Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sylvia Bruns Headshot

Cannabis kontrolliert freigeben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WEED
The Washington Post via Getty Images
Drucken

2016-05-01-1462108573-4200814-HUFFPOST1.jpg

Die bisherige Politik der Drogenprohibition ist genauso gescheitert wie die Alkoholprohibition in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie hat fast nur negative Auswirkungen und kaum positive. Das Verbot führt nicht zur Abstinenz, im Gegenteil. Die europäische Beobachterstelle für Drogen in Lissabon kommt zu dem Ergebnis, dass die rechtliche Lage auf die Menge des Konsums keinen Einfluss hat.

Tatsächlich können wir feststellen, dass es in Holland, wo der Erwerb und Konsum seit Jahrzehnten rechtlich geduldet wird, weniger Cannabis-Konsumenten als im europäischen Durchschnitt gibt. Das bringt mich zu einem anderen Punkt, dem Märchen von der Einstiegsdroge. Cannabis ist keine Einstiegsdroge. Wenn es überhaupt so etwas wie Einstiegsdrogen gibt, dann sind es Alkohol und Zigaretten.

Allerdings ist das Einstiegsdrogen-Argument ohnehin fragwürdig, da es auf einem logischen Fehler basiert: Von einer Korrelation (z.B. viele Meth-Konsumenten haben früher Cannabis konsumiert) kann man nicht auf eine Kausalität (Der Konsum von Cannabis verleitet zum Konsum von Meth) schließen. Wenn jemand mit harten Drogen in Kontakt kommt, dann meist nur deshalb, weil er durch das Verbot zu Dealern getrieben wurde, die andere Drogen anbieten - eine Legalisierung würde hier Abhilfe schaffen.

Wozu führt das Verbot wirklich?

Es führt dazu, dass Millionen von Menschen illegal handeln - ohne dabei jemandem zu schaden. Diese Kriminalisierung eines großen Teils der Bevölkerung ist unangemessen. Menschen müssen die Freiheit haben, sich zu amüsieren und zu genießen, wenn das, was sie tun, andere nicht schädigt.

Das Strafrecht darf nur für erheblich fremdschädigendes Verhalten angedroht werden.
Die derzeitige Kriminalisierung eines nicht sozialschädigenden Verhaltens führt dazu, dass vielen Menschen der Lebensweg verbaut wird. Wer mehrfach mit Cannabis auffällt, der bekommt eine Vielzahl kleiner Strafen und verliert auch den Führerschein.

Hieraus kann eine Hürde für die Ausbildung und die weitere berufliche Entwicklung entstehen, es kann sogar zu einem Bruch in der Biographie werden, der das ganze Berufsleben über negativ belastet. "Die schädlichste Nebenwirkung von Cannabis ist die Kriminalisierung"

Hierfür kann man beliebig viele Beispiele anführen. Die Auszubildende, die nach einem Drogentest ihren Ausbildungsplatz verliert und auf die schiefe Bahn gerät, den Häftling auf Bewährung, der wegen eines Joints seine Chance auf Resozialisierung einbüßt, die Architektin, die wegen des Besitzes von 0,01 Gramm Marihuana zu einer Geldstrafe und Führerscheinentzug verurteilt wird oder der Schmerzpatient, der in Handschellen abgeführt wird, nachdem Polizisten seine Wohnung wegen einer Hanfpflanze im Fenster gestürmt haben... Die schädlichste Nebenwirkung von Cannabis ist die Kriminalisierung.

Dagegen würde die Legalisierung noch eine Reihe von Vorteilen haben. So könnte der Staat den Cannabis-Handel besteuern - analog zur Branntwein- oder Tabaksteuer. Dem Fiskus entstünden dadurch zusätzliche Einnahmen im zehnstelligen Bereich - Experten rechnen mit ein bis zwei Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Geld könnte in Schulen oder Aufklärungs- und Präventionsarbeit investiert werden.

Gleichzeitig hätten wir eine Entlastung von Polizei und Justiz. Die Durchsetzung des Cannabis-Verbotes verschwendet enorme Ressourcen bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Justizvollzugsbehörden. Ressourcen, die für die Verfolgung echter Straftaten fehlen. Ich denke, dass die Freigabe mit der Schaffung eines legalen Marktes einhergehen muss. Nur legale Märkte können staatlich reguliert und kontrolliert werden. Dealer fragen Jugendliche nicht nach dem Ausweis, lizensierte Händler schon.

Raus aus der Illegalität

Auf dem Schwarzmarkt wird Cannabis häufig mit anderen, zum Teil gesundheitsgefährdenden Substanzen gestreckt, um die Gewinnspanne zu erhöhen. Im legalen Handel könnte das durch Qualitätskontrollen verhindert werden.

Konkret könnte ich mir vorstellen, dass Apotheken und spezialisierte Shops Lizenzen zum Handel erwerben können und verpflichtet werden, den Konsumenten über die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen aufzuklären.

Natürlich gibt es bei der Legalisierung auch noch eine Reihe anderer Punkte zu bedenken. Wie alle Rausch- und Genussmittel birgt auch Cannabis bei übermäßigem Konsum gesundheitliche Risiken mit sich. Es ist allerdings weniger schädlich, als die legalen Drogen Alkohol und Tabak: Während diese in Deutschland jährlich weit über 100.000 Todesopfer fordern, gab es weltweit noch keinen einzigen nachgewiesenen Cannabis-Toten.

Da auch nicht davon auszugehen ist, dass mehr konsumiert wird, wäre allerdings nicht mit einem Anstieg der Krankenkassenbeiträge zu rechnen. Wo wir genauer hinsehen müssen, ist allerdings im Straßenverkehr. Hier müssen wir eine erhöhte Gefährdung ausschließen. Autofahren unter Cannabis-Einfluss muss natürlich genauso verboten bleiben wie unter Alkohol-Einfluss.

Das Zentrum für Verkehrswissenschaften Würzburg empfiehlt dafür einen Grenzwert zwischen 7 und 8 ng THC pro ml Blutserum. Dies entspräche etwa der 0,5 Promille-Grenze beim Alkohol. Getestet werden kann dies mit den bereits vorhandenen Schnelltests (Schweiß/Urin o.ä.), die dann möglicherweise zu einem gerichtsfesten Test führen können.

Dass ein solches Modell funktionieren kann, zeigen uns auch die Erfahrungen aus den USA. In den US-Staaten, die Cannabis legalisiert haben, ist die Rate tödlicher Verkehrsunfälle nicht gestiegen sondern gesunken.

"Natürlich brauchen wir auch einen effektiven Jugendschutz"

Darüber hinaus sollte Cannabis auch - analog zu harten Alkoholika - nicht an Kinder und Jugendliche abgegeben werden, da regelmäßiger Cannabiskonsum besonders in dieser Personengruppe die Auslösung von Psychosen begünstigen kann.

Experten gehen davon aus, dass das Psychose-Risiko bei Cannabis-Konsum etwa um den gleichen Faktor erhöht ist wie das von Kindern, die in Großstädten aufwachsen gegenüber solchen, die auf dem Land groß werden.

Zuletzt möchte ich noch etwas zu der beliebten Behauptung sagen, dass Kiffer faul sind. Soweit mir bekannt ist, gibt es keine Studie, die das belegt. Vielmehr dürfte es so sein, dass es in Einzelfällen zu einer Demotivation kommt und der Konsum in anderen Fällen, insbesondere bei der medizinischen Anwendung, überhaupt erst dazu führt, dass die Person arbeiten kann.

Nimmt man jetzt alle Argumente zusammen, gibt es kein logisches Argument für die Illegalität von Cannabis. Es spricht eher das undefinierbare Gefühl.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Das ist die böseste Abrechnung mit der Kanzlerin, die ihr heute hören werdet

Lesenswert: