BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Svenja Hofert Headshot

Was sind Ihre Schwächen?: Was Sie im Vorstellungsgespräch antworten sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
INTERVIEW
Getty
Drucken

Viele Bewerber sehen ihre Schwächen, darüber reden mag kaum einer. "Was wollen die Personaler denn hören?" fragen viele. Nichts über die Leidenschaft für Schokolade oder das Englisch, das nicht fließend ist - so viel ist klar. Die Frage zielt vielmehr auf etwas Persönliches. Und sie ist international beliebt und verbreitet. So fragen die Hiring Manager in den USA, in Australien und Großbritannien auch danach - unter den "strength and weaknesses". Gerne antworten Bewerber auf der ganzen Welt darauf ähnlich.

Die weltweit häufigste Schwäche, die keine ist

„Ich bin ungeduldig!" Dies ist die mit Abstand häufigste Antwort, die Personaler hören. Sie ist ein wenig wie der Einstiegssatz in Anschreiben "die Stelle interessiert mich sehr" - sie klingt einem zu häufig in den Ohren. Und alles was man oft hört, ist langweilig, fantasielos und kann beim Gegenüber Gähnen oder sogar Ablehnung auslösen. Mir sind Personaler bekannt, die "ungeduldig" regelrecht ärgert - vor allem wenn zu merken ist, dass es eine daher gesagte Schwäche ist.

Ungeduld hat eine ähnliche Qualität wie „hartnäckig" auf der Stärkenseite. Es ist eine positive Umkehrung. Wer ungeduldig ist, wenn Kollegen nicht liefern oder Absprachen einhalten, verhält sich hartnäckig beim Einfordern der Dinge, die er oder sie braucht. Wer ungeduldig ist, ist auch schnell unterfordert. Das wollen die Arbeitgeber doch alle, denken Bewerber. Ein Irrtum. Unternehmen suchen keineswegs nur ungeduldige Hochleister. Und ganz sicher wollen sie keine Antworten von der Stange.

Was denn sonst sagen?

„Was soll ich denn sonst sagen?" fragen mich viele, die ich auf die Überrepräsentation dieser Schwäche hinweise. „Was stimmt denn dann? Beschreiben Sie es mir," frage ich dann zurück. So motiviert, präsentieren Bewerber gern Beispiele, die die Eigenschaft „ungeduldig" in ein anderes Licht stellen. Hinter der Ungeduldigkeit erkenne ich dann beispielsweise die oben zitierte Hartnäckigkeit oder Abwechslungsorientierung. Gemeint ist am Ende Leistungsfreude und Engagement. Moment, dann ist es doch eine Stärke? Genau - natürlich.

Stärken und Schwächen gehören zusammen.

Schwächen sind in die negative Übertreibung gezogene Stärken. Deutlich macht das eine weitere, bei Bewerbern überaus beliebte Schwäche: Perfektionismus. Das ist im Grunde übertriebene Gewissenhaftigkeit. Dahinter steckt ein Streben nach Anerkennung durch Vermeidung von Fehlern sowie Ordnungsliebe oder Prinzipientreue - bei manchen Menschen auch alles zusammen. Die sind dann besonders perfektionistisch.

Gewissenhafte, ordentliche, prinzipientreue und anerkennungssuchende Menschen schauen ganz genau hin - oft zu genau. Aus der Gewissenhaftigkeit wird jedoch in dem Moment eine Schwäche, in dem es in starrem Festhalten ausartet, wenn die Genauigkeit ins Übertriebene kippt. Die Grenzen können je nach Job höchst unterschiedlich sein. Von meinem Buchhalter erwarte ich eine hohe Detailorientierung, von einem Larbormitarbeiter ebenso....

Auch Schwächen sind relativ

Aber mein Hausarzt muss verantwortungsbewusst, aber nicht so genau sein. Ein Lehrer braucht keinen absoluten Detailblick. Ein Manager braucht den großen Blick für das Ganze, aber nur bedingt fürs Detail. Überhaupt gilt: Je höher eine Position, desto mehr schadet eine übertriebene Detailorientierung.

Meine im Buch „Was sind meine Stärken" (hier) zitierte Relativitätstheorie gilt auch hier: Schwächen sind genauso relativ zu ihrem Umfeld und zu anderen Menschen wie Stärken. Was in dem einen beruflichen Zusammenhang von Vorteil ist, ist am anderen ein Nachteil. Ziel sollte es also sein, seine beruflichen Einsatzfelder möglichst in Bereichen zu suchen, die den Stärken entsprechen. Deshalb kann es für das Vorstellungsgespräch auch keine allgemeingültigen Schwächen wie „ungeduldig" geben. Ein Controller, der etwas ungeduldig ist, wenn seine Zahlen geliefert werden, ist doch genau am richtigen Platz!

Fazit: Authentische Schwächen zugeben

Wenn Sie im Vorstellungsgespräch eine Schwäche zugeben, die echt und authentisch ist, bedeutet das sicher kein Aus. Es zeigt, dass Sie sich realistisch sehen und in Frage stellen, eine gute Selbstreflexion haben. Wenn es eine allgemeingültige Schwäche gibt, ist diese nicht etwa Ungeduld, sondern fehlende Selbstreflexion. Bei allen, die "Ungeduld" vorschieben.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: