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Kinder sind an allem schuld!?

29/01/2016 20:07 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
Milan_Jovic via Getty Images

Kinder sind an allem schuld, so liest es sich gerade quer durch das Internet: Daran, dass wir uns nicht die Nächte in Diskotheken um die Ohrenschlagen können wie früher. Daran, dass wir uns nicht kleiden können wie vor der Geburt und sowieso daran, dass der Körper anders aussieht.

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Kinder sind schuld daran, dass wir mit unserem Partner nicht mehr genug Freizeit verbringen oder allein in den Urlaub fahren können. Und natürlich sind sie auch daran schuld, dass wir nicht mehr durchschlafen können.

Unser Leben verändert sich durch Kinder recht wahrscheinlich und schuld sind natürlich sie, die neu dazu gekommen sind, denn vorher ging ja alles anders. Das Problem ist nur: Es stimmt nicht.

Kinder sind in erster Linie Kinder. Sie sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben es sich nicht ausgesucht, zu uns zu kommen. In den meisten Fällen sind wir, die Erwachsenen, diejenigen, die sie zu sich eingeladen haben. Einen Menschen zu sich einzuladen, bedeutet, ihn anzunehmen wie er ist.

Wenn ich meine Freundin zu mir einlade, die kein Ei verträgt, backe ich Kuchen ohne Ei für sie. Bei einer anderen Freundin, die kein Gluten verträgt, verhält es sich ebenso: ich besorge etwas glutenfreies. Wenn ich mich mit einem Bekannten verabreden möchte, der nicht gut laufen kann, gehen wir in ein Café statt zu mir in den 3. Stock ohne Aufzug.

Erwachsenen begegnen wir auf Augenhöhe, Kindern nicht

Den Menschen, die ich zu mir einlade, bringe ich Respekt gegenüber und versuche, mich in sie hinein zu versetzen. Erwachsenen gegenüber funktioniert das meist so gut, weil wir uns mit ihnen auf einer Augenhöhe fühlen. Nur bei Kindern, da klappt das irgendwie nicht so problemlos. Gerade bei ihnen erwarten wir, dass sie sich in unser Leben einpassen sollen. Gerade bei Kindern?

Wir fühlen uns in unserem Erwachsenendasein gestört von ihnen und eingeschränkt. Fast pubertär beharren wir auf unsere Rechte: frei sein, ungestört, unabhängig. Führen wir uns diese Dinge vor Augen, erscheint es fast wirklich wie ein pubertäres Verhalten, denn was einen erwachsenen Menschen ausmacht, ist eben nicht die große Freiheit und Uneingeschränktheit.

Es ist vielmehr das Erreichen einer höheren Stufe von Moral, die Fähigkeit, uns in andere hinein versetzen zu können und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen. Wir Erwachsene unterscheiden uns von den Jugendlichen eigentlich dadurch, dass wir reflektieren, dass wir Grenzen erkennen und uns damit auseinander setzen statt auszuharren.

Das bedeutet nicht, dass wir alles aufgeben müssen, dass wir nicht mehr wir selbst sein können und unsere eigenen Grenzen nicht wahren dürfen. Es bedeutet genau das Gegenteil: Wir haben die große Chance, unsere Bedürfnisse und unsere Werte neu einzuordnen, festzulegen, was für unser Leben wirklich wichtig ist und es vielleicht neu auszurichten. Wir haben gerade durch Kinder die Möglichkeit, wirklich erwachsen sein zu können und diesen Schatz an Rücksichtnahme auch in andere Lebensbereiche hinein tragen zu dürfen.

Ein Kind ist ein Kind. Es hat kindliche Bedürfnisse, die erfüllt werden sollten. Es kann nicht verstehen, dass wir so ganz anders denken, dass wir so ganz anders handeln als es sich das wünscht. Es ist einfach da, mit all seiner Liebe, seiner Wärme, seiner Traurigkeit und Einsamkeit, wenn wir nicht bei ihm sind.

Kinder wünschen sich von uns angenommen und verstanden zu werden

Es hat kein Bild von der großen weiten Welt und all dem, was es noch dort gibt außer es selbst und seiner Familie. Es wünscht sich, von uns angenommen und verstanden zu werden. Es wünscht sich - wie wir Erwachsene - nicht verurteilt zu werden und beschuldigt für Dinge, für die es nichts kann. Es ist einfach noch nicht lange auf der Welt - nicht mit einem Jahr und auch noch nicht mit fünf Jahren.

Selbst bei meiner sechsjährigen Tochter sehe ich immer wieder, wie erstaunt sie von der Welt sein kann und den Menschen. Auch für sie gibt es noch immer Neues und Unbekanntes. Dinge, die sie erfreuen und Dinge, vor denen sie sich fürchtet. Was sind sechs Jahre in unserem Leben? Eine kurze Zeit, ein Wimpernschlag.

Kinder sind nicht schuld daran, dass sich unser Leben geändert hat. Sie sind bei uns, weil wir unser Leben geändert haben: weil wir eben Kinder bekommen haben und diese Aufgabe uns ab dem Zeitpunkt, an dem wir uns dafür entschieden haben, ein Leben lang begleiten wird. Wir haben eine Wahl getroffen, nicht sie. Und es ist unsere Aufgabe, diese Wahl für sie so zu gestalten, dass es nicht eines Tages sie sind, die unsere Entscheidung bereuen.

Die Autorin betreibt den Blog Geborgen Wachsen und veröffentlicht demnächst das Buch Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden.

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