Huffpost Germany
Sven Przywarra Headshot

Neues Gesetz: Wie 820 Millionen Inder aus der Hungersnot befreit werden sollen

Veröffentlicht: Aktualisiert:

Indiens Regierung bringt ein neues Versorgungsprogramm auf den Weg, bis dieses jedoch zum Erfolg wird, muss erst der Ballast der Vergangenheit aus dem Weg geräumt werden.

2013-12-27-3.JPG

Die Hütte von Suman

Neu Delhi - „Es ist schwierig einen Job zu bekommen" sagt Suman während sie eine der drei Kartoffeln schält, die sie aus der tellergroßen Metall-Schale genommen hat, die den Speisevorrat des 4 Personen Haushalts aufnimmt.

Ihr 9 Monate alter Sohn Sulab liegt auf dem Bett, das einen großen Teil des Raums einnimmt und schläft. Suman ist 19 Jahre alt und wohnt gemeinsam mit ihrem Sohn, ihrer 15 Jährigen Schwester und ihrer Mutter in der Hälfte einer orange getünchten Ziegelhütte, im Dorf Orchha im Bundesstaat Madhya Pradesh, einen 10 minütigen Fußmarsch von der Dorfstraße entfernt.

Seitdem die finanzielle Unterstützung des Vaters abgerissen ist, nachdem er die Familie verlassen hatte um in den Städten der Umgebung nach Arbeit zu suchen, hat sich die wirtschaftliche Situation der Familie drastisch verschlechtert. Oft muss die Familie Hunger leiden. Und dies ist kein Einzelschicksal - Indien belegt auf dem Welthunger-Index Platz 65 von 79, 42% der Kinder sind unterernährt und auch bei der Kindersterblichkeit liegt das Land auf den hinteren Plätzen, zusammen mit Staaten der Subsahara.

Um diese Missstände zu bekämpfen wurde im September im indischen Parlament das „National Food Security Bill" von der regierenden Kongresspartei, unter der Führung der Parteichefin Sonia Gandhi, auf den Weg gebracht. Die Ausmaße sind enorm: Mit Dreiviertel der Land- und der Hälfte der Stadtbevölkerung sind insgesamt 820 Millionen Menschen von den Auswirkungen des Gesetzes betroffen.

Und die Verabschiedung fällt zu einem pikanten Zeitpunkt: Genau auf den Beginn der Wahlkampfkampagnen, für die im nächsten Jahr stattfindenden Parlamentswahlen und in eine Zeit, in der sich das Wirtschaftswachstum Indiens abschwächt.

Eines der größten Versorgungsprogramme der Geschichte sichert den Armen und Schwachen 5 Kilo Nahrung pro Monat, für Preise, die bei einem Zehntel des Marktpreises liegen, zu. Von den Feldern des Landes werden die Nahrungsmittel über das staatliche Public Distribution System (PDS) an sogenannte Fair Price Shops geliefert.

Schwächen im System

„Das Gesetz ist gut: Gut fürs Land, gut für die Menschen, gut fürs Geschäft" sagt Rahul Singh während er in einem Fair Price Shop in der 16 Millionen Metropole Delhi steht. Der Angestellte wertet das Gesetz als Fortschritt und die staatlichen Geschäfte würden eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung spielen.

2013-12-27-1.JPG

Ein Fair Price Shop in Neu Delhi

Aber gerade solchen Stellen wird vorgeworfen, dass dort Probleme liegen würden: Laut Studien erreichen zwischen 37 und 55 Prozent der subventionierten Lebensmittel nie die Bedürftigen, sondern wandern über Schwarze Kanäle in den regulären Verkauf. Auch auf dem Weg zu den Ladentheken, merken Kritiker an, wimmelt es von Schwachstellen und Ineffizienz: Millionen von Tonnen an Getreide und Reis verrotten im Punjab und anderen Orten des Landes durch falsche Lagerung.

Doch nicht nur die Infrastruktur besitzt Schwächen, auch das System als Solches wird von Kritikern angegriffen: Die „Food Cooperation of India" kauft Lebensmittel zu hohen Preisen, dem sogenannten „Minimum Support Price", auf. Durch künstlich hochgehaltene Preise senkt sie so die Gesamtnachfrage und muss, um die Preise hochzuhalten, die Differenz der Produktion aufkaufen. Dadurch hat sich laut BBC ein Überankauf von 30 Millionen Tonnen ergeben.

Angriff auf die Kleinbauern

Die Gründerin der indischen Stiftung "Foundation for Science Technology Ecology" Vandana Shiva wertet diesen Schritt als Angriff auf die Kleinbauern, große Agrar-Unternehmen würden unterstützt. Diese Position vertritt auch Jamka. Die Frau aus Chhattisgarh, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, holt während sie redet weit aus und sticht mit ihrem Finger immer wieder in die Luft. Die Bereitstellung der (quasi-)kostenlosen Lebensmitteln würde zu Problemen führen:

Die Arbeit der Kleinbauern sei nicht mehr gefragt, bei ihnen würde die Nachfrage einbrechen. Außerdem sei es gerade die unsichere Landrechte Politik der lokalen Regierung die dazu führen würde, dass die Bauern keine Planungssicherheit hätten und sich somit nicht besser selbst versorgen könnten, was wiederum zu Versorgungsproblemen führen würde. Eine Zusicherung von Land, gepaart mit Transferzahlungen würde die Problematik des Hungers in ihrer Region beheben und die Schwachstellen des Verteilsystems umgehen.

2013-12-27-2.JPG

Kleinbäuerin Jamka aus Chhattisgarh

Es sind diese Strukturprobleme, die in weiten Teilen des Landes für die Missstände sorgen. Viele Bundesstaaten haben bereits seit längerer Zeit Programme gegen Unterernährung und während durch die wachsende Mittelschicht die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt, wächst die Produktion nicht im gleichen Maße.

An diesem Punkt setzt die Kritik der größten Oppositionspartei, der nationalistisch-hinduistischen PJB, an: Wirtschaftsreformen seien nötig. Das auf 16-Milliarden Euro kalkulierte Programm würde nur die Position Indiens an den internationalen Finanzmärkten schwächen und somit das Abkühlen des Wirtschaftswachstums weiter antreiben.

Engagiertes Vorgehen gefragt

Ohne Frage ist die mit dem Gesetz einhergehende einklagbare Bereitstellung von günstiger oder komplett kostenloser Nahrung, für Kleinkinder oder Schwangere, nicht nur ein wichtige Entscheidung für diese, sondern auch für kommende Generationen. Das Abwiegen zwischen Kosten und Nutzen bleibt jedoch eine Frage zwischen „hungrigen Menschen und der Verantwortung gegenüber den Finanzmärkten" wie sich ein Ökonom gegenüber der BBC äußerte.

Um zu einem Erfolg zu werden bedarf es Verbesserungen in der Lager- und Verteilinfrastruktur, dem Zugang zum System für alle Betroffenen und den engagierten Willen für die Zusammenarbeit zwischen den Bundesstaaten und der Zentralregierung in Delhi. Aber besonders bedarf es endliche einer effektiven Bekämpfung von Indiens Hydra: der Korruption und des Missbrauchs von Staatsmitteln.

Dass das „National Fodd Security Bill" mehr ist, als nur ein Paukenschlag zum Einläuten des Wahlkampfes hoffen viele, nicht nur Suman und ihr Sohn Sulab in ihrer Hütte in Madhya Pradesh.