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"Montezumas Rache: Eine Reise als Paar kann so richtig zusammen sch(w)eißen"

19/04/2017 17:42 CEST | Aktualisiert 19/04/2017 17:43 CEST
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Beziehungen müssen so einiges aushalten: Erst den Alltag und dann auch noch den Urlaub. Erst sieht man sich kaum, dann 24 Stunden am Tag. Von morgens bis abends muss man sich plötzlich arrangieren. Wenn dazu noch peinliche Störungen im Programm auftreten, kann die schönste Zeit des Jahres zu einer Zerreißprobe werden - im wahrsten Sinne des Wortes.

Das wohl berühmteste Zitat zum Thema Reisen stammt von Mark Twain: „Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder nicht, als mit ihm auf Reisen zu gehen." Und es gibt wohl kein sicheres Mittel sich im romantischen Hotelzimmer in Grund und Boden zu schämen, als der astreine Durchschuss einer einheimischen Spezialität. „Ähm... Ich würde da jetzt nicht rein gehen." - „Hm. Habs gehört." Ein Dialog der auch unter Vier-Sterne-Superior-Palmen nicht besser wird. Der zerlegt die zarte Urlaubsromantik nämlich gehörig in seine sehr natürlichen Einzelteile. Das scheint auch die wichtigste Ursache für Spannungen im Urlaub zu sein: Es gibt zumeist kaum Rückzugsmöglichkeiten, die Intimsphäre ist stärker eingeschränkt und überhaupt rückt man sich viel enger auf die Pelle als man es gewohnt ist. Die stabilisierenden Routinen des Alltags fehlen. Auf einmal soll man den ganzen Tag miteinander reden. Machen andere doch auch so, oder? Angereichert wird das Gebräu mit den hohen Erwartungen an Hotel, Erholung und Zweisamkeit. Eine leicht entflammbare Mischung, denn Enttäuschungs- und Konfliktpotenzial lauert an jeder Ecke.

Um zu verdeutlichen wie explosiv so ein Urlaub sein kann, möchte ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Uns ereilte bei unserer ersten großen Reise der Hotel-Albtraum jedes verliebten Paares: Man hörte den Koreaner nebenan das Klopapier abreißen und falten. Der reichlich frequentierte Wasserspender auf dem Flur schien direkt neben dem Bett zu gurgeln und verhinderte einen all zu tiefen Schlaf. Die Wände schienen nur aus Tapete zu bestehen und dienten insgesamt eher einer optischen Abtrennung als einer akustischen. Naja. War ja nur für drei Nächte und wir auf der Durchreise. Eher ungünstig war jedoch, dass meine geliebte Reisebegleitung gegen Mittag auf die Idee kam, in einer kleinen schmuddeligen Bäckerei am Baikalsee ausgerechnet eine mit Hackfleisch gefüllte Teigtasche zu bestellen. Angereichert wurde am Abend mit Bier und zwiebeliger Soljanka. Was soll ich sagen. Später am Abend wälzte er sich mit kaltem Schweiß auf der Stirn im Bett herum, bis er im Hinblick auf die zu schützende Urlaubs-romantik glaubte, ich sei eingeschlafen. Was nicht der Fall war. Er schlich auf Zehenspitzen durchs Zimmer und schloss die nutzlose Badezimmertür. Eine brüllende Explosion erschütterte den siebten Stock des Hotels. Begleitet von einem herzzerreißenden Keuchen. Selbst der Koreaner wendete sich hüstelnd in seinem Bett. Vielleicht war es aber auch drei Zimmer weiter oder ein Stockwerk tiefer. Mit der flehenden Hoffnung, es gäbe irgendeine Chance, ich könne dennoch schlafen, schlich er auf Zehenspitzen zurück ins Bett und deckte sich in Zeitlupe leise zu.

Man hat in einem solch zukunftsweisenden Moment als Paar zwei Möglichkeiten. Erstens, sich wie normale mitteleuropäische Erwachsene zu benehmen. Das heißt, die Sache tot zu schweigen, so zu tun, als hätte man nichts mitbekommen und wiederum so zu tun, als wüsste man nicht, dass der andere sehr wohl alles mitbekommen hat, aber aus Höflichkeit nur so tut, als wäre dies nicht der Fall. Wir taten das einzig Sinnvolle und wählten Zweitens: Wir bekamen den Lachanfall unseres Lebens. Und mir fällt nichts ein, was Paare und Menschen mehr verbindet, als ein Lachen das aus dem Herzen kommt. Die dünnen Wände zwischen uns waren vollends eingestürzt und die Anspannung, im gemeinsamen Urlaub unbedingt alles richtig machen zu wollen, abgefallen. Nun waren eh Hopfen und Malz verloren. Und weil das Universum stets für Ausgleich sorgt, gab es kurz darauf ohnehin Gelegenheit für einen Gleichstand zu sorgen. Eher ungünstig war nämlich auch, dass ich in der mongolischen Steppe in einem Anflug von Übermut auf die Idee kam, bei einer freundlichen Nomadenfamilie zu einer zweiten Schüssel gegorener Kamelmilch zu greifen. Diese löst im Übrigen jegliche Verstopfungen rückstandsfrei. Nur dass weder Jurten noch die Weiten der Steppe eine wenn auch nutzlose Zimmertür bieten können. Spätestens jetzt waren wir in einem sehr natürlichen und entspannten Urlaubsmodus.

Bei allen lösenden Lachern und aller Natürlichkeit, finde ich es ein gutes Zeichen, wenn man sich auch noch schämen kann. Ja, es sogar sollte. Der Schutz von Privat- und Intimsphäre ist nämlich überlebensnotwendig. Nicht nur für das eigene Wohlbefinden, sondern auch für die Beziehung. Zeigt es doch zum einen, dass man einen gesunden Individualismus hat und nicht klettenartig zu einer Person verschmolzen ist, was auf Dauer eh nicht gut geht. Zum anderen, dass einem die gewisse Romantik in der Partnerschaft wichtig ist und man sich nicht ungehemmt seinen Körperfunktionen hingibt - da können Rosen und Cocktails unter Palmen irgendwann auch nichts mehr rausreißen, wenn diese Grenzen permanent und dauerhaft überschritten werden. Denn die eigenen Grenzen zu ziehen, heißt auch, dass man die Grenzen des Partners akzeptieren kann. Akzeptiert man die jeweiligen Grenzen, hat man auch gar nicht das Gefühl sich arrangieren zu müssen. Es ist einfach selbstverständlich, dass man mal Dinge gemeinsam unternimmt, mal getrennt. Denn es hat auch jeder als Individuum Urlaub. Dass man mal die Tür hinter sich zumacht, auch wenn sie objektiv betrachtet nichts bringt. Oder dass man mal unterschiedlicher Meinung ist, was auch im Paradies durchaus möglich ist. Ein zeitweiser Rückzug des Partners wird nicht persönlich genommen, sondern wird ihm gegönnt. Diese Einstellung stärkt eine Beziehung. Egal ob man zu Hause ist, oder irgendwo auf der schönen weiten Welt im Urlaub. Und plötzlich ist der Zündstoff für die meisten Streitthemen sowie die übersteigerten Erwartungen entzogen.

Das Wetter ist mies? Das Hotel ist murks? Ja, enttäuschend. Aber pfeif drauf. Uns hat es eine der lustigsten Anekdoten der gesamten Reise beschert. Kein Grund, sauertöpfisch durch den Urlaub zu stapfen und dafür die schönen Dinge zu übersehen. Das Reiseziel ist stets beliebig austauschbar, der Mensch an unserer Seite nicht. Und dieser sowie die bewusste gemeinsame Zeit sollten immer im Fokus stehen. Gemeinsame Vorfreude oder Ziele schweißen zusammen und die gemeinsamen Erlebnisse sowieso. Nach einer intensiven Reise zu zweit, gibt es vielleicht keine nennenswerten Geheimnisse hinter der Badezimmertür mehr. Aber der Rückzug hinter die eigenen Grenzen darf und muss jederzeit möglich sein. Ich kann mit Sicherheit sagen: So schnell zerreißt uns jedenfalls nichts mehr. Weder kulinarisch noch partnerschaftlich.

Zum Hintergrund

Die Autorin ist im Sommer 2016 samt Mann und Rucksack stetig Richtung Osten gereist: Mit der Straßenbahn ging es in Kassel vor der Haustür los, weiter mit dem Zug über Berlin, nach Warschau. Nach einigen Tagen Erkundung dieser lebendigen Stadt, fuhren sie mit dem Nachtzug nach Moskau, wo sie ein paar Tage blieben und das Fürchten lernten. Weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn, die sich als sehr viel weniger romantisch entpuppte als es die einschlägigen Fernsehdokus vermuten ließen, bis zum Baikalsee. Dem beeindruckenden See im Osten Sibiriens kehrten sie den Rücken zu und setzten ihre Reise mit dem Zug in die Mongolei fort. Dort ging es querfeldein durch die Weiten der Steppe bis in die südliche Gobi-Wüste und von dort mit einer Propellermaschine zurück in die Landeshauptstadt, wo der nächste Zug wartete. Ausstieg: Peking. Von da ging es nach gut vier Wochen Reise mit dem Flieger zurück nach Frankfurt (Main) und selbstverständlich mit dem Zug nach Kassel. Die Straßenbahn brachte sie wieder bis vor die Haustür.

Über diese Reise wird ein Buch entstehen und voraussichtlich im Frühjahr 2018 erscheinen.

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