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Hunger und Klimawandel: Eine doppelte Ungerechtigkeit

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Im weltweiten Kampf gegen Hunger gibt es Erfolgsgeschichten und Rückschläge. Aktuelle Berichte der Welternährungsorganisation FAO zeigen Fortschritte auf, bei der Anzahl unterernährter Menschen.

Von einer Milliarde im Jahr 1992 ist die Zahl bis heute auf ungefähr 805 Millionen Menschen gesunken. Zusätzlich spricht die FAO von circa zwei Milliarden Menschen, die am sogenannten „versteckten Hunger" leiden, einem Mangel an Spurenelementen.

Trotz des Rückgangs ist es ungerecht und ein Verstoß gegen die Menschenrechte, dass immer noch so viele arme Menschen hungern. Laut den Vereinten Nationen ist das Recht auf angemessene Ernährung „dann verwirklicht, wenn jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, einzeln oder gemeinsam mit anderen Menschen, jederzeit Zugang zu Nahrung oder zu Mitteln haben, die eine Beschaffung sicherstellen."

Dabei wird das Recht auf angemessene Ernährung an unterschiedlichen Faktoren gemessen. Zuerst einmal müssen Lebensmittel zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass arme Menschen sie entweder selbst produzieren oder kaufen. Nahrung muss also sowohl physisch, als auch wirtschaftlich zugänglich sein, so dass die Ernährungsbedürfnisse individuell gedeckt sind.

In der heutigen, hochvernetzten Welt, die in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wirtschaftswachstum und Armutsreduzierung erlebt hat, muss es doch eigentlich möglich sein, ein solch grundlegendes Menschenrecht zu verwirklichen. Doch es gibt eine Statistik, die uns zeigt, wo ein Teil des Problems liegt.

Ein großer Anteil der Weltbevölkerung, geschätzt eine halbe Milliarde Erwachsene, die vor allem in reichen Erdteilen lebt, wird als überernährt eingeschätzt. Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben. Klar ist, ein übermäßiger Verbrauch und die Verschwendung von Lebensmitteln gehören zur Wurzel des Problems. Wir produzieren genügend Lebensmittel, um alle zu ernähren.

Nahrungssicherheit ist vom Klimawandel betroffen

Es gibt einen übergeordneten Trend, der bereits jetzt Einfluss auf die Ernährung der Armen hat: Der Klimawandel. Es ist eine Tatsache, dass der Klimawandel bereits heute, und in der Zukunft immer stärker, die Möglichkeiten der Menschen, ihr Recht auf eine angemessene Ernährung zu verwirklichen, massiv beeinträchtigt. Und die Tatsache, dass die Schuld am Klimawandel vor allem bei einer kleinen Minderheit der Weltbevölkerung liegt, während die Ärmsten am stärksten davon betroffen sind, ist eine weitere Ungerechtigkeit.

Hunger und Klimawandel sind untrennbar miteinander verbunden - sie stellen eine doppelte Ungerechtigkeit fĂĽr die Ă„rmsten der Welt dar.

Das wurde äußerst deutlich im zweiten Teil des fünften Berichtes des „Intergovernmental Panel on Climate Change" (IPCC) der Vereinten Nationen, der im April dieses Jahres erschienen ist. Der Bericht konzentriert sich auf Auswirkungen, Anpassungen und die Verwundbarkeit von Betroffenen des Klimawandels. In den letzten Jahren zeigen eine Reihe von Anstiegen der Nahrungs- und Getreidepreise, infolge von Klimaextremen in produzierenden Weltregionen, dass die Märkte extrem sensibel auf die Veränderungen der klimatischen Bedingungen reagieren.

In den Städten sind Arme, die oft von einem sehr geringen Einkommen leben, besonders anfällig für Unterernährung, chronischen Hunger und Besitzverlust, wenn die Lebensmittelpreise nach einer Missernte einen Höhenpunkt erreichen. Bangladesch ist hierfür ein Paradebeispiel. Als Nahrungsimporteur wird hier ein Anstieg der Armut um 15 Prozent bis 2030 erwartet. Auslöser sind klimabezogene Anstiege der Nahrungspreise.

Klima und Hunger sind die zwei Hauptgründe für Nahrungsunsicherheit in Südafrika und quer über den afrikanischen Kontinent wird erwartet, dass der Klimawandel zu einer verschlechterten Ernährung beiträgt. Auch wird erwartet, dass die Anzahl der unterernährten Kinder unter fünf Jahren bis 2050 von fünf auf 52 Millionen ansteigt.

Der Klimawandel wirkt sich jetzt schon in einigen Regionen auf die Getreide- und Nahrungsproduktion aus. Überwiegend sind diese Folgen negativ. Ohne jegliche Anpassungsmaßnahmen wird erwartet, dass ein lokaler Temperaturanstieg von über 1 Grad Celsius die Ernteerträge der Hauptgetreidesorten wie Weizen, Reis und Mais in tropischen und gemäßigten Zonen reduziert.

Bis 2030 ist es wahrscheinlich, dass Anpassungsmaßnahmen, wie ein Wechsel zu Getreidearten wie Kassave, die weniger anfällig für Temperaturextreme sind, nicht genug sein werden, um den Auswirkungen des Klimawandels auf Ernteerträge entgegenzuhalten.

Nahrungsverlust drängt Menschen in chronische Armut

Die Nährstoffqualität von Lebensmitteln, eingeschlossen Eiweiße und Spurenelemente, wird ebenfalls durch das erhöhte CO2-Niveau negativ beeinflusst. Gleichermaßen bedrohen Dürren und Krankheiten, die sich mit dem Anstieg von Temperaturen ausbreiten, Viehbestände in Afrika. In vielen Regionen sind Viehbesitzer bereits von chronischer Armut betroffen, wenn Viehbestände verloren gehen. Auch fruchtbare Küstenregionen sind vom Klimawandel betroffen.

Durch den Meeresspiegelanstieg wurden Landstriche überschwemmt. Tropische und subtropische Länder werden die schlimmsten Verluste erleben und gehören ebenfalls zu denen mit den höchsten Armutsraten. Das bedeutet, dass die Bevölkerung in diesen Breitengeraden häufig am geringsten mit der Situation umgehen kann.

Für ländliche Räume wird erwartet, dass vor allem die Verfügbarkeit und Versorgung mit Wasser, Nahrungssicherheit, Infrastruktur und Einkommen in der Landwirtschaft beeinflusst werden. Kurzum: Menschen werden aus einer vorübergehenden in eine chronische Armut gedrängt.

Von Frauen geführte Haushalte, Kinder und Menschen in informellen Siedlungen und einheimischen Gemeinden sind besonders gefährdet.

Maßnahmen zum Klimawandel: Gerechtere und nachhaltigere Ernährungssysteme

Der IPCC-Bericht, dessen letzter Teil diese Woche im dänischen Kopenhagen von den Regierungen abgenommen wird, handelt jedoch nicht allein von Problemen, sondern skizziert ebenfalls Lösungen für ein nachhaltigeres, globales Ernährungssystem. Eins, das sich das Ende von Hunger zum Ziel setzt und das das Recht auf Nahrung umsetzt. Eines, das weniger dazu beiträgt, den Planeten in Richtung eines hoch hochgefährlichen Klimawandels zu lenken.

Die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels kann den Armen dabei helfen, besser mit StĂĽrmen, DĂĽrren und anderen klimabezogenen Ereignissen zurechtzukommen. In den vergangenen Jahren hat CARE Erfahrungen mit Projekten auf der ganzen Welt gewonnen.

Zum Beispiel untersucht das Projekt „Where the rain falls" die Umstände, unter welchen Haushalte Migration als Anpassungsstrategie nutzen, wenn sie mit schwankenden Regenfällen, Nahrungsunsicherheiten und Existenzängsten konfrontiert werden.

In bäuerlichen Feld-Schulen in afrikanischen Ländern arbeitet CARE zusammen mit Bauern, die mit verschiedenen Techniken und Getreidevarianten experimentieren. So können sie beobachten und analysieren, wie und warum unterschiedliche Erträge zu Stande kommen.

Trotzdem ist ebenfalls klar, dass langzeitliche Veränderungen wie der Meeresspiegelanstieg und die Säurebildung in unseren Ozeanen unsere Anpassungsfähigkeiten sehr weit beeinträchtigen werden. Es wird immer klarer, dass Verluste und Schäden durch den Klimawandel nicht länger vermieden werden können.

Je langsamer wir jetzt Emissionen reduzieren, und zu nachhaltigen, erneuerbaren Energien wechseln und Energie effizienter nutzen, desto höher wird die Rechnung, die wir in Form von Todesopfern und ökonomischen Kosten zahlen müssen. Es ist moralisch zwingend notwendig, denen zu helfen, die am stärksten gefährdet sind.

Schließlich zeigt der IPCC-Bericht auch, dass Verhalten, Lebensstil und Kultur einen beträchtlichen Einfluss auf Energieverbrauch und damit verbundene Emissionen haben. Emissionen können wesentlich gesenkt werden, in dem wir unser Konsumverhalten verändern, Energiesparmaßnahmen umsetzen, unsere Ernährung verändern und weniger Lebensmittel verschwenden.

Der IPCC-Bericht beinhaltet Lektionen für uns alle, für unser tägliches Leben. Enthalten sind aber auch Forderungen an unsere Regierungen und an Unternehmen, wenn wir sie dazu drängen sich für gerechtere und nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaften einzusetzen, in denen Hunger letztendlich ausgelöscht werden kann.