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Hauen, beißen, kratzen: Warum es gut ist, wenn Kinder aggressiv sind

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CHILD ANGRY PARENTS
Nadezhda1906 via Getty Images
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Aggressive Kinder werden gerne als schlimm oder unerzogen bezeichnet, doch diese Zuschreibung ist nur bedingt zutreffend. Kinder dürfen aggressiv sein, um Stress abzubauen oder Unmut auszudrücken.

Es ist nicht mehr als das Zeigen, mir gefällt etwas nicht, ich kann es aber nicht anders zum Ausdruck bringen. Aggression ist eine Emotion von vielen, die ein wichtiger Antriebsmotor in unserem Leben ist.

Was versteht man unter Aggression?

Ist es wirklich nur das klassische hauen, beißen, kratzen, schubsen? Oder ist Aggression noch viel mehr?

In erster Linie fokussieren sich Eltern auf Aspekte der körperlichen Gewalt: Wenn Kinder schubsen, hauen, etwas aus der Hand reißen wird dies als aggressives Verhalten gewertet. Jedoch muss es von Situation zu Situation neu definiert werden:

Zwei Kinder spielen in der Sandkiste. Tom beginnt Ben mit Sand zu bewerfen. Ben ruft "Hör auf! Nein!", setzt sich woanders hin. Tom hört jedoch nicht auf, sondern folgt Ben und wirft weiterhin mit Sand. Ben schubst ihn weg.

Ben hat in diesem Beispiel nicht aggressiv reagiert, sondern nur seine Grenze gezeigt, die von Tom überschritten wurde.

Sarah und Julia spielen in der Sandkiste. Sarahs Mama möchte, dass Sarah ihre Schaufel mit Julia teilt. Sarah möchte aber nicht, doch ihre Mama gibt Julia die Schaufel mit den Worten: "Du brauchst sie eh nicht und kannst sie ruhig teilen". Sarah wird wütend und haut Julia.

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In diesem Fall hat Sarahs Mutter die Grenze ihrer Tochter nicht gewahrt. Teilen ist ein Verhaltensmuster, das sich Eltern von ihren Kindern wünschen und das zum Ziel einer guten Erziehung gehört. Kinder teilen ihre Spielsachen auch gerne, doch müssen sie dazu kognitiv in der Lage sein.

Dazu braucht es Empathie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Sarahs Mutter hat über ihre Tochter hinwegentschieden und Sarah hat ihre Wut an Julia, die nun im Besitz ihrer Schaufel ist, ausgelassen.

Aggression muss aber nicht ausschließlich körperlich sein, sondern auch sprachliche Formen sind existent: die verbale Gewalt. Sie ist die meist verbreitetste Form, aber die am wenigsten reflektierte.

Beobachten wir uns doch einmal selbst: "Für das bist du noch zu klein", "Aus dir wird nie etwas", "stell dich nicht so an".

"Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann....", wäre ein Beispiel für eine Drohung. Oder: "Wenn du aufisst, bekommst du ein Zuckerl" als eine Form der Erpressung. "Ich habe dir schon 100 Mal gesagt....." oder die Auszeit im Kinderzimmer.

Die gewaltfreie Kommunikation oder Giraffensprache setzt sich genau mit diesen Aspekten der Sprache auseinander und versucht Wege zu zeigen, wie eine wertschätzende und achtsame Kommunikation in der Familie möglich ist und wie alle Familienmitglieder ihre Anliegen so formulieren können, dass sich niemand verletzt oder angegriffen fühlt ("100 Mal gesagt", "ständig", "schon wieder" sind alles Floskeln, die das Kind darauf schließen lassen, dass uns etwas permanent stört und ist eine Verurteilung).

Aggression bei Kindern unter 3 Jahren

Die meisten Eltern können die Wutausbrüche ihres unter 3-jährigen Kindes gut nachvollziehen: Kinder versuchen auf diese Weise, ihren Vorstellungen und Wünschen Ausdruck zu verleihen und es gilt der Gedanke: Das Kind muss es erst lernen, es ist ja noch klein.

Kinder unter drei Jahren sind kognitiv noch nicht in der Lage, ihre Impulse und Gefühle zu kontrollieren und handeln "im Affekt", ohne böse Absicht.

Es fehlt ihnen noch die Kompetenz, ihre Gefühle angemessen zu zeigen und auszudrücken. So kann ein Biss durchaus eine Liebesbekundung sein, nur ein wenig zu stürmisch.

Es kann den Perspektivenwechsel nicht vornehmen und nicht verstehen, dass seine Liebesbekundung das Gegenüber schmerzt.

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Es geht dabei nicht um Verletzung und Zerstörung, sondern um mangelnde Impulskontrolle. Darunter versteht man die Fähigkeit, eine affektiv gelenkte Aktion kurz vor der Ausübung zu stoppen und deren Sinnhaftigkeit zu reflektieren.

Erst mit ca. 7 Jahren ist dieser Meilenstein in der Entwicklung der Kinder vollständig ausgereift, ähnlich der Sprach- und Empathieentwicklung, die damit eng verbunden sind.

Die Entwicklung der Impulskontrolle geschieht ohne aktives Zutun, sie ist ein Teil der Sozialisierung, der jedoch ein kognitives Zeitverständnis (Aufschub) und Einfühlungsvermögen benötigt.

Gut beobachtbar ist die automatische Entwicklung bei Babys: Während sie in den ersten Lebenswochen und -monaten erst zu weinen aufhören wenn ihr Bedürfnis erfüllt ist, lernen sie im Laufe der Entwicklung kurze Zeitspannen abzuwarten.

So kann das Hochziehen des Shirts als Beginn des Stillens oder das Decken des Tisches als Vorbereitung auf die Mahlzeit gesehen werden und das Kind weiß: Gleich bekomme ich etwas zu essen.

Kurze Geduldsübungen müssen daher nicht extra geübt werden, sie geschehen im alltäglichen Zusammenleben.

Älteren Kindern kann mithilfe eines Weckers oder einer Sanduhr ein Gefühl für Zeit und Dauer vermittelt werden (die klassischen "nur noch 5 Minuten" oder "warte kurz" können so Gestalt annehmen).

Kinder über 3 Jahren

Das Verständnis der Eltern und der Gesellschaft endet so mit 3 bis 4 Jahren, wenn Kinder mutwillig ihre Spielsachen zerstören, auf ihre Eltern und andere Kinder bewusst hinschlagen, um ihren Willen durchzusetzen.

Zwar ist die Impulskontrolle erst mit etwa 7 Jahren vollständig entwickelt, doch kognitiv sind Kinder in diesem Alter bereits in der Lage, ihre Handlung in einem kleinen Zeitfenster bewusst zu planen.

Bei älteren Kindern, die Gewalt bewusst einsetzen, lohnt sich ein Blick auf die Familiengeschichte: Ist etwas vorgefallen, das das Kind verunsichert? Fühlt sich das Kind nicht ernst genommen? Wie steht es um Ihre Bindung zum Kind?

Wie gehen Sie mit Ihren Grenzen und mit dem Thema Gewalt um? Reflektieren Sie auch Ihre Meinung: Was ist Gewalt, wo beginnt sie, wo hört sie auf?

Begrenzung und Umgang mit der Aggression

Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind von Natur aus aggressiv ist - das Schlimme daran ist, dass es zu einem gesellschaftlichen Tabu wurde und keinen Platz mehr findet. Die Angst vor dem "Tyrannen" sitzt in unseren Köpfen, die Angst vor dem Kind als Schläger.

Wenn Kinder jedoch altersadäquate Verhaltensmuster zeigen wie beißen, dann folgt als nächster Schritt der Weg zum Psychologen. Immer wieder bekommen diese Kinder zu hören, sie handeln böse und entwickeln in letzter Konsequenz ein "böses" Selbstbild und nehmen sich selbst als böse wahr.

Das Umlenken des Affekts "Hauen, Beißen, Kratzen" als Wutdarstellung braucht Zeit, Wiederholung und schließlich Festigung. Überlegen Sie mögliche motorische Signale wie die Stop-Hand oder ein lautes Rufen "Nein, ich mag das nicht!".

Je jünger das Kind ist, desto schneller braucht es Unterstützung, nicht doch in das alte Verhalten zurückzufallen, sondern Bestärkung zu erfahren.

Auch in der Eltern-Kind-Beziehung kann z.B. eine Berührung auf der Schulter ein Signal zur Selbstregulation sein. Der nächste Schritt wäre die Verbalisierung als Problemlösestrategie, wobei hier die sprachlichen Fähigkeiten entsprechend ausgereift sein müssen.

Beim Umgang mit der Aggression geht nicht darum dem Kind das Ausleben zu verbieten, sondern die eigenen und die Grenzen anderer aufzuzeigen und zu wahren.

Daher kann es sinnvoll sein, einen Wutpolster oder eine Schimpfwortecke zu haben oder einen Sportkurs zu besuchen, damit überschüssige Energien und Wut abgeladen werden können.

Auch Sie als Eltern sind aufgefordert, Ihre Sprache und Ihren Umgang mit Gefühlen zu reflektieren: Gehen Sie empathisch und achtsam mit Ihrem Kind um und beschreiben Sie, was Sie sehen: "Ich sehe, du bist wütend. Das ärgert dich nun. Das kann ich verstehen.

Lass uns gemeinsam eine Lösung finden." Sätze wie "Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann....." oder "Ich habe dir schon 100 Mal gesagt...." sind keineswegs "harmlos" oder wertfrei, sondern auch "verbale Gewalt". Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, wertvoll zu sein.

Verbalisieren Sie nicht nur das Verhalten des Kindes, sondern auch Ihre eigenen Gefühle: Sie dürfen fröhlich, traurig, wütend, enttäuscht, beleidigt, glücklich etc. sein. So bleiben Sie authentisch und ermöglichen Ihrem Kind, Empathie zu entwickeln.

Ein klares und deutliches "Nein", gefolgt von Distanzierung (Sie verlassen den Raum, Kind auf den Boden stellen etc.) zeigt Ihrem Kind, das nun etwas nicht stimmt.

Keinesfalls ist Liebesentzug der richtige Weg, doch primär steht das Aufzeigen der eigenen Grenze im Vordergrund. Und nur wenn Sie achtsam mit sich umgehen, kann Ihr Kind von Ihnen lernen.

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Halten Sie sich aus Rangeleien und Konflikten der Kinder raus. Wenn es nicht um eine körperliche Demonstration von Macht in einem unfairen Verhältnis geht, lassen Sie die Kinder ihre Streitigkeiten selbst regeln.

Auch Spiele wie Kämpfen und Tot schießen sind keine Vorboten von einem Hang zur Gewalt, sondern Rollenspiele, die Größe und Überlegenheit zeigen.

Potentiale der Aggression

Aggression ist nicht nur negativ, sondern sie beinhaltet auch schöpferische Vielfalt, die in andere Bahnen gelenkt werden muss. Ziel muss es daher sein Wege zu finden, wie Ihr Kind Aggression ausleben kann, ohne andere und sich zu verletzen.

Vielleicht wären eine Kampfsportart, ein Kletterkurs oder Fußball Möglichkeiten, den Emotionen Freiraum zu geben. Aber auch in kreativen Angeboten können Kinder ihre Gefühle ausdrücken und davon profitieren.

Quellen:

  • Jesper Juul: Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
  • Jan-Uwe Rogge: Kinder dürfen aggressiv sein


Der Beitrag erschien ursprünglich auf welovefamily.at.

(jz)

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