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Coaching: Verfolgen Sie eigentlich die richtigen Ziele?

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Oft habe ich es mit Menschen, Teams und Unternehmen zu tun, die feststecken. Viele suchen nach immer neuen Wegen, ihre Ziele zu erreichen, ohne je anzukommen. Andere richten ihre Ziele an etwas aus, das gar nicht mit ihnen selbst zu tun hat, sondern sozial erwünscht ist.

Ziele sind hilfreich zur Orientierung. Deshalb sind Zielvereinbarungen auch Bestandteil der meisten Coachingprozesse. Manchmal sind die Ziele aber nur scheinbar klar; hier hilft dann Sortierung. In einigen Fällen sind aber die selbst gesetzten Ziele das Problem. Und dann muss Coaching tiefer gehen - und jene Grundannahmen in Frage stellen, die zu der Zielsetzung führten. Grundannahmen legen die Basis für eigene Werte.

Warum glaube ich zum Beispiel, dass etwas „fair zugehen muss" oder sich jeder Mensch selbst verwirklichen sollte? Was führt mich zu der Annahme, dass man positiv denken sollte? Es sind die Grundannahmen. Sie sind eine Art individuelle Religion - etwas, das ich ohne Beweis glaube und an dem ich mich ausrichte.

Sie sind eine Art „Opium" für die Seele, können Orientierung bieten, aber auch süchtig machen. Und dann behindern sie Weiterkommen und Entwicklung. Man dreht sich nur noch im Kreis, im Single loop.

Double Loops stellen Grundannahmen in Frage

In dieser Situation kann ein „double loop" helfen, also eine weitere gedankliche Schleife zurück zu der Grundannahme, die zur Fragestellung und Zielsetzung geführt hat. Sind die Vorstellungen, die wir von etwas haben, unsere tief verankerten Wahrheiten wirkliche Wahrheiten oder doch eher nur Glaube?

Ein Beispiel: Kürzlich sagte mir eine Führungskraft „meine tiefe Überzeugung ist, dass intrinsisch motivierte Mitarbeiter bessere Leistungen erbringen". Er arbeitete sich daran ab, seine Mitarbeiter dahingehend zu motivieren.

Doch manche machten trotzdem Dienst nach Vorschrift. Mein „double loop" lag darin, seine Grundannahme zu hinterfragen - einschließlich der Bedeutung von „intrinsisch motiviert". Und überhaupt, was führt zu der Annahme, man sei für die Motivation seiner Mitarbeiter verantwortlich? Könnte man das nicht auch ganz anders sehen?

Coachen ist auch neu lernen

Der „double loop" im Coaching bedeutet, die der Problemlösungs-Strategie zugrunde liegende Annahme in Frage zu stellen. Den Begriff bezog sein Urheber Chris Agyris ursprünglich auf Learning, aber was ist Coaching anderes?

Wenn wir Coaching als Lernprozess definieren, dann kann es also auch single- und double loop-Coaching geben. Single Loops bedeuten, dass man den Mitarbeiter oder Klienten im gegebenen Rahmen der Ziele selbst eine Lösung finden lässt.

Mitunter führt das aber eben dazu, dass man sich auch immer wieder im gleich Kreis dreht. Wenn es aber die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit unterstützt, ist das völlig ausreichend.

Rennt jemand aber immer wieder gegen ähnliche Wände oder verzweifelt an der Unmöglichkeit, seinen eigenen Maßstäben gerecht zu werden, ist es Zeit in die sprichwörtliche Achterbahn zu steigen und sich die Welt von oben anzusehen.

Double Loops erzeugen, wenn sie andocken können - die Intervention also etwas beim Gegenüber auslöst - , höhere neuronale Aktivität und mehr Emotionen, vielleicht aber auch (vorübergehende) Widerstände.

Loops auch für Unternehmen

Der „Loop" lässt sich auch sehr gut auf organisationaler Ebene drehen: auch Unternehmens und Teams verharren gern in ihrem Single Loop. Sie lösen ihre Probleme, wie sie sie immer gelöst haben und fahren im Kreis, ohne es wirklich zu merken.

Auch die Art der Hilfe zur Selbsthilfe kann in einem Single Loop verharren, wenn immer mit den gleichen Tools und Fragen gearbeitet wird. Die Best Practise kann an Grenzen führen. Deshalb sollten Coachs ihre eigenen Grundannahmen kennen, auch über das, was sie unter Coaching verstehen - und was für sie vielleicht nicht dazu gehört. Manchmal ist es vielleicht etwas, das in festgefahrenen Situationen Bremsen lösen kann.

5 Tipps, wenn zielorientiertes Coaching nicht mehr weiterhilft:

1. Welche Grundannahmen stecken hinter den Zielen? Was halten Sie oder der Coachee für wahr und richtig?

2. Gibt es Hinweise darauf, dass die Grundannahmen letztendlich nur Wirklichkeitskonstruktionen sind - und nicht „wahr"?

3. Wenn ein Teil (z.B. Motivation) nicht ohne sein Gegenteil (Demotivation) gedacht werden kann: Welches ist das Gegenteil? Was wäre eine Synthese?

4. Welches Verständnis von „Lebenssinn" und „gut" oder „böse" liegt hinter der Grundannahme?

5. Inwiefern ist dieses Verständnis in der aktuellen Situation oder bei der Lösung eines Problems wirklich hilfreich?

Dieser Beitrag fasst Inhalte aus meinem Buch „Hört auf zu coachen. Wie man Menschen wirklich weiterbringt" zusammen, das im Kösel-Verlag erschienen ist.

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