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Die Aufstiegschancen für Migrantenkinder sind ein Armutszeugnis - so können wir das ändern

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CHILDREN MIGRANTS SCHOOL
Philippe Wojazer / Reuters
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Vor vielen Jahren bin ich als Erste aus meiner Familie den Weg an die Hochschule gegangen. Als ich an die Ruhr-Universität Bochum kam, war ich voller Vorfreude, aber doch auch sehr beklommen, weil ich mich fragte, ob ich das wohl tatsächlich bewältigen kann, was da auf mich wartete und was ich in all seinen Einzelheiten ja noch gar nicht kannte.

Am Fuße dieses Riesenbergs namens Hochschulbildung stehen jedes Jahr Zehntausende junger Leute in NRW, Hunderttausende in Deutschland. Zwar stehen die Aufstiegswege für alle offen. Auf dem Papier, in der Theorie.

Doch es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man genug Geld hat, um sich ganz aufs Vorankommen zu konzentrieren. Oder ob man nebenbei jobben muss und viel langsamer vom Fleck kommt.

Es ist ein Unterschied, ob man eine kundige Begleitung, einen Bergführer, hat - oder ob man auf sich gestellt ist und Wander- und Kletterrouten austesten muss.

Die Mühen des Aufstiegs sind größer

Auch die im Vorjahr von der OECD vorgestellt Studie Bildung auf einen Blick belegt dies: Es ist für junge Leute aus formell weniger gebildeten Familien zwar möglich, es nach oben zu schaffen. Die Mühen des Aufstiegs sind jedoch ungleich größer. Manchen machen sich darum erst gar nicht auf den Weg.

Andere kehren auf halber Höhe um. Es ist schon eine erschreckende Tatsache: Fast 80 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien nehmen ein Studium auf - jedoch gerade mal etwas mehr als 20 Prozent der Kinder, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben. Keine neue Erkenntnis.

Neu ist aber die Art und Weise, wie wir in Nordrhein-Westfalen damit umgehen. Wir akzeptieren diesen Zustand nicht als unveränderbar.

Für uns ist er schlicht eine Form sozialer Ausgrenzung. Und eines Vergeudung von Talent, die sich unsere Gesellschaft absolut nicht leisten kann.

Es gibt viele Weggabelungen, an denen sich entscheidet, ob ein junger Mensch ein Studium aufnimmt und erfolgreich zu Ende führt. Da ist zunächst der Schritt von der Schule in die Ausbildung.

Viele Jugendliche trauen sich nicht zu studieren, obwohl sie das Zeug dazu hätten. Die Unterstützung in der Familie fehlt vielleicht. Oder sie sind über die Studienmöglichkeiten nicht ausreichend informiert.

Oder es mangelt an Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Manchmal fehlt auch nur jemand, der sagt: „Das kannst du auch!"

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An den Hochschulen finden wir aktuell eine große Vielfalt von Lebensentwürfen und Biografien. Unter den Erstsemestern gibt es nicht mehr nur junge Abiturientinnen und Abiturienten, sondern auch gestandene Fachkräfte mit dualer Berufsausbildung. Die Zahl der Studierenden ohne Abi ist in NRW so groß wie nirgendwo sonst.

Es gibt mehr als 80.000 ausländische Studierende in NRW, in keinem Land sind es mehr. Es gibt Mütter und Väter, die Studium und Kindererziehung gleichzeitig bewältigen müssen. Sie alle brauchen passende Unterstützung und Begleitung. Wie also können wir einen guten Studienstart und ein erfolgreiches Studium fördern?

Ein Vorbild, auf das inzwischen viele andere Länder bewundernd schauen, ist unser Talentscouting. Die NRW-Talentscouts gehen in Berufskollegs, in Gymnasien und Gesamtschulen, um dort Schülerinnen und Schüler zu finden, die das Potenzial für ein Studium haben.

Als Bergführer, als Pfadfinder unterstützen, motivieren und begleiten sie die Jugendlichen dann auf dem gesamten Weg bis zum ersten Gipfel, bis zum Beginn einer beruflichen Laufbahn.

Dutzende Schulen sind an unserem Projekt beteiligt

Das Talentscouting in NRW ist noch jung. Vor zwei Jahren startete das Pilotprojekt an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Der inzwischen durch unzählige Medientermine bundesweit bekannte Suat Yilmaz war Deutschlands erster Talentscout. Inzwischen sind aber bereits mehr als 30 hauptamtliche Scouts in Nordrhein-Westfalen tätig.

Ab diesem Jahr beteiligen sich noch einmal doppelt so viele Hochschulen wie zuvor, insgesamt sind 14 Hochschulen und Dutzende Schulen beteiligt. Das Talentscouting ist auf ganz NRW ausgeweitet. Aber nicht nur die Scouts der NRW-Hochschulen machen sich für junge Talente stark.

Weitere Initiativen wie die der Mercator Stiftung oder der Universität Duisburg-Essen, die Mut zum Studium machen sollen, spielen eine wichtige Rolle. Unter den Initiativen gibt es eine, die auf ein großes Netzwerk von Freiwilligen baut - daran beteiligen sich bundesweit ehrenamtliche Studierende sowie Akademikerinnen und Akademiker, die im Berufsleben stehen.

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Sie ermutigen und begleiten junge Talente von der Studienwahl bis zum Berufseinstieg. 2015 haben sich in NRW rund 1200 Mentorinnen und Mentoren in mehr als 20 regionalen Gruppen engagiert.

Wenn wir über Herkunft reden, geht es auch um kulturelle Wurzeln. Es ist ein Armutszeugnis für Deutschland, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund deutlich schlechtere Aufstiegschancen haben als in anderen Industrieländern. Scouting und Mentoring sind gute Ansätze, um diese Hindernisse abzubauen.

Aber auch Vorbilder spielen eine wichtige Rolle. Darum hat die Landesregierung das Programm „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte" ins Leben gerufen. Denn jedes vierte Schulkind in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.

Der Anteil der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte liegt aber gerade einmal bei fünf Prozent. Um das zu ändern, haben wir ein Netzwerk von über 400 ehrenamtlichen Unterstützern aufgebaut. Kaum eine Bildungsdiskussion in Deutschland kommt heutzutage ja ohne das klassische Stichwort Akademisierungswahn aus - sozusagen die Kontraposition zum Fachkräftemangel.

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Die einen fordern mehr Meister, die anderen wollen mehr Master. Wir dürfen die Ausbildungswege in Deutschland aber nicht gegeneinander ausspielen. Das ist höchst kontraproduktiv. Unsere Unternehmen brauchen beide, Meister und Master. Beide müssen gut sein in dem, was sie tun.

Das ist es, was Unternehmen von unseren Ausbildungssystemen erwarten. Und dies funktioniert am besten in einem Umfeld, das soziale Gerechtigkeit und gleiche berufliche Bildungschancen garantiert.

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