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Industrie 4.0 - die schulische Herausforderung

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Die Welt steht vor der vierten industriellen Revolution. Neue Anforderungen kommen auf die Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu. Aber auch die Schulen bleiben davon nicht unberührt.

Die Frage ist, ob das deutsche Schulsystem in seiner bestehenden Form den anbahnenden Trend und die damit einhergehenden Herausforderungen bewältigen kann, oder ob wir von anderen innovativen bzw. wagemutigen Nationen überholt werden.

Besonders die junge Generation braucht und fordert ein flexibles und modernes Schulsystem, das sie adäquat auf die neue berufliche Situation vorbereitet.

Unsere Jugend hat ein Recht darauf, dass wir uns um ihre zukünftige Überlebensfähigkeit in der heutigen globalen Wirtschaft kümmern.

Letztlich ist unsere heutige Jugend der Träger vergangener Leistungen und damit der Schlüssel für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Gesellschaft.

Industrie 4.0 wird die oben angesprochene Entwicklung genannt, die in vielen Unter-nehmen bereits in den ersten Anfängen gelebt wird. Dadurch ist es kein Gedankenkonstrukt mehr, sondern erfahrbare Wirklichkeit.

Was ist Industrie 4.0?

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie versteht darunter die Verzahnung von physischen und digitalen Prozessen mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik, so dass sämtliche Prozesse letztlich ohne die Mitwirkung von menschlicher Arbeitskraft auskommen.

Es geht um eine Digitalisierung der Industrie, um eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion durch die der Mensch zu einem großen Teil ersetzt wird (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016).

Weiter heißt es laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Rund 15 Millionen Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt von der produzierenden Wirtschaft ab.

Mit der Digitalisierung von Industrie und Wirtschaft werden sich nicht nur Wertschöpfungsprozesse verändern, es werden auch neue Geschäftsmodelle und neue Perspektiven für Beschäftigte entstehen." (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016).

In der gesamten Diskussion fällt auf, dass das deutsche Schulsystem mit den Lehrerinnen und Lehrern als Repräsentanten und ausführende Organe, die unmittelbar in Kontakt zu unserer heutigen Jugend stehen, nicht oder nicht ausreichend Berücksichtigung finden.

Es werden Plattformen gegründet, Symposien durchgeführt, aber eine Diskussion der Vertreter der Industrie mit den Lehrerinnen und Lehrern findet aktuell nicht statt. Es wäre eine verpasste Gelegenheit wenn die Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die entsprechenden schulorganisatorischen Organe nicht von sich aus den Kontakt zu der Wirtschaft suchen würden.

Nur so kann es gelingen, dass das deutsche Schulsystem diese neue Entwicklung nicht verpasst und stattdessen im Schulterschluss mit der Industrie die Qualifikation unserer Jugend vorbereitet. Dabei geht es gar nicht darum, die klassische Schulbildung zu verteufeln.

Das allgemeinbildende Gymnasium hat nach wie vor in seiner bestehenden Struktur eine hohe Relevanz für eine Vielzahl von Berufen mit ihren entsprechenden Anforderungen von z. B. A wie Arzt bis Z wie Zimmermann. Im Bereich der beruflichen Gymnasien sollte jedoch ein Umdenken erfolgen und da reicht es nicht aus, nach mehr Computern in den Klassenräumen zu rufen.

Das wäre nur neuen Wein in alte Schläuche schütten. Es muss der Mut gefunden werden, kreativ anders zu denken, um so eine Zusammenführung der Anforderungen einer Generation Y, Z und Industrie 4.0 zu gewährleisten.

Die Generation Y stellt bestehende Arbeitseinstellungen infrage. Sie fragt nach dem Warum einer Arbeit, möchte eine ausgewogene Work-life-Balance, Spaß an der Arbeit und zu einem großen Teil an Projekten arbeiten sowie ihre Zeit arbeitsplatzungebunden individueller einteilen (daher kommt auch die Bezeichnung Y abgeleitet aus dem Wort why für warum). (Vgl. Sonnet 2014).

Während die Generation Z die Ideale der Generation Y schon wieder in Frage stellen. Die Arbeitszeiten sollen fest geregelt sein, nach Feierabend soll nur noch Platz für Familie und Freunde vorherrschen und Arbeits-E-Mails werden nicht mehr bearbeitet. Diese Generation lässt sich schnell ablenken und sieht digitale Medien als Selbstverständlichkeit an. (vgl. Bedürftig 2016).

Für die Harmonisierung der Anforderungen der Industrie und der Generation Y und Z sind vor allem die Beruflichen Gymnasien gefragt. Nach dem Vorbild Finnlands sollte die Fächeraufteilung abgeschafft werden.

Die Schülerinnen und Schüler sollten vielmehr zusammen mit der Wirtschaft an Projekten arbeiten und im Rahmen des Schulunterrichts die gemachten Erfahrungen erfassen, systematisieren, reflektieren und kritisch hinterfragen. Dabei sollten auch Themen wie interkulturelle Kompetenzen und die neuen Schlüsselqualifikationen angesprochen werden.

In einer Art Coaching-Gespräch mit den Lehrpersonen können entsprechende zwischenmenschliche Aspekte besprochen, ausgewertet und mithilfe psychologisch fundierter Verfahren reflektiert werden. Dies muss jedoch nicht ausschließlich in einem Schulgebäude erfolgen.

Die Schülerinnen und Schüler sollten sich mithilfe verschiedener Medien zeitnah und direkt mit ihren entsprechenden Lehrerinnen und Lehrern in eine Art virtuellem Klassen-zimmer treffen und Fragen besprechen können.

Der Unterricht würde zu einem großen Teil dezentral erfolgen, die Schülerinnen und Schüler würden ihre Projekte vor Ort mit den jeweiligen Unternehmen durchführen und zwar auf der ganzen Welt, während ihr Wissen modular in Absprache mit der Wirtschaft und deren Bedürfnissen vermittelt werden.

Der Laptop oder das Tablet wären ihr Handwerkszeug und sie würden individuell in ihrer Lerngeschwindigkeit vergleichbar dem Mastery Learning lernen. So könnten die Lebensvisionen der Generation Y und Z mit den Anforderungen von Industrie 4.0 sinnvoll und für alle Beteiligten in einer Win-Win-Situation zusammengeführt werden.

Aber auch ein Umdenken der Lernkultur wäre nötig. Die Schülerinnen und Schüler aber auch die Lehrerinnen und Lehrer müssten Fehler als Lernchance sehen und nicht, wie bisher in unserem Schulsystem vermittelt, als Strafe, Nichtwissen oder sogar Dummheit.

Das deutsche Schulsystem braucht dringend neue Visionen, die zusammen mit der Wirtschaft partnerschaftlich umgesetzt werden müssten, damit diese und zukünftige Generationen von Schülerinnen und Schülern weiterhin als Vorreiter für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung im weltweiten Wettbewerb bestehen können.

Nur so kann Industrie 4.0 zu einem gesamtgesellschaftlichen Erfolg geführt werden und ein extremer Anstieg der Arbeitslosigkeit mit entsprechender Demotivation verhindert werden.

Die Debatten um eine mögliche Umverteilung der erzielten Gewinne gehen komplett am Kern des Problems vorbei. Die Generation Y und Z will Anerkennung und etwas schaffen. Sie haben nur im Vergleich zu der vorherigen Arbeitergeneration eine andere Vorstellung davon, wie dies erfolgen sollte. Wir haben so viele kreative junge Köpfe.

Wir müssen sie nur mit einem an die neue Situation angepassten Schulwesen fördern und fordern.

Für Anregungen und auch gern Kritik schreiben Sie mir bitte!
Verfasser: Sven Sorgatz
E-Mail: sorgatz@outlook.de

Quellen:
Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (o. J.): Industrie 4.0: Digitalisierung der Wirtschaft; https://www.bmwi.de/DE/Themen/Industrie/industrie-4-0.html; 09.05.2017.

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (o. J.): Was ist Industrie 4.0? - Die vierte industrielle Revolution: Auf dem Weg zur intelligenten und flexiblen Produktion; http://www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Industrie40/WasIndustrie40/was-ist-industrie-40.html; 09.05.2017.

Vgl. Sonnet, Carola (2014): Generation Y - Teil 1 bis Teil 6; http://www.karriere.de/karriere/mehr-leichtigkeit-im-arbeitsleben-164497/; 23.11.2016.

Vgl. Bedürftig, David (2016): Was Generation Z vom Berufsleben erwartet, https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article152993066/Was-Generation-Z-vom-Berufsleben-erwartet.html; 10.05.2017.

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