt und mich tief verletzt.

Auch wenn sie meinen Kindern Geschichten von mir als Baby erzählte, blutet mir das Herz: Ich war so brav und habe gleich im eigenen Bettchen geschlafen, getragen werden wollte ich gar nicht, ich war im Stubenwagen und im Kinderwagen glücklich. Und stillen wollte ich nach zwei Wochen nicht mehr. Wenn ich das höre, kann ich gar nicht fassen, dass sie da von mir erzählt - die Distanz war immer schon ein Thema zwischen uns. Sie hat sich gekümmert, mich gepflegt, mit mir gespielt, aber irgendwie sprang das Gefühl der Mutterliebe nicht über.

Ich hatte wirklich alles

Doch statt zu sehen, dass wir an unserer Beziehung arbeiten müssten, wurde ich abgefertigt mit den Worten „Es hat dir doch an nichts gefehlt". Das ist richtig. Ich hatte ein eigenes großes Zimmer, eingerichtet nach den Vorstellungen meiner Mutter, ich hatte ein riesen Barbiehaus, das sie sich als Kind gewünscht hätte, ich hatte tolle Kleider, für die ich ausgelacht und verspottet wurde.

Ich hatte wirklich alles. Auch eine gute Schulbildung. Und wenn ich nicht folgte, auch mal eine „g'sunde Watschn" - auch das weiß ich noch gut. Es kränkt mich bis heute. Es hat etwas mit mir und meiner Kinderseele gemacht. Ich bin für alles was mir ermöglicht wurde dankbar, aber es ersetzt nicht das Gefühl, dass es an Liebe, Wärme, Vertrauen und Zuneigung fehlt.

Nicht alles in meiner Kindheit war „schlecht": Ich habe gelacht, Ball gespielt, große Eisbecher gegessen, im Garten gearbeitet, Gummihüpfen perfektioniert, ich bin in die Kirche gegangen, ich habe im Garten gespielt, ich bin auf Bäume geklettert, im Bach habe ich nach Bachtieren gesucht, ich habe ein Baumhaus gebaut, ich habe gelesen, ich durfte mir „König der Löwen" im Kino anschauen, ich habe mich verkleidet, getanzt und am liebsten gesungen.

Meist war ich dabei aber alleine. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann spüre ich Kälte, Einsamkeit und Distanz. Ich habe diese Kindheit angenommen und akzeptiere sie als einen Teil meines Lebens, als eine Erfahrung, die mich reicher macht. Und die mir zeigt, wie ich es für meine Kinder nicht möchte.

Mutterliebe - ein überwältigendes Gefühl

Wie unendlich, wunderschön und ergreifend Mutterliebe sein kann, erfahre ich nun jeden Tag und ich hoffe, dass meine Kinder sie spüren und wenn sie einmal zurückdenken, sie immer fühlen und wir dadurch verbunden sind. Ich will gar keine Gilmore-Girls-Beziehung zu meinen Kindern haben, ich möchte unsere eigene Beziehung schaffen, die auf Liebe, Vertrauen und Respekt aufbaut.

Ich finde es wunderschön Mutter zu sein, ich musste aber erst lernen, auf meine Instinkte zu achten, denn als junge Mutter ohne Vorbilder und Erfahrung, habe ich zunächst die guten Ratschläge angenommen: So lag unser erstes Kind schon in der ersten Nacht im Gitterbett, der teuerste und vermeintlich beste Kinderwagen wurde uns geschenkt, zur Sicherheit eine Pre-Nahrung, falls das Stillen nicht klappt.

Nun saßen wir neben unserem ein paar Stunden altem Baby, während es in dem viel zu großen Gitterbett lag und spürten beide, dass sich das falsch anfühlt. Aber die Angst, unser Kind zu verwöhnen und dann nie mehr aus dem Elternbett herauszukriegen, war viel zu groß. Das macht man so nicht. Dank unserer Hebamme und einer lieben Nachbarin, die Trage- und Stillberaterin ist, fanden wir einen Weg, der zu uns passte. Schnell kam ein Beistellbett, die Pre-Nahrung wurde verbannt, ein Tragetuch gekauft. Und wir fühlten uns wohl.

Doch gegen die Stimmen in meinem Kopf zu arbeiten, war alles andere als leicht, immer wieder überraschten sie mich, tauchten zwischendurch auf und brachten mich dazu, ins Zweifeln zu geraten. Nein, ich möchte es anders machen, ich möchte raus aus dieser Spirale. Ich nehme mein Päckchen so an, ich möchte es aber nicht weitergeben.

Die Kindheit meiner Kindheit ist heute!

Auch als Oma findet das Verhaltensmuster meiner Mutter ihre Fortsetzung:

Sie kennt das gar nicht, das ewige Tragen. Bei ihr liegen die Kinder auch einfach am Boden und brauchen nichts.

Quengeln sie doch, werden sie kurz hochgenommen, aber nur kurz.

Kuscheln gibt es nur beim Vorlesen und auch das nur sehr verkrampft (man sieht, wie sich ihre Körperspannung verändert).

Einzig geändert hat sich der Umgang mit Gewalt: Würde sie einmal meine Kinder angreifen oder ihnen einen Klaps geben, dann hat sie ihre Enkelkinder zum letzten Mal gesehen.

Sie ist eben die Oma, die viele Ausflüge mit ihnen macht, ihnen genauso wie mir materiell viel bietet und das genießen die Kinder auch. Ich weiß nur, dass sie nach einem Oma-Wochenende wieder ein paar Nächte bei uns im Bett schlafen, um Nähe aufzutanken. Und das genieße ich dann sehr. Denn genau daran sollen sie sich einmal erinnern: An Nähe, Liebe, Geborgenheit und viel Lachen!

Dieser Beitrag erschien bereits auf der Seite welovefamily.

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