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Verwöhnen, was soll das sein?

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Stanislaw Pytel via Getty Images
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Aus Sicht einer Generation, die ganz andere Erziehungsziele hatte, bedeutet jede Form des sensiblen, empathischen Umgangs miteinander schon Verwöhnen. Alles das, was die Bedürfnisse von Babys und Kindern in den Vordergrund stellt: Stillen oder Füttern nach Bedarf, Schlafen in Elternnähe, Tragen des Babys, überhaupt das Beachten der kindlichen Signale und die Ausrichtung des Alltags auf den kindlichen Rhythmus.

Dies sind Aspekte von Elternschaft, die früher abgelehnt oder unterdrückt wurden aus Angst, das Baby könne zu sehr den Alltag bestimmen und mit seinen persönlichen Bedürfnissen die Erwachsenen zu seinen Sklaven machen. Früher sollte sich das Kind den Bedürfnissen und Rhythmen der Erwachsenen unterordnen - nicht andersherum.

Heute wissen wir, dass dies nicht nur den Bedürfnissen von Kindern widerspricht und anfangs (bis das Kind in gewisser Weise resigniert) auch sehr anstrengend für die Eltern ist, sondern auch langfristig negative Folgen für die Entwicklung hat.

Aus Sicht der damaligen Eltern wird ein kompletter Richtungswechsel in der Erziehung natürlicherweise kritisch beäugt - schließlich brauchten Kinder dieses "Verwöhnprogramm" früher nicht, um aufzuwachsen. Und auch Eltern unserer Generation kann es schwer fallen, das Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes in den Vordergrund zu stellen und dabei zu akzeptieren, dass es bei ihnen selbst anders war und man ja "auch so groß geworden" ist. Dass einem Dinge fehlten, gibt man manchmal nicht gern zu.

Aus bindungsorientierter Perspektive sind all die genannten Dinge kein Verwöhnen, sondern einfach der normale, kindgerechte und die Bindung fördernde Umgang. Wir wissen aus persönlichen Erfahrungen und Studien, dass das Eingehen auf die kindlichen Bedürfnisse genau das ist, was Babys und Kinder benötigen, um gesund und geborgen aufwachsen zu können.

Auf diese Weise werden sie zu psychisch und physisch gesunden Erwachsenen mit Urvertrauen und der Fähigkeit, sich sicher zu binden. Das Eingehen auf ihre Signale ist deswegen kein Verwöhnen, sondern sollte selbstverständlich sein oder es werden.

Wir tun nichts Besonderes, wenn wir Bedürfnissen nachkommen, sondern nur das, was eben notwendig ist. Menschen werden dadurch, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden, nicht verwöhnt. Sie werden so behandelt, wie jeder Mensch behandelt werden sollte. Dies gilt für Babys wie für alle anderen auch.

Wurzeln und Flügel

Was andere oft als "verwöhnen" bezeichnen, wenn sie der Meinung sind, wir würden unsere Kinder falsch behandeln, meint eigentlich "verziehen". Natürlich ist auch dies keine Bezeichnung, die in bindungsorientierter Elternschaft genutzt werden sollte. Denn schon das Wort "Erziehung" ist nicht wirklich passend, wenn wir unser gemeinsames Leben mit Kindern beschreiben, in dem wir ihren Bedürfnissen nachkommen und feinfühlig ihre Signale wahrnehmen.

"Verziehen" meint nun, dass wir sie in eine falsche Richtung wachsen lassen oder sie ungünstig verbiegen, anstatt sie "richtig zu biegen". Doch wir biegen unsere Kinder nicht in irgendeine Richtung, wenn wir sie bindungsorientiert wachsen lassen, sondern geben ihnen die Möglichkeit, sich nach ihren Bedürfnissen und in ihrem Tempo in dem von uns gegebenen Rahmen zu entwickeln.

Natürlich können wir mit unserem Verhalten auch einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung nehmen. Dies passiert dann, wenn wir ihren Bedürfnissen nicht nachkommen. Zu diesen Bedürfnissen zählen jedoch nicht nur solche, bei denen wir Eltern bewusst etwas für die Kinder machen, sondern eben auch die, bei denen wir Eltern etwas unterlassen.

Alle Eltern hören irgendwann den Spruch: "Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel."

Während uns die gesunden Wurzeln heute glücklicherweise immer leichter fallen, ist es viel schwerer, die Kinder auch fliegen zu lassen, losgelöst von uns. Und zwar nicht erst dann, wenn sie groß sind, sondern von Anfang an. Zu den Bedürfnissen von Kindern und auch schon Babys gehören nämlich auch Neugierde und Selbstwirksamkeit.

Flügel für kleinste Babys bedeuten, dass wir sie beispielsweise ein Spielzeug oder einen Gegenstand ganz allein erkunden lassen. Wir müssen ihnen nicht vormachen, dass eine Rassel rasseln kann oder welches Geräusch entsteht, wenn man einen Baustein auf den Fußboden oder auf eine Plastikschüssel schlägt - sie werden diese Dinge allein herausfinden und sich daran erfreuen.

Wenn sie größer werden, müssen wir sie nicht hinsetzen und ihnen auch nicht beim Krabbelnlernen helfen, denn das wollen sie aus ihrem eigenem Bedürfnis heraus. Wenn sie unzufrieden sind mit ihrer Perspektive, dient die Unzufriedenheit als Motor dazu, etwas zu ändern. Setzen wir sie selbst hin oder stellen wir sie auf die Beine, nehmen wir ihnen den Antrieb und vermitteln ihnen das Gefühl, dass nur wir ihre Bedürfnisse befriedigen können.

Sie werden unruhig und quengeln viel, weil sie immer unsere Aufmerksamkeit benötigen, damit wir ihnen helfen. Sie erfahren nicht, dass sie sich in vielen Situationen selbst helfen können. Kinder, die laufen lernen, dürfen auch fallen und lernen, wie man sich gut abrollt oder auffängt. Sie müssen das richtige Fallen lernen, um später schlimme Stürze zu vermeiden.

Wenn wir sie als Kleinkinder aus Angst nicht in unserer Anwesenheit klettern lassen, werden sie im Kindergartenalter ohne Aufsicht ihr Glück versuchen und ohne Übung vielleicht weniger geschickt sein. Deswegen: Ja, wir können auch zu viel tun, wenn wir über das Bedürfnis unserer Kinder nach Autonomie hinwegsehen. Es ist keine bedürfnisorientierte Elternschaft, wenn wir unseren Kindern ihre Entwicklungsaufgaben abnehmen, und wir können ihnen mit einem Zuviel an Aufmerksamkeit schaden.

Zu sicher verbunden gibt es nicht

Das Fundament einer glücklichen Kindheit ist die sichere Bindung. Sie entwickelt sich, wenn wir feinfühlig auf Signale eingehen, das Kind beachten und seinen unterschiedlichen Bedürfnissen nach Nähe, aber auch nach Autonomie nachkommen.

Wir können uns die sichere Bindung als Waage vorstellen: Auf der einen Seite sind alle Bedürfnisse, die wir mit Nähe und Aufmerksamkeit erfüllen können, auf der anderen die Bedürfnisse des Kindes, die mit Autonomie verbunden sind.

Für eine sichere Bindung sollten beide Seiten im Gleichgewicht sein. Nehmen wir zu viel Autonomie weg und füllen die andere Seite aufgrund unserer eigenen Ängste mit mehr Nähe, geraten wir in ein Ungleichgewicht, das das Kind abhängig von uns macht.

Bettina Alberti bezeichnet dies als emotional-missbräuchliche Bindungsbeziehung. Nehmen wir zu viel von der Nähe weg und überlassen das Kind sich selbst, kommen wir in den Bereich der unsicheren Bindung. Ein Gleichgewicht auf beiden Seiten ist daher das, was wir anstreben. Werden diese beiden Seiten gleichmäßig gelebt, gibt es auch keine "zu enge Bindung".

Jedes Bild hat einen Rahmen - über Grenzen

Wir kommen mit unseren Kindern, die sich frei entwickeln dürfen, bald an einen wesentlichen Punkt: die persönlichen Grenzen. Wenn ein Kind die Möglichkeit hat, eine Wohnung frei zu erkunden, wird es dem nachkommen. Hierdurch kann es wunderbare Erfahrungen machen, selbstwirksam sein und viel über seine Umgebung erfahren.

Doch es wird auch irgendwann an Grenzen stoßen: Eltern und Kind müssen aushandeln, in welchem Rahmen die Erkundung möglich ist. Denn auch wenn wir unser Kind frei sein lassen, um eigene Erfahrungen zu machen, müssen wir es vor gewissen Gefahren schützen und zudem auf unsere persönlichen Grenzen achten, von denen wir uns wünschen, dass sie von anderen Menschen eingehalten werden.

Einem Kind Freiheit zur Entwicklung zu geben, bedeutet nicht, dass es keine Grenzen erfährt, dass es keinen Rahmen hat, in dem es sich bewegen kann. Es sind natürliche Grenzen, die wir unseren Kindern aufzeigen und wo wir ihnen keinen Raum zum Ausprobieren lassen: Finger, Scheren, Stricknadeln werden nicht in Steckdosen gesteckt, und es werden auf dem Fensterbrett im dritten Stock keine Balanceübungen gemacht.

Es gibt Grenzen, die wir unseren Kindern aufzeigen müssen, um sie zu schützen.

Solche, bei denen es keinen Verhandlungsspielraum gibt und die - neben aller Toleranz und Freiheit - notwendig sind, weil Kinder die Gefahren nicht einschätzen können.

Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet nicht Laissez-faire, denn es gibt wohlüberlegte Grenzen, die ihren Sinn haben. Die Grenzen, die wir festlegen, ergeben sich aus natürlichen Notwendigkeiten und können (und sollen) den Kindern gegen über begründet werden.

In unseren eigenen Räumen ist es hilfreich, sie von Anfang an unter dem Aspekt der Grenzen zu betrachten: Wie können Räume so gestaltet sein, dass sie nicht gefährlich, aber doch auch anregend und spannend sind? Wir begeben uns auf Kinderhöhe und schauen uns um, um auszuloten, wo welche Gefahrenquellen liegen und wie wir damit umgehen wollen.

Das können einfache Maßnahmen sein wie Kindersicherungen in Steckdosen oder auch das Wegräumen der geliebten Zeitschriftensammlung aus Kinderhöhe. Die Welt durch Kinderaugen zu betrachten ist im Hinblick auf die Gestaltung von Grenzen besonders wichtig.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Geborgen wachsen von Susanne Mierau

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Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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