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Es hat auch Vorteile alleinerziehend zu sein

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MOTHER CHILD AUTUM FILTER
Anton Bogodvid via Getty Images
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Gestern bin ich nur knapp einem Streit mit meiner Mutter entkommen. Ich war fix fertig und mit meinen Kräften am Ende... und habe ihr mein Leid geklagt. Dabei bin ich in einen Strudel von negativen Gedanken abgerutscht und war wohl, in meinen Augen, in der schlimmsten Situation, in der man überhaupt sein könne.

Keine andere Situation ist schlimmer. Alleinerziehend - aus der Traum von der vierköpfigen Bilderbuchfamilie. Kein gemeinsames Genießen der ersten Schritte des Sprösslings und auch kein Konkurrenzkampf, ob das erste Wort wohl Mama oder eher doch Papa sein wird.

Das alles war mein Traum. Mehr wollte ich nicht vom Leben. Einfach „nur" eine Familie, die sich liebt. Und das kann ich nicht bekommen.

Am Telefon dann, anstelle von Unterstützung und Empathie von Seiten meiner Mutter, kamen in ihr ihre eigenen Erfahrungen hoch und so meinte sie doch tatsächlich, dass es auch mit einem Partner an der Seite oft nicht so toll ist - und dann - der Überhammer - sagte sie noch, dass es mit Partner oft noch schwieriger sei als ohne.

Ha! Dass ich nicht lache! Schwieriger... genau! Hat die eine Ahnung.....! Sie weiß es ja nicht, wie es ist, tagtäglich alleine zu sein....

Und schon ging es los - ein quasi Konkurrenzkampf, wessen Situation denn nun schlimmer wäre... Alleinerziehend oder mit Partner (der einen aber nicht unterstützt). Es ging hin und her, bis schließlich ein Satz fiel, der mich auf neue Gedanken brachte:

„Es hat auch Vorteile alleinerziehend zu sein"

Ein Schlag ins Gesicht! Wie kann man das nur behaupten! Welche Vorteile soll es denn bitte haben, dass mein Kind nicht mit Mama UND Papa aufwachsen darf?? So ein Blödsinn!

...Aber ich hörte zu. Und so erkannte ich, dass es doch tatsächlich manche Punkte gibt, die man vielleicht mehr ins Licht rücken sollte. Dann schafft man es vielleicht auch von der Rolle der bemitleidendswerten alleinerziehenden Mutter weg, hin zu einer selbstbestimmten Powermama.

Offen sein für Vorteile

Es ist als alleinerziehender Elternteil aufgrund der ständigen Belastung (bzw. eigentlich permanenten Überforderung) nicht einfach, offen für diese Vorteile zu sein. Das Gefühl, die Rolle als Alleinerzieher würde verharmlost oder unterschätzt werden, kommt dabei hoch.

Aber das soll nicht der Fokus sein, wenn man von Vorteilen spricht. Es ist klar, dass alleinerziehende Mütter (und natürlich auch Väter) unglaubliche Leistungen vollbringen - sie gehen nicht nur an ihr Limit, nein, sie gehen WEIT darüber hinaus.

Mehr zum Thema: "Ich kann mir nicht einmal eine neue Hose leisten" - ein alleinerziehender Vater klagt an

Oft weiß man hinterher selbst nicht, wie das schaffbar war, aber es ist geglückt. Wenn es also um Vorteile geht, dann sollte man diese als Rettungsanker sehen, als kleine Lichtblicke, die es überhaupt erst möglich machen, das alles durchzustehen. In vielen Situationen schafft man es aber selbst nicht, diese positiven Seiten wahrzunehmen, deshalb ist es um so wichtiger, dass sie immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

Welche Vorteile sind es denn nun, die mich überzeugen konnten?

Hier kommen sie:

1. Keiner redet in die Erziehung rein

Ja!!!! Tatsächlich, das ist ein großer Vorteil! Der wichtigste Punkt überhaupt, der nicht genügend wert geschätzt werden kann. Einen Erziehungsstil konsequent und ohne Gegenspieler durchsetzten zu können, ist Gold wert! Nicht nur für den Elternteil, sondern vor allem für das Kind.

Es kommt nicht in die Situation einen Konflikt zu haben, weil es nicht versteht, warum bei Papa die Dinge ganz anders sind als bei Mama. (Gut, hier muss ich eine Einschränkung machen: Es gibt ja natürlich die Besuchszeiten. Und viele spielen sich hier gerne gegeneinander aus. Aber für das Kind ist sein Alltag klar, es weiß, dass bei diesen Besuchen andere Regeln herrschen und kommt damit klar.)

2. Eigene Entscheidung

Das genieße ich tatsächlich. Es ist meine Entscheidung (im Einklang mit meinem Kind natürlich), was gegessen wird, wie der Tag aussieht oder was wir unternehmen. Ich entscheide, wann ich z.B. in Spielplatzsituationen einschreite und wann ich mein Kind die Angelegenheiten selbst regeln lasse. Niemand kritisiert mich dabei. Das macht mich zu einer selbstbestimmten und selbstbewussten Mama.

3. Bindung

Im Normalfall (wenn man also nicht völlig die Nerven wegschmeißt) hat man zu seinem Kind eine ausgesprochen gute Bindung. Logisch. Das Kind hat ja niemand anderen. (Dabei ist es aber trotzdem gut, wenn man darauf achtet, dass das Kind auch andere Bezugspersonen findet. Nur eine Bezugsperson reicht natürlich nicht aus.)

4. Weniger (oder zumindest anderes) Konfliktpotential

Oft sieht man nur eine Momentaufnahme aus dem Leben anderer. Diesen einen Moment, in dem einfach alles perfekt scheint. Dass es aber in drei Stunden wieder völlig anders aussehen kann, daran denkt man nicht. Dass beispielsweise haufenweise Konfliktpotential vorhanden ist, wenn man gemeinsam wohnt.

Ich denke dabei an klassische Dinge, wie die Wahl des Essens oder mehr Unordnung durch eine weitere Person. Emotionale Konflikte, die Veränderung der Partnerschaft durch das Kind oder auch fehlendes Ausleben der sexuellen Bedürfnisse, es gibt einfach unzählige Themen, die man als Alleinerziehende/r nicht hat.

5. Es macht stark!

Es ist der schwerste Job der Welt - und wenn man den ohne Unterstützung schafft, dann kann nichts mehr kommen, das einen noch umhauen kann! Man darf sich dabei auch ruhig selbst auf die Schulter klopfen. Das, was man tagtäglich leistet, das könnte niemand bezahlen, wenn man dafür eine Rechnung stellen würde.

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6. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen

Nur vor mir. Und in einigen Jahren vielleicht vor meinem Kind. Aber sonst vor niemanden. Das macht frei! Sollte jetzt jemand meinen, naja, der andere Elternteil (hier der Papa) würde ja Rechtfertigung einfordern, auch wenn er nicht ständig da ist, dem sage ich folgendes:

Ich muss mich auch vor ihm nicht rechtfertigen. Denn er lebt in einer völlig anderen Welt. Nur wenn er in meiner Situation wäre, hätte er das Recht dazu, das zu fordern. Und das ziehe ich genau so durch.

7. Auszeiten

Dieser Fall, das gebe ich zu, trifft leider nur auf einen Teil der Betroffenen zu. Sollte man aber das Glück haben, dass der andere Elternteil sein Besuchsrecht in Anspruch nimmt bzw. nehmen kann (und auch sonst nichts dagegen spricht), dann hat man etwas, von dem andere Mamas wahrscheinlich nur träumen: Ein ganzes Wochenende für sich!

Natürlich geht das auch erst ab einem bestimmten Alter, so lange die Kinder klein sind muss man andere Lösungen finden. Aber bis dahin darf man diesen Zeiten entgegenfiebern!
 
Leider war es das aber dann auch schon.  Die genannten Vorteile sind natürlich, wie schon erwähnt, nicht bei allen gleichermaßen gültig, es hängt vor allem davon ab, in welcher Situation man sich tatsächlich befindet, denn wie an anderer Stelle bereits geschrieben, Alleinerzieher ≠ Alleinerzieher.

Deshalb ist es wichtig, ganz individuell Ausschau nach den persönlichen Vorteilen zu halten. Versucht es einfach mal? Welche fallen dir ein? Schreib sie mir, ich bin neugierig!

Der Beitrag erschien ursprünglich auf welovefamily.

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