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Sex ist eine Aktion, keine Emotion

03/03/2017 12:16 CET | Aktualisiert 03/03/2017 13:57 CET
LeoPatrizi via Getty Images

Ich weiß nicht wie viele Paare - wahrscheinlich alle - das Problem haben, dass bei ihnen irgendwann die Lust auf Sex mit dem Partner schwindet. Die Frage, warum das passiert, ist die eine Sache, und die haben schon viele kluge Menschen analysiert.

Mich interessiert vor allem, wie man trotzdem ein erfülltes Sexleben haben kann. Denn es kann ja wohl nicht sein, dass man auf die schönste Sache der Welt verzichtet, nur weil man in einer festen Beziehung ist.

Fakt ist: Mit zunehmender Vertrautheit schwindet die Erotik. Mit zunehmendem Stress auch. Wenn die Familie wächst erst recht. Es gibt hunderttausend Gründe, warum Paare sich sexuell nicht mehr voneinander angezogen fühlen.

Und so lange das jemanden selbst oder seinen Partner nicht stört, ist es ja auch in Ordnung. Doch wenn der mangelnde Sex ein Streitpunkt in der Beziehung wird oder man selbst etwas grob vermisst, wird es Zeit, zu handeln.

Ich befasse mich seit über zwanzig Jahren intensiv mit Gesundheit, ursprünglich mit der gesunden Ernährung. Wie man am besten abnehmen kann, war über viele Jahre mein zentrales Thema, und ich habe einige Bücher darüber geschrieben.

Meine wichtigste Erkenntnis: Es kommt nicht auf die Art der Diät an, sondern darauf, dass man eine Entscheidung trifft und in Aktion geht. Dass man anders einkauft, anders kocht, anders isst. Und dass man sich bewegt. Eigentlich ganz einfach und in der Umsetzung doch so schwer.

Weil im Kopf eine Millionen Gedanken dagegensprechen. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich zusätzlich zu meinem ernährungswissenschaftlichen Studium zwei intensive mehrjährige Ausbildungen im Bereich Training/Coaching/ Leadership absolviert, mit meinem Partner zusammen eine GmbH gegründet und unzählige Vorträge, Seminare und Workshops gehalten und auch besucht.

Ich bin keine Sex-Expertin im klassischen Sinne

Heute weiß ich: Das Prinzip Entscheidung und Aktion kann man auf alle Lebensbereiche anwenden. Auch auf den Sex. Ich bin keine Sex-Expertin im klassischen Sinne. Ich habe kein sexologisches Studium, sondern würde mich eher als Expertin für sexuelle Neugier bezeichnen.

Ich bin jemand, den das Thema selbst betrifft, die alle Bücher darüber liest und sich immer wieder selbst beobachtet. Eines der besten Bücher, die ich je zu dem Thema gelesen habe, ist "Die versteckte Lust der Frauen". In diesem wird ein interessantes Phänomen beschrieben: In einer festen Beziehung wird der Mann früher oder später sexuell unattraktiv für die Frau, und sie verliert die Lust daran, mit ihm Sex zu haben.

Die wenigen wissenschaftlichen Studien, die es bisher zu diesem Thema gibt, sind revolutionär. Man kann nämlich genau messen, wann Frauen "feucht werden", wenn man ihnen beispielsweise erotische Geschichten erzählt. Erzählungen von fremden Männern erhöhen die Lubrikation (von lat. "lubricare", "schlüpfrig machen") sehr viel stärker als solche, die vom eigenen Partner handeln.

Auch erotische Erzählungen von Freundinnen oder fremden Frauen erhöhen die Lubrikation. In den meisten Partnerschaften ist es Realität, dass das Phänomen der Unlust von den Frauen ausgeht. Das allgemeine Gedankengut, dass Frauen vor allem Nähe, Vertrauen und Zärtlichkeit für Sex brauchen, scheint ein Märchen zu sein.

Kaum eine Frau gibt zu, dass sie ihren Mann nicht begehrt

Sie sind diejenigen, die das Begehren verlieren wenn die Beziehung zu vertraut wird. Kaum eine Frau würde allerdings zugeben, dass sie vor allem das Begehren für ihren eigenen Mann verliert. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Frau sich ihrerseits nicht mehr begehrt fühlt.

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In einer festen Beziehung muss (und darf!) der Mann sich ja nicht mehr frei für sie entscheiden. Dazu kommt, dass Frauen häufig keinen Zugang zu ihrer sexuellen Lust haben oder diesen nach der Geburt von Kindern verlieren. Will heißen, die Lust wäre theoretisch zwar da, die Frau merkt es aber nicht. Auch das haben findige (weibliche) Wissenschaftler herausgefunden.

Sie haben bei Männern und Frauen die Erregung beim Anschauen verschiedener pornografischer Bilder gemessen und festgestellt, dass komplett unterschiedliche Ergebnisse dabei herauskamen: Die Männer waren in diesem Szenario von allem erregt, was ihrer sexuellen Präferenz betrifft, und zwar geistig wie körperlich.

Ein heterosexueller Mann mag Bilder von Hetero-Sex oder von Frauen-Sex, das kann er auch so benennen und seine Erregung ist offensichtlich, ein homosexueller Mann mag Schwulen-Sex, ein Bi-Mann mag beides.

Bei den Frauen zeigte sich ein völlig anderes Bild: Nach ihrem Erregungszustand gefragt, sagten die Frauen, keines der Bilder würde sie anmachen. Die Messung der Erregung zeigte aber: Alles machte sie an, wirklich alles, auch Bilder von kopulierenden Orang-Utans. Heißt: Frauen spüren ihre Erregung offenbar nicht oder nicht ausreichend.

Guter Sex passiert nicht von selbst

Für den ganz normalen Alltag von Beziehungen ist genau dieses Phänomen der Killer schlechthin. Jeder, der neugierig darauf ist, wie es gehen kann, ein eingeschlafenes Sexleben wieder wecken, muss zuerst eine Illusion loslassen: Nämlich, dass guter Sex von selbst passiert.

Das mag am Anfang einer Beziehung so sein, wenn man sich vom anderen wie magisch angezogen fühlt. Wenn zwei Menschen verliebt ineinander sind, fallen sie ständig übereinander her und können gar nicht genug bekommen vom anderen. Doch diese Phasen sind kurz im Vergleich zum Rest.

Normal ist: Keine Erotik in der Beziehung. Spätestens wenn Kinder da sind. Wer nur Sex hat, wenn er "sich danach fühlt", wird irgendwann keinen Sex mehr haben. Oder sagen wir mal so: Sex kann passieren, weil zwei Menschen bestimmte Gefühle haben. Muss aber nicht. Klug wäre, sich nicht von den Emotionen leiten zu lassen.

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Ich behaupte: Sex kann man auch einfach haben, ohne den ganzen emotionalen Überbau. Vielleicht wird er dann sogar besser als erwartet. Die Phase der kompletten Lustlosigkeit nach der Geburt meines zweiten Kindes mit zweiundvierzig hat mir ziemlich zu schaffen gemacht. Meinem Partner auch.

Mein sexueller Antrieb war weg

Ich habe zehn Monate lang gestillt und mein sexuelles Begehren war wie abgeschaltet. Mein sexueller Antrieb war weg und ich mich gefragt, wie ich jemals im Leben Lust auf Sex haben konnte. Noch in der Schwangerschaft war meine Lust ungebremst, ich habe damals sogar ein Fotoshooting mit Babybauch im Swingerclub gemacht.

Es ist krass, was die Hormone mit einem machen können. Man sollte Sex nicht von seinen Emotionen abhängig machen. Denn die ändern sich. Oft mehrmals am Tag. Doch die meisten Menschen tun genau das und wundern sich, dass sie keinen Sex mehr haben, wenn die Verliebtheit oder die Erotik in der Partnerschaft verschwindet.

Mein Partner und ich, wir haben angefangen, unsere Zweisamkeit zu planen. Und wir haben entschieden, unser gemeinsames sexuelles Repertoire zu erweitern. Denn, ganz ehrlich: Ich möchte mehr als Null-acht-fünfzehn-Sex. Qualität vor Quantität.

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Wenn wir schon nicht mehr viel Zeit füreinander haben, soll es wenigstens richtig gut sein. Wir haben eine Entscheidung getroffen und sind in Aktion gegangen. Die treibende Kraft war in diesem Fall ich, und mein Partner hat mitgemacht.

Bei anderen Paaren mag das umgekehrt sein, dass die Männer die Sache forcieren. Fakt ist, es geht nur, wenn beide mitmachen. Wenn einer das Ganze dauerhaft abblockt, geht es nicht. Und dann - ganz ehrlich - sollte man sich fragen, inwieweit die Beziehung überhaupt noch tragfähig ist.

Vielleicht kann man Sex outsourcen. Fremdgehen. Dafür braucht es eine Menge Geheimnistuerei oder einen sehr bewussten und reifen Umgang miteinander. Ich erlebe viele Paare, wo einer von beiden mehr oder etwas anders im Bett will und sich immer wieder entmutigen lässt, weil der andere - meistens die Frau - nicht mitzieht.

Einer muss die Entscheidung treffen

Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, an diesem Punkt muss das Paar die "Gleichberechtigung" fallen lassen, die eigentlich nur gegenseitiges Dominieren ist. Einer muss die Entscheidung treffen und den anderen mitreißen. Und der Passivere muss bereit sein, sich mitreißen zu lassen und nachzugeben!

Dominieren mit ständigem Neinsagen ist so ungefähr das Schlimmste, was man seinem Partner antun kann. Eine Illusion, die man loslassen muss, ist, dass beide gleichzeitig das Gleiche wollen. Einer muss die Initiative übernehmen.

Und der andere muss nachgeben. Wenn nicht einer in Führung geht, passiert gar nichts. Das ist übrigens bei anderen Dingen oft keine große Sache, manchmal kauft einer Kinokarten für beide oder einer bucht einen Wochenend-Trip, um den anderen zu überraschen.

Es wird auch sonst nicht immer alles bis ins Kleinste ausdiskutiert, oder? Wenn man im Bett nicht mehr zusammenkommt, steht eine Entscheidung an. Sex ist viel zu wichtig, als das man darauf dauerhaft verzichten könnte.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Gesundgevögelt in 12 Wochen von Susanne Wendel.

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