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Politiker sind auch nur Menschen, oder?

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Die Menschheit ist ja bekanntlich mit einer wahren Flut an Vorurteilen zu den unterschiedlichsten Themen behaftet. Es gibt kaum etwas, das sich leichter aufbaut, schneller festigt und am Ende kaum noch aus der Welt zu schaffen ist, wie ein gut platziertes Vorurteil, das von der breiten Masse ohne nachzudenken übernommen und gestreut wird. Das Zugrundeliegen realer Erfahrungen ist dafür nicht zwingend Voraussetzung und im Allgemeinen auch eher störend.
Um alleine mit den gängigsten Vorurteilen in unserer Gesellschaft aufzuräumen, würde man definitiv mehr als nur ein Leben benötigen - außerdem eine schier unerschöpfliche Quelle an Güte und Geduld, was dem vorherrschenden Naturell der meisten Mitmenschen nicht entspricht. Der Letzte, der sich daran versucht hat, ist trotz all seiner herausragenden Eigenschaften ans Kreuz genagelt worden und das hat potentielle Weltverbesserer vermutlich für die nächsten 2.000 Jahre abgeschreckt.
Sozusagen nebenberufsbedingt bewege ich mich seit einiger Zeit im Umfeld der Frankfurter Kommunalpolitik und seitdem begegne ich mehr oder weniger abstrusen Vorurteilen gegenüber politischen Amts- und Mandatsträgern oder der politischen Arbeit generell. Über Politiker lässt sich sicherlich so einiges sagen und vieles trifft auch den Nagel oder gleich mehrere auf den Kopf, aber wenn wir uns mal die Erwartungshaltung anschauen, mit der die Gesellschaft heute den Vertretern der demokratischen Parteien begegnet (den braunen Sumpf lasse ich bewusst außen vor), dann müssen wir uns doch einmal fragen, ob wir selbst diesen Ansprüchen gerecht werden würden.
Könnten wir uns den idealen Politiker backen, dann wäre das einerseits ein solider, konservativer Familienvater, der ein traditionelles Familienbild repräsentiert und entsprechende Werte verkörpert, sich aber aufgeschlossen und innovativ gegenüber Themen wie Homo- und Transsexualität, Menschen mit Migrationshintergrund oder der Legalisierung gängiger Rauschmittel zeigt. Mit schlafwandlerischer Lässigkeit, die nur noch Aschenputtels gute Fee zu toppen in der Lage wäre, würde dieser Modellpolitiker den städtischen Haushalt sanieren und mit links (oder auch rechts) auf alle Töpfe gleichermaßen gerecht verteilen, so dass sich niemand übergangen, benachteiligt oder nicht angemessen gefördert fühlt. In dieser rosaroten Politikblase besteht natürlich zum Anheben oder Absenken des Spitzensteuersatzes keine Notwendigkeit, da unser Herr Mustermann nahezu alle Themen engagiert und interessiert verfolgt, rechtzeitig regulierend eingreift und die kleinsten Löcher schon im Ansatz stopft - sofern überhaupt welche entstehen.
Seine Persönlichkeit ist eine Mischung aus George Clooney und Superman - mit einem Charme und einer Ausstrahlung zum Niederknien löst er mit dem kleinen Finger auch die kompliziertesten Probleme - selbst die, die er nicht verursacht hat und an denen sich seine Vorgänger aufgrund völliger Inkompetenz jahrelang die Zähne ausgebissen haben. Seine Weste ist selbstverständlich weiß und er selbst moralisch und ethisch über jeden Zweifel erhaben.
Jetzt habe ich Ihnen genug Märchen erzählt - willkommen in der Realität. Aber schauen wir uns die Vorurteile doch mal genauer an, die dieser speziellen Sorte Mensch so gerne entgegengebracht werden ...

„Politiker verdienen ein Schweinegeld für nix"

Naja ... Als Kommunalpolitiker erhält man eine so genannte Aufwandsentschädigung, die mancherorts auch durchaus die Berechtigung hätte, als Schmerzensgeld bezeichnet zu werden. Dieser Betrag würde noch nicht mal die monatlichen Kosten einer Therapie abdecken, die man unweigerlich irgendwann benötigt, wenn man dem öffentlichen Druck nicht mehr standhalten kann, weil man beispielsweise damit konfrontiert wird, dass der Streichelzoo des örtlichen Karnickelzuchtvereins zwar weiterhin für Kinder erhalten bleiben soll, aber doch bitte ohne die unmittelbar angrenzende Nachbarschaft mit müffelnden Hasenknötteln oder gar dem Geschrei spielender Kinder zu nerven.
Der Zeitaufwand, den ein Kommunalpolitiker für Plenar- und Fraktionssitzungen, Ausschüsse, Arbeitskreise, Stammtische (auch nicht so lustig, wie es sich anhört) und darüber hinaus für die Wahrnehmung der unterschiedlichsten Termine aufwendet, ist immens. Würde man diesen Zeitaufwand der Aufwandsentschädigung gegenüberstellen, käme man noch nicht mal annähernd auf den gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn - das mal nur am Rande.
Leben kann man von diesem Betrag definitiv nicht, geschweige denn eine mehrköpfige Familie ernähren - es sei denn, man betrachtet die Aufwandsentschädigung als Taschengeld und hat im Hotel „Mama" auch mit Anfang Vierzig noch Kost und Logis frei.

„Die Versprechen eines Politikers im Wahlkampf sind nur heiße Luft"

Der Eindruck ist sicherlich nicht völlig falsch, wird aber auch wieder von vielen Vorurteilen genährt, die niemand wirklich hinterfragt. Grob gesehen ist der Wahlkampf für die Politiker oder die Parteien nichts anders als ein Bewerbungsgespräch im großen Stil. Und mal ehrlich - haben Sie sich noch nie im Rahmen eines Assessment Centers oder eines Bewerbungsverfahrens gegenüber Konkurrenten durchsetzen müssen? Und waren Sie dann wirklich immer in dem Team, das gutes Karma sammeln wollte und großzügig dachte: „Möge der Bessere gewinnen"? Oder haben Sie nicht auch mal alle Register gezogen, um den Traumjob zu ergattern - auch wenn manche Aussagen vielleicht hinterher wieder etwas relativiert werden mussten?
In groben Zügen ähnlich agiert ein Politiker während des Wahlkampfs - natürlich will er selbst bzw. seine Partei glänzen. Vorzüge und Fähigkeiten werden betont, Erfolge in Aussicht gestellt und das geballte Parteiprogramm präsentiert und ausgeschlachtet bis ins kleineste Detail. Ich glaube, in diesem Adrenalinrausch hat man wirklich das Gefühl, die Welt verändern und Berge versetzen zu können - zumindest kleinere Berge. Oder Sanddünen. Oder Maulwurfhügel - das geht.
Nach dem Wahlkampf ist es dann in der Politik wie im wirklichen Leben - manche schaffen es, nach der Einarbeitung einen guten Job zu machen, andere setzen es in den Sand.

„Entscheidungen werden in der Politik extrem verzögert"

Die politischen Mühlen mahlen gar nicht mal unbedingt so langsam, aber es sind sehr, sehr viele Mühlen, die da mitunter an einem Korn mahlen. Wer einmal einen Blick hinter die Kulissen geworfen und verfolgt hat, welche Wege und Gremien ein einfacher Antrag zum Aufstellen eines Mülleimers, der Installation einer Parkbank oder dem Montieren eines Straßenschildes durchlaufen muss, der weiß, wovon ich rede. Wenn die Opposition dann noch die Ansicht vertritt, die Parkbank mache auf der anderen Straßenseite mehr Sinn, weil die potentiellen Benutzer nach den neusten Lehren des Feng Shui dort nicht mit dem Rücken zur falschen Himmelsrichtung sitzen, kann so eine Parkbank-Entscheidung schon mal ein gutes Jahr dauern - besonders dann, wenn der ein oder andere Entscheidungsträger die Kulisse gerne vorab in einem oder mehreren Ortsterminen besichtigen möchte.
Wenn man das mal auf umfangreichere Themen, wie das Einführen neuer Gesetze oder das Anheben oder wünschenswerte Absenken diverser Steuersätze hochrechnet, dann ist es für einen Politiker schon etwas ganz Großes, das Ergebnis seiner Bemühungen zu Lebzeiten noch bewundern zu dürfen.

„Politiker sind oberflächlich und jede Beziehung unterliegt dem politischen Kalkül"

Dieses Vorurteil erweist sich bei genauerem Hinsehen als falsch und resultiert wohl eher daraus, dass man als Person des öffentlichen Lebens gut überlegt, wem und wann man Einblick und Zugang zu seinem Privat- und Seelenleben gewährt bzw. wem man seine Achillesferse zeigt. Natürlich pflegen auch Politiker enge Freundschaften und langjährige Beziehungen, nur halten sie ihr Privatleben gerne aus der Öffentlichkeit heraus - weil es eben, wie der Name schon sagt, privat ist.
Darüber hinaus ist es auch für einen ausgebufften Politiker nicht immer einfach zu erkennen, wer die Bande zu ihm aus reinem Eigennutz knüpft oder wer tatsächlich einfach nur Spaß daran hat, mit ihm bei einem Bier die neusten Fußballergebnisse oder das dritte Piercing der pubertierenden Tochter zu bequatschen.

„Politiker sind spießig und konservativ"

Auch hier muss ich mal eine Lanze für die bunte Vielfalt in den Stadt- oder Stadtteilparlamenten brechen. Die Gesellschaft selbst erwartet von ihren politischen Vertretern die Erfüllung nahezu aller konservativen Klischees und damit die angemessene Ausübung ihrer vielgepriesenen Vorbildfunktion. Ist diese Erwartungshaltung aber heute wirklich noch zeitgemäß?
Schauen wir uns heute mal die Vertreter der demokratischen Parteien an, so finden wir dort nicht nur die traditionellen Familienväter und -mütter, sondern ebenso Geschiedene, Verwitwete, allererziehende Mütter und Väter und Anhänger der wilden Ehe. Wir finden Akademiker, Handwerker und Angehörige der alternativen Szene, genauso wie Schwule und Lesben, Männer, die früher Frauen waren und umgekehrt, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Und das ist auch gut so!
Ist das ein Manko für die Qualität der politischen Arbeit? Nein! Es spiegelt unsere Gesellschaft in ihrer ganzen Palette wider und nur indem innerhalb der Parteien Menschen wie Du und Ich sitzen, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen in ihre politische Arbeit einbringen dürfen, können unsere Interessen auch verstanden und entsprechend vertreten werden.

„Alle Politiker sind korrupt"

Auch hier gibt es ganz klar schwarze Schafe, wie in vielen anderen Bereichen auch. Hat man eins auf frischer Tat ertappt, wird das nicht nur ausgiebig in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet, sondern gleich die ganze Partei in Sippenhaft genommen. Das ist ungefähr genauso reif und differenziert wie beispielsweise die beliebte Parole, dass die Einwohner bestimmter osteuropäischer Staaten ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Autodiebstähle bestreiten.
Ja, es gibt sie, diese Fälle und zwar in nahezu jeder Partei. Allerdings befinden sie sich prozentual in einer ähnlichen Minderheit wie der Anteil an Autodieben im Vergleich zur Gesamtbevölkerung besagter Nachbarländer.
Statt auch hier zu verallgemeinern, könnte man das Augenmerk mal auf all diejenigen richten, die mit Einsatz und Engagement ihrer Tätigkeit nachgehen, die die Ärmel hochkrempeln und etwas bewegen wollen und die mehr zu bieten haben, als reißerische Parolen ins Mikrofon zu pöbeln.

* * *

Und bei all den Vorurteilen und Ressentiments, die wir unseren Politikern und der Politik als Ganzes gerne entgegenbringen, sollten wir uns immer wieder das Privileg vor Augen halten, dass wir in einem Land leben, in dem wir tatsächlich eine Wahl haben und mitgestalten dürfen!