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Warum wir Persönlichkeiten fördern sollten, nicht Leistungsmarionetten

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Pekic via Getty Images
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Ihre Mitarbeiter erreichen ihre Ziele nicht? Ab zum Business Coaching! Damit die Schranke im Kopf, die die Leistung hemmt, endlich fallen kann. Aber ist es wirklich diese Schranke? Geht es nicht um etwas ganz Anderes? Ich meine: Ja! Es geht um etwas anderes, muss um etwas anderes gehen.

Messen ist vermessen

Wir fördern Zielerreichung, aber nicht neues Denken. Wir nehmen an, dass wir performen müssen. Wir messen und vermessen - unsere Ziele, aber auch den Menschen. Wir sind dabei ziemlich vermessen, denn von welcher Wahrheit und Wirklichkeit gehen wir denn aus? Auch die in HR beliebten Kompetenzmodelle sind letztendlich ein Vermessungsinstrument, und ich meine diesen Begriff so doppeldeutig wie er mit etwas Sprachempfinden bei Ihnen ankommen wird. Dahinter steckt ein simpler Mechanismus: Unternehmen wollen, dass Mitarbeiter sich ihnen anpassen. Der Fachkräftemangel mag manches auf den ersten Blick relativieren, doch auf den zweiten kommt selbst der Trend zu „Augenhöhe" und New Work mit unterschwelligem Anpassungsdruck daher. Es werden bestimmte Stärken gewertschätzt, aber durchaus nicht alle. Es wird - besonders im agilen Kontext - Verhalten geschult, aber nicht Denken. Es geht um Anpassung, ganz gleich ob wir in die Schule oder die Unternehmen schauen.

Entwicklung, aber nicht von Kompetenzen

Was wäre, wenn wir Menschen einfach dahin entwickeln würden, sie selbst sein zu dürfen? Wenn wir ihren inneren Kern fördern würden oder wie die Griechen sagen die Arete, das Beste, was wir sein können? Wenn wir nach Eudänomie streben würden, also nach einem gelungenen Leben mit Zufriedenheit, die aus dem Inneren kommt - und nicht von außen auferlegt wird? Dazu müssen Menschen sich selbst erkennen. Und das ist so etwas wie eine Rückreise zum Ursprung, zur Kindheit, nur mit nunmehr viel mehr Worten für all das, was wir fühlen. Erst die Distanz zu dem, was wir geworden sind, gibt uns die Möglichkeit dazu.

Nur wer sich selbst von außen betrachten kann, ist innerlich frei

Das Modell der Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger hilft zu verstehen, warum es so wichtig ist, Menschen zu helfen, sich selbst zu erkennen. Als Teil der Gesellschaft, der diese auch von außen betrachten kann, sind sie stärker, widerstandsfähiger gegen die Verführungen des Populismus. Als Teil eines Unternehmens, das einen nicht verformt, sondern eben dazu verhilft, das Beste aus sich zu machen, sind sie viel wertvoller als eine mit Kompetenzmodellen vermessene Leistungsmarionette.

Falsch verstandene Stärkenorientierung

Ich sehe, wie immer mehr Firmen mit Stärkenorientierung arbeiten, jedoch die Grundidee völlig missverstehen. Es werden jetzt eben die Stärken aus dem Stärkenmodellen verteilt. Lustig tauscht man Eigenschaften gegen Stärken aus, ohne den philosophischen Grundgedanken anzuerkennen: Stärken wachsen, wenn wir uns für Dinge begeistern und aus uns heraus machen. Jeder Mensch hat Stärken, aber sie werden ihm abtrainiert, weil sie nicht passend scheinen für die Arbeitswelt. Auch die Schule hat sich zu einem Handlanger gemacht, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ins Kunstprofil schicken, weil es dadurch schlechtere Berufschancen hat. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen.

Stärken freilegen heißt Menschen frei lassen

Im Laufe des Lebens legen sich immer mehr Schichten sozialer Erwünschtheit und gesellschaftlicher Prägung auf uns, die ursprüngliche, echte, authentische, wahre Stärken oft wie unter einem Berg vergräbt. Das empirische Modell der Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger hilft zu verstehen, warum es wichtig ist, diese Schichten freizulegen und den eigenen inneren Kern wieder freizulegen. Denn das ermöglicht es, Prägungen zu erkennen - sie bewusst zu erleben, sich von ihnen zu distanzieren und dadurch auch eine Rückkehr zu sich selbst steuern zu können. Erst wenn wir all das sehen und nicht mehr selbst damit verbunden sind als würde es Teil von uns sein, können wir produktiv damit umgehen. Auf diesem Weg finden wir dann auch wieder einen Zugang zu unseren Stärken. Weil wir einfach das Bedürfnis verlieren, uns anpassen zu müssen.

Dieser Beitrag fasst einen Aspekt aus meinem Buch „Hört auf zu coachen" zusammen.

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