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In Chemnitz erobern Nazis einen ganzen Stadtteil - der Hilferuf einer Politikerin

27/12/2016 15:38 CET | Aktualisiert 27/12/2016 15:50 CET
NurPhoto via Getty Images

In Chemnitz versucht eine rechte Gruppe, die sich auch „Rechtes Plenum" nennt, ein ganzes Viertel zu vereinnahmen. Sonnenberg heißt es - und es soll zu einem Nazikiez, also zu einer national befreiten Zone, werden.

Die Nazis verstecken sich nicht, sondern sie ziehen durch die Straßen, verüben Anschläge und terrorisieren die Anwohner. Sie sind in Aufbruchstimmung.

Das macht die Gruppe so gefährlich, was ich selbst erfahren habe. Bis vor Kurzem hatte ich als Landtagsabgeordnete der Linkspartei mein Bürgerbüro in einem Eckhaus in dem Viertel.

Ich habe den Hass voll zu spüren bekommen. Innerhalb eines Jahres gab es mehr als zwanzig Attacken darauf.

"I love NS"

Nachts wurden Fenster mit Steinen eingeschlagen, meine Mitarbeiter wurden bepöbelt, mir wurden übergroße, schwarze Hakenkreuze an die Hauswand gesprayt - oder "I love NS". Das "Linke" auf meinen Plakaten haben sie auch gerne mit "Zecke" übermalt.

Bis auf Gewalttaten gab es das volle Programm. Ich wäre gerne in meinem Büro geblieben, aber der Vermieter hat mir gekündigt, weil er die anderen Mieter schützen wollte.

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Das Schlimme daran ist auch, dass ich nicht das einzige Opfer bin. Vereine wie das Lokomov und Bon Bosco oder auch die Kirche im Stadtviertel wurden schon angegriffen.

Deswegen muss ich es sagen, wie es ist: Andersdenkende können sich in Sonnenberg nicht mehr frei bewegen, ohne Pöbeleien und Übergriffe fürchten zu müssen.

Eine No-Go-Area für Anständige

Der Stadtteil würde so zu einer No-Go-Area für Anständige. Viele sind rundum eingeschüchtert durch die Bedrohungslage. Und das in der drittgrößten Stadt Sachsens.

Die Polizei muss endlich ihre Arbeit machen und den Nazis klare Kante zeigen. Sie darf ihnen nicht den öffentlichen Raum überlassen und gute Ermittlungsarbeit leisten. Das ist eine Sprache, die die Nazis verstehen.

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Und wir, die Zivilgesellschaft, müssen stark sein. Wir können uns nur gemeinsam gegen die Nazis wehren - nicht, wenn wir wegschauen, uns vertreiben lassen, das Problem kleinreden oder darauf vertrauen, dass andere die Nazis schon bekämpfen werden.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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