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Endlich draußen - warum ich nach 8 Jahren mein Facebook-Profil gelöscht habe

30/07/2017 14:03 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 14:03 CEST
Sylvia Borges

Seit mehr als zwei Wochen ist Schluss. Ich existiere nicht mehr in der Facebook-Welt. Mit diesem Gedanken geht ein befreiendes und zugleich beunruhigendes Gefühl einher.

Wie es dazu kam? Die kurze Antwort ist, dass ich etwas Besseres gefunden habe.

Sein Blick ist so leer wie sein Kühlschrank

Für die längere Antwort muss ich einige Wochen zurückspulen:

Ich besuche einen Freund. Er sitzt seit einigen Wochen in einer schweren Depression fest. Als seine Energie nicht mal mehr reichte, um zu essen und zu trinken, hat er sich mit letzter Kraft in eine Klinik einliefern lassen. Für seinen ersten Wochenend-Freigang hat ihn die Klinik mit einer Art Survivalpack ausgestattet: Drei Packungen Hühnerfrikassee, das er nur noch in die Mikrowelle schieben muss.

Während ich dasitze und mit verschwitzten Händen an meinem Glas mit Leitungswasser nippe, schaut er abwesend aus dem Fenster. Sein Blick ist genauso leer, wie sein Kühlschrank.

Ich kann vom Zehner springen, vor großen Gruppen sprechen und nachts alleine durch den Wald gehen. Das Gefühl der Hilflosigkeit allerdings macht mir wirklich Angst.

Am liebsten würde ich wegrennen und erst dann wiederkommen, wenn der Mensch zurück ist, den ich seit 17 Jahren kenne - mit dem ich mich in der Schule gelangweilt, wilde Parties gefeiert und mir das spätere Leben ausgemalt habe. Nun ist das Leben da und mit ihm die große Enttäuschung.

Tränen laufen über sein Gesicht

Ich frage ihn, wie er sich fühlt. Er ringt um Worte, als würden sie ihm durch die Finger gleiten, immer wenn er versucht danach zu greifen. "Ich weiß nicht, wofür ich weitermachen soll. Ich fühle mich wie der größte Versager", erwidert er und schaut dabei zu Boden.

Tränen laufen über sein Gesicht. Anstatt ihn in den Arm zu nehmen, durchforste ich mein Hirn nach Plänen, Lösungen und Hilfsangeboten. Doch mir fällt nichts ein. Ich sage, dass die Lust am Leben sicher wiederkommt, wenn er weiter in der Klinik bleibt. Jedes Wort fühlt sich falsch an.

Auf dem Rückweg in der Bahn schaue ich mir sein Facebook-Profil an.

Ich sehe Fotos vom Sport, vom Strand, sein schönes, filigranes Gesicht, das strahlende Lachen und ich frage mich, wie ausgerechnet einer der intelligentesten, attraktivsten und talentiertesten Menschen, die ich jemals auf diesem Planeten getroffen habe, die Lust am Leben verlieren kann.

Einige Tage später gehe ich durch eine Einkaufsstraße und grüble, was ich diesem Freund zum Geburtstag schenken könnte.

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Doch nichts erscheint mir passend. Wie soll ich jemandem eine Freude machen, der sich nicht mal mehr über das eigene Leben freut?

Was gibt euch in schweren Zeiten die Kraft, um weiterzumachen?

Ich beschließe, ihm eine Liebeserklärung zu schenken, genauer gesagt eine Erklärung, warum es sich lohnt, das Leben zu lieben.

Da mir tausend Worte durch den Kopf schießen, aber keine sinnvolle Reihenfolge, nehme ich meine Kamera und gehe raus in einen Park um die Ecke. Ich habe den Plan, dort fremde Menschen anzusprechen und sie zu fragen, was ihnen in schweren Zeiten Kraft gibt weiterzumachen - was sie am Leben hält.

Als ich dort auf der Parkbank sitze, kommt mir diese Idee auf einmal fürchterlich naiv vor. Zudem wirken alle so beschäftigt. Die Meisten haben Kopfhörer auf und tippen auf ihren Smartphones rum. Manche essen sogar noch dabei.

Ich laufe durch den Park und merke, wie mir das Herz immer tiefer in die Hose sackt. Dann sehe ich eine alte Dame, die auf einer Parkbank sitzt. Sie betrachtet mit einem Lächeln die kleinen Entenküken, die der Mama hinterher watscheln.

Dass Menschen wegschauen, ist fast so schlimm wie die Depression selbst

Unsere Blicke treffen sich für einen Moment. Ein Teil von mir will schnell weitergehen, aber ein anderer Teil sagt: "Bleib hier und zieh' es durch!"

Ich gehe also zu ihr und erkläre mit der Souveränität eines Fünfjährigen mein Vorhaben. Sie lächelt und sagt, dass ich mich erst mal zu ihr setzen solle.

"Sie haben ja ein gutes Näschen", kommentiert sie und erzählt mir, dass sie bereits seit ihrer Jugend an Depressionen leidet.

Die Tatsache, dass niemand in ihrem Umfeld die Depression als Krankheit akzeptiert habe, sei allerdings genauso schlimm gewesen, wie die Depression selbst. Sie sei zu einer Zeit aufgewachsen, in der es noch keine psychischen Erkrankungen gab, zumindest nicht nach außen.

Mehr zum Thema: 12 Dinge, die du wissen musst, wenn du einen Menschen mit Depressionen liebst

Ihr Vater habe sie immer daran erinnert, dass "solche" unter Adolf nicht weit gekommen wären. Es habe sie ein ganzes Leben gekostet sich zu akzeptieren. "Wir haben nur das eine Leben und am Ende sind wir bloß uns selbst Rechenschaft schuldig", resümiert sie mit einem gewissen Trotz in der Stimme.

"Wenn du nicht aufgibst, wächst du daran!"

Ich frage sie, was sie bewegt, weiterzumachen.

Sie überlegt und antwortet: "Der Blick nach innen."

Als junge Frau habe sie sich diesen Blick nicht erlaubt, was vieles schlimmer gemacht habe. "Erst durch die Meditation habe ich gelernt, in mich hinein zu schauen. Das hat mir mehr geholfen, als jedes Medikament."

Sie betont, dass sie rückblickend erkennen könne, wie sehr sie gewachsen sei, gerade in den Zeiten, in denen sie kaum Kraft gehabt habe und die Scham sie fast umgebracht hätte. Ihr Fazit: "Wenn du nicht aufgibst, wächst du daran!"

Heute, als alter Mensch fühle sich sich oft stärker, als die Gesunden, weil sie gelernt habe, zu ihrer Verletzlichkeit zu stehen.

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Wir unterhalten uns lange Zeit. Es fühlt sich überraschend leicht an, sich mit diesem fremden Menschen über die intimsten Dinge des Lebens zu unterhalten: Beinahe so, als hätte sie hier im Park auf mich gewartet, um mir endlich ihre Geschichte zu erzählen.

Ich bedanke mich schließlich bei ihr und gehe weiter. Beim Nächsten kostet es mich schon weniger Überwindung ihn anzusprechen. Mein Herz beginnt Gefallen an dem Projekt zu finden.

Nur eine Frau behandelt mich wie einen Schmarotzer

Den ganzen Tag lang gehe ich von einer Parkbank zur Nächsten und höre mir die Geschichten der Fremden an.

Natürlich bekomme ich auch Abfuhren, doch keine fühlt sich wirklich unangenehm an. Es sind einfach Menschen, die gerade nicht zu einem Gespräch in der Lage sind, aus welchen Gründen auch immer.

Nur eine einzige Frau hat wirklich ein Problem mit mir und behandelt mich wie einen lästigen Schmarotzer. Ich gehe einfach weiter und denke mir: "Es ist nur eine Fremde!"

Nun ist das Schlimmste passiert, was passieren konnte und ich stelle fest, dass es gar nicht schlimm ist. Ich frage mich, wovor ich bloß solche Angst hatte?

Auf einer Parkbank sehe ich einen Mann im bunt geblümten Hemd mit einem großen, weißen Rauschebart. Er liest gerade in einem Gedichtband und ist umgeben von Zetteln. Ich setze mich und beginne ein Gespräch mit ihm.

Ich bin es nicht gewohnt, dass Menschen ehrlich sind

Er ist ein rauer Charakter, "ein Schrubber", wie er es nennt. Zuerst fühle ich mich durch seine Art angegriffen, dann merke ich, dass er nicht respektlos, sondern einfach nur schonungslos ehrlich ist. Das bin ich nicht gewohnt. Es ist ihm vollkommen egal, ob ich ihn mag oder nicht.

Ich bin es auch nicht gewohnt, dass jemand jedes meiner Worte unter die Lupe nimmt. Ich spüre, dass er sich in den 80 Jahren seines Lebens eine eigene Wortwelt geschaffen hat - ein gepflegter Garten der Worte, in dem man sich als Gast behutsam bewegen muss.

Für ihn ist ein Wort nicht nur ein Container für Information. Jedes Wort hat eine Gestalt, einen Geschmack und steht für eine bestimmte Kultur des Denkens. Manche Worte wiederholt er langsam und genussvoll, als wolle er sie auskosten, wie eine süße Frucht.

Für jeden Satz pflückt er die passenden Wörter und stellt sie wie einen Blumenstrauß zusammen. Ihre Schönheit nicht zu beachten, käme einer Respektlosigkeit gleich.

Bei der schlichten Funktionalität meiner Sprache, scheint ihm manches Mal ein Schauer über den Rücken zu laufen. Ich frage mich, ob er jemals gesehen hat, wie die Menschen in sozialen Netzwerken miteinander kommunizieren. Ich glaube, Emojis würden diesen stolzen Mann zum Weinen bringen.

Vollkommen erschöpft, aber auf eine gute Weise

Er spricht darüber, dass wir heute alle Antworten mit dem Verstand suchen, dabei entsteht der Verstand aus der Empfindung. Es sei wichtig, sich das Fühlen zu gestatten, bevor man urteilt.

Als ich ihn frage, was ihm in schweren Zeiten Kraft gibt weiterzumachen, schreit er mich fast an: "Du hast deinen Schmetterling und ich habe meinen Schmetterling und wir müssen auf sie aufpassen! Wir müssen uns immer ein paar Tränen fürs Ende aufsparen!"

Mehr zum Thema: Tausende Betrugsfälle: Wenn ihr diese Nachricht auf Facebook bekommt, solltet ihr auf keinen Fall reagieren

Ich verstehe nicht genau, was er meint. Aber ich fühle seine Worte und das ist viel wichtiger.

Als ich nach diesem langen Tag nach Hause komme, bin ich vollkommen erschöpft, aber auf eine gute Weise. Es ist die Art von Erschöpfung, die eintritt, wenn man seine Komfortzone verlassen hat und bereit ist, Neues zu lernen - eine Erschöpfung der Fülle und nicht der Leere.

Ich überfliege die verpassten Posts bei Facebook.

Britta und Patrick freuen sich über ihr Baby. Lars war shoppen, Selfie mit Milchshake, Selfie im Design-Hotel, Selfie beim Sushi-Essen mit Kollegen, Eigenwerbung verzweifelter Freelancer, Prokrastination verzweifelter Angestellter, ein Video einer hüpfenden Kuh, Surfbilder aus Ibiza, Einweihung der neuen Dachterrasse...

Wo beginnt die Wahrheit, wo die Fiktion?

Ich fühle mich auf einmal so, als würde ich einen Werbeprospekt durchblättern.

Die Ästhetik der Bilder unterscheidet sich nur in einem einzigen Punkt von aktueller Werbung: Ich kenne die Models. Ich soll ihnen abkaufen, dass diese perfekten Momente für ein perfektes, in sich ruhendes Selbst stehen. Im Gegenzug erhalte ich das Gefühl, an ihrem Glück und Erfolg ein klein wenig beteiligt zu sein.

All diese sorgfältig selektieren Momente sind, im Sinne der Ereignisse, wahr, doch die Fiktion beginnt bereits mit der Auslassung. Wie bei einem Geldschein einigen wir uns auf einen fiktiven Wert. Wenn wir fest genug daran glauben, vergessen wir sogar, dass es eigentlich nur ein Stück bedrucktes Papier ist und eh wir uns versehen, hat uns dieses Stück Papier im Griff.

Wir kreieren unverwundbare Bilder von uns, um uns zu beweisen, dass wir wertvoll sind. Doch kann man Unverwundbarkeit mit Stärke gleichsetzen? Ist Verletzlichkeit wirklich eine Schwäche? Sind nicht jene Menschen anziehend, die trotz ihrer Verwundbarkeit den Mut aufbringen, sich auf eine Bühne zu stellen?

Ich erfahre auf Facebook keine Offenheit

Jeder Superheld hat eine verwundbare Stelle.

Wäre es nicht so, wären es die langweiligsten Figuren aller Zeiten und niemand würde ins Kino gehen. Unverwundbarkeit erzeugt im besten Fall Bewunderung und Ambition. Im schlimmsten Fall erzeugt sie Neid und Scham.

Die Sozialwissenschaftlerin Brené Brown hat zehn Jahre lang zu dem Thema Scham geforscht. Sie hat tausende von Interviews geführt und dabei zwei Gruppen von Menschen gefunden. Jene, die sich geliebt und wertvoll fühlen und jene, die ständig um Liebe und Verbundenheit kämpfen müssen und sich immer fragen, ob sie gut genug sind.

Sie hat festgestellt, dass sich beide Gruppen in einem wesentlichen Punkt voneinander unterscheiden. Die Menschen, die mehr Liebe und generell ein erfüllteres Leben erfahren, sind diejenigen, die bereit sind, sich der eigenen Verletzlichkeit auszusetzen.

Sie empfinden Verletzlichkeit nicht als etwas Angenehmes, aber auch nicht als unzumutbar, weder für sich, noch für andere. Vor allem stellt für sie die Verletzlichkeit nicht den eigenen Wert infrage. Sie haben den Mut, sich so zu zeigen, wie wir Menschen nun mal sind: Verwundbar und wunderbar.

Vertrauen birgt die Gefahr, dass man sich aus den Augen verliert

Mir wird klar, dass ich in den acht Jahren bei Facebook nicht einmal so eine Offenheit erfahren habe, wie bei den Gesprächen mit Fremden im Park.

Es ist eine Offenheit, die manchmal peinlich, erschreckend oder verletzend ist und gleichzeitig unglaublich gut tut. Obwohl mich diese Menschen nicht kannten und ich sogar eine Kamera auf sie gerichtet habe, waren sie so mutig, mir ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Genau das hat sie in meinen Augen stark und liebenswert gemacht.

Ich habe mir eingeredet, dass ich bei Facebook bin, um mit all den Menschen in Kontakt zu bleiben, die ich auf Reisen und sonst wo kennengelernt habe. Aber warum vertraue ich nicht einfach darauf, dass die Verbindungen, die wirklich etwas bedeuten, bleiben, weil wir uns umeinander kümmern und am Leben des anderen teilhaben wollen?

Vertrauen birgt die Gefahr, dass man sich aus den Augen verliert. Dafür birgt der Kontakt über Facebook das Risiko, dass unsere Beziehungen in Banalität versinken, dass wir einander sehen aber nicht mehr begegnen.

Ich will meine Freunde wieder besuchen

Welchen Wert hat eine Beziehung, in der man sich nicht verletzlich zeigen darf?

Einen Tag lang ringe ich mit meinem Ego, dann lösche ich endlich meinen Facebook-Account. Mittlerweile sind mehr als zwei Wochen vergangen und die Entzugserscheinungen sind vorüber. Ich habe auch keine Sorge mehr, dass ich Freunde aus den Augen verliere.

Im Gegenteil. Mir ist aufgefallen, dass ich sie, gerade durch Facebook, viel zu sehr aus den Augen verloren habe und dringend wieder besuchen möchte.

Mit den Gesprächen im Park mache ich weiter und bin gespannt, wo mich diese Begegnungen hinführen. Diese Gespräche mit Fremden bringen mir bei, einfach nur da zu sein, zu sehen, zu spüren und zuzuhören. Ist das da draußen nicht das viel spannendere soziale Netzwerk?

Lasst eure schusssichere Social-Media-Weste zuhause und probiert es aus!

Mit der Nähe kommt die Angst

Als ich mir die Interviews zuhause noch mal angeschaut habe, ist mir ein Satz einer jungen Frau aufgefallen: "Es tut gut, wenn jemand zuhört."

Ich habe mich gefragt, warum mir das bei einem Fremden besser gelungen ist, als bei einem Freund, der mir so sehr am Herzen liegt. Vermutlich weil mit der Nähe die Angst kommt und die Angst nach schnellen Lösungen sucht. Manchmal gibt es aber keine schnelle Lösung.

Mir ist klar geworden, dass dieser Freund keinen Film von mir braucht. Die Antworten muss er alleine und in sich selbst finden. Er braucht nur jemanden, der da ist, der zuhört, wenn er erzählen möchte, der geduldig ist, der nicht urteilt und ihm zeigt: "Du bist kein Versager... schon alleine, weil ich dich liebe!"

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Lesenswert:

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