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Selbstführung: Die wichtigste Kompetenz für Selbstorganisation

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Oft werde ich gefragt: Braucht man für Selbstorganisation mehr oder weniger Führung? Natürlich mehr! Viele bringen dann den Begriff der lateralen Führung oder servant Leadership ins Spiel. Das sei ja dann wohl die Führung der Wahl. Doch das ist zu kurz gedacht.

Sie sollten vielmehr differenzieren, dabei hilft Ihnen ein von mir entwickeltes Modell, das der Führungsrichtungen. Ja, Richtungen, nicht Stile. ich finde Führungsstile heutzutage irrelevant. Es geht nicht darum, seinen Stil zu finden. Es geht darum, die passende Richtung zu finden und zu eben. Die passende Richtung ist die, die es erlaubt, dass man die jeweiligen Ziele erreicht. Und damit meine ich nicht nur wirtschaftliche, sondern alle.

Führung muss für Updates bereit sein

Ein Ziel kann es auch sein, Selbstorganisation zu ermöglichen, um das Unternehmen beweglicher - agiler - zu machen. Für mich ist Führungskompetenz heute deshalb vor allem die Fähigkeit, sein Verhalten situativ anzupassen und auf das Ziel auszurichten. Und zwar beweglich, agil, immer bereit, neue Erkenntnisse zu integrieren und ein Update des Denkens und Handelns aufzuspielen.

Zurück zu den Führungsrichtungen. Eine allgemeingültige und völlig zeitlose Definition von Führung lautet: "Führung ist die Bestimmung der Richtung von Bewegung." Es geht also um Richtungen. Laisser-faire kann deshalb keine Führung sein. Sie gibt keine Richtung vor. Wohl aber das bewusst zugelassene Experiment - hier ist das Ziel des Ausprobieren.

Führungsrichtungen statt Führungsstile

Mit den Führungsrichtungen bleibe ich in dem Bild der Bestimmung von Bewegung und unterscheide Führung von oben, Führung von der Seite, Führung aus der Mitte und Führung von unten. Das sind also vier Führungsrichtungen. Und diese können völlig unterschiedlich ausgestaltet sein.

Ist Selbstorganisation Prinzip, braucht es Führung von der Seite und Führung aus der Mitte. Die Führung von der Seite könnte z.B. Strukturen vorgeben und für Regeleinhaltung sorgen wie es etwa ein Scrum Master macht. Sie könnte auch die Strategie vorgeben - wie der Product Owner. Weiterhin könnte sie sich darum kümmern, dass das Team möglichst ungestört arbeitet - servant Leadership.

Das macht eine Führung von oben mitnichten überflüssig. Diese ist dazu da, den Rahmen vorzugeben, indem sich die anderen - gerne selbstorganisiert bewegen. Es braucht auch eine entscheidende Führung, denn so schön eine Diskussionskultur ist, manche Dinge brauchen keinen Konsens, sondern eine klare Richtung. So ist Entscheiden-Können nach wie vor eine wichtige Führungskompetenz - aber nicht für alle Führungsrichtungen, sondern für die Führung von oben.

Visionen vorgeben ist auch eine Aufgabe von Führung. Und Zusammenarbeit organisieren, im Grunde also Teambuildung und Teamentwicklung. Führung ist also kein einheitliches Konstrukt, sondern ein Überbegriff für unterschiedliche Herangehensweisen, Menschen dabei zu helfen, auf Kurs zu kommen oder zu bleiben. Das ist alles andere als neu. Schon in der Antike gab es Selbstorganisation, beschrieben durch den Heerführer Xenophon, der die Perser besiegte. Man war sich auch bewusst, dass Führung sich zwischen sehr unterschiedlichen Polen bewegt - der Triade aus Erkenntnis, Struktur und Bindung.

Selbstführung ist Voraussetzung für Selbstorganisation

Diese besagt auch, worauf es eigentlich ankommt: Die Fähigkeit, unterschiedliche Seiten zu sehen und zu integrieren - situativ und kontextbezogen. Das setzt für jede Führungskraft etwas Wesentliches voraus: Die Fähigkeit zur Selbstführung. Nur Menschen, die zur Selbstführung fähig sind, können Verantwortung erst für sich und dann für andere übernehmen. Nur diese sind zur Selbstorganisation in der Lage.

Manch einer meint ja, man müsse Menschen nur den Rahmen geben und alles würde schon von allein gehen. Es liegt aber nicht nur am Rahmen, am System. Es gibt kognitive Unterschiede, verschiedene Reifegrade und natürlich schlicht: Wissensunterschiede. Wenn ein Selbstorganisations-Team keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse hat, wird es kaum Projekte kalkulieren können. Jemand mit guter Selbstführungskompetenz würde das sehen und erkennen.

Selbstführung interagiert

Selbstführung interagiert mit seitlicher Führung und Führung von oben. Führung von oben kann Selbstführung konterkarieren, wenn sie keinen ausreichenden Freiraum lässt. Laterale Führung, könnte Selbstführung behindern, wenn das Mindset des Ausführenden nicht passt, beispielsweise zu regelorientiert ist. Jemand mit guter Selbstführung erkennt, wann er Regeln einhalten und wann er sie brechen muss.

Führung von unten

Regeln brechen ist auch eine Führungskompetenz - wenn der Regelbruch dem Unternehmen zugute kommt. Das ist Prinzip bei der Führung von unten. Arbeitspsychologisch unterscheidet man extraproduktives und kontraproduktives Verhalten. Führen Menschen von unten, tun sie dem Unternehmen etwas Gutes, das ist extraproduktiv. Sie arbeiten im Untergrund an neuen Produkten und entwickeln Dinge, die die Führung oben nicht zulassen würde. Dadurch kann Neues entstehen, das die anderen Führungsrichtungen erheblich beeinflussen kann.

Fragen Sie sich, welche Führungsrichtungen Sie in Ihrem Unternehmen erleben. Was fehlt? Welche Führung muss man stärken? Fast immer ist es ein guter Anfang, auf Selbstführung zu setzen.

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