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Weisheit statt Wahrheit: Warum wir Diskussionen über Diversity anders führen sollten

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ELEMENTARY SCHOOL
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Männer sind so, Frauen anders. Es gibt Gleichberechtigung, es gibt sie nicht. Was wahr ist und was wirklich, darüber lässt sich trefflich streiten. Schließlich hat jeder seine Erfahrungswelt und wird in dieser stetig nach der Bestätigung subjektiver Wirklichkeiten durch Wahrheitsbeweise suchen.

Mindestens konstruktivistisch und systemisch Kundige wissen natürlich (theoretisch), dass das alles Unsinn ist. Und keinen Zentimeter weiterbringt. Diskussionen werden dennoch geführt als hätten alle Parteien nicht etwa Weisheit, sondern Wahrheit gepachtet. Durchaus und gerade auch zwischen und unter Experten.

Aktuelles Beispiel ist die Debatte um die als Anti-Diversity-Manifest deklarierte Schrift des ehemaligen Google-Entwicklers James Damore, doch es gibt dergleichen allerlei mehr. Damore hatte u.a. mit dem Persönlichkeitsmodell Big Five argumentiert, dass es biologische Geschlechterunterschiede gäbe.

Das ist eine Erkenntnis Persönlichkeitspsychologie, die verschiedene Studien belegen. Ohne jedoch darauf einzugehen, schossen viele Medien mehr oder weniger blindlings dagegen. Die Differenziertheit der Schrift ging dabei ebenso unter wie ihr zugleich deutlicher Androzentrismus. Weitergebracht hat das niemand. Könnte es eigentlich auch anders gehen? Mir fallen mindestens vier Wege ein:

1. Statt dem „Ja so ist es" ein „So ist es nicht" entgegenzusetzen, einfach mal das beste Argument finden

Die meisten Menschen glauben, ihre Standpunkte verteidigen zu müssen. Sie beziehen Position und verlassen diese nicht mehr. Sie haben möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass sie für derlei „Standpunkttreue" anerkannt und bewundert werden, ja Gefolgschaft sammeln.
Diese Denk- und Handlungsweise führt notwendig zum „einer wird gewinnen" oder ins Verharren. Ziel ist die Vermeidung eines Gesichtsverlustes - es bleiben argumentativer Sieg oder Niederlage.

Wohin solches Denken führt, sehen wir in der Politik: in verhärtete Fronten. Für Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen wollen, keine gute Basis. Viel besser wäre doch die inspirierende Weiterentwicklung von Gedanken im Sinne von etwas Größerem, Wichtigerem, einer übergeordneten Idee - beispielsweise von Diversität in einem Unternehmen.

2. Statt Positionen zu konsumieren, diese entwickeln

Ich beobachte, dass viele Menschen Positionen konsumieren anstatt diese zu entwickeln
Sie sagen„stimme zu" oder „stimme nicht zu", können aber weder das eine noch das andere produktiv aufnehmen und in etwas Neues führen. Wie wäre es das Interessante, Neue, Vielversprechende weiterzudenken?

Wir sind das zu wenig gewohnt, es wird in der Schule kaum gefördert, im Studium geht es oft auch nur darum, Dinge „richtig" wiederzugeben.
Beim Entwickeln von Positionen könnte es sehr hilfreich sein, die Dinge nach den Gesetzen der Logik zu betrachten. Nehmen wir die Figur des Tetralemmas: Was ist das eine und das andere, wie wäre ein sowohl als auch und was könnte etwas Neues (Drittes) sein?

3. Statt Disziplinen-Engstirnigkeit Interdisziplinarität

Je mehr Individuen bereit sind, von ihrem fachlichen Herrschaftswissen abzurücken, Freude am Teilen und Verbinden entwickeln, desto besser für ein gemeinsames und innovatives Gesamtergebnis. Je mehr diese Egoismen und Einzelinteressen verfolgen, desto schlechter.
Jahrelang bildeten wir vor allem in Deutschland Fachexperten aus, die nur ihren Bereich sahen - nicht aber das große Ganze.

Die großen Herausforderungen der Zukunft verlangen allerdings interdisziplinäre Blickwinkel und damit automatisch auch die Bereitschaft zur kooperativen Zusammenarbeit im Sinne von etwas Größeren. Auch das Diversity-Thema würde von Interdisziplinarität profitieren:

Hier spielen die unterschiedlichsten Blickwinkel rein, Psychologie, Anthropologie, Ethik, Philosophie, Wirtschaft... vor allem aber die Frage: Welcher Idee folgen wir und warum? Dies zu erörtern wäre durchaus auch ein erster Schritt. Und statt um die Verteidigung eines Fachgebiets (oder Konzepts) könnte es dann um das Erschaffen von etwas kollektivem Neuen gehen.

4. Wirklichkeit gestalten statt Wahrheit herbeireden

Wir wissen doch im Grunde: Es gibt wenige wirklich unstrittige Tatsachen und mehr unterschiedliche Wahrheiten als Menschen. Wenn wir unsere Wahrheiten loslassen, haben wir es in der Hand die Wirklichkeit zu gestalten. Das bedeutet, den Ich-Raum zu verlassen, in dem es um die eigene Perspektive geht, den persönlichen Geschmack und Individualinteressen. Und den Wir-Raum zu betreten, in dem das im Mittelpunkt steht, was einen gemeinsamen, übergeordneten Wert stiftet:

Menschenwürdige Existenz, Freiheit des Denkens, Wertschätzung für andere - das sind keine Wahrheiten, aber jeder einzelne kann damit Wirklichkeit sinnvoll gestalten. Jeder einzelne kann den Ich-Raum verlassen und ins Wir schreiten - und kommt dabei sogar oft näher an sich selbst heran als würde er in der enge seines Ich-Raums verbleiben...