Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Susanne Mierau Headshot

5 Ammenmärchen über den Babyschlaf

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BABY SCHLAFEN
Susanne Mierau
Drucken

Im Laufe der Jahre habe ich viel erfahren über das Schlafverhalten anderer Babys und Kinder und auch meine eigenen drei Kinder sind ganz verschiedene Schläfer: Da gibt es das Kind, das von Anfang an nachts wunderbar schlief, aber kaum am Tage. Dann gab es das Kind, das nachts lange (und zwar Jahre!) schlecht schlief und dafür den Mittagsschlaf liebte. Und es gibt das Kind, das irgendwo so in der Mitte ist und gerade erst den Tag-Nacht-Rhythmus für sich entdeckt hat.

Drei Kinder in einer Familie, drei verschiedene Schlafgeschichten. Babys und Kinder schlafen unterschiedlich und doch gibt es eines, was ganz sicher gilt: Es gibt viel zu viele Ammenmärchen über den Schlaf unserer Kleinsten.

Ammenmärchen 1: Babys können schlafen lernen

Babys kommen als unglaublich kompetente kleine Wesen auf die Welt. Sie haben die Fähigkeit, sich an das Leben außerhalb der Gebärmutter relativ schnell anzupassen und brauchen hierfür unsere Nähe und Fürsorge. Im ersten Lebensjahr erwerben sie eine Vielzahl an Fähigkeiten durch ihren inneren Antrieb und dem Umstand, dass wir Erwachsene sie auf ihrer Entwicklungsreise liebevoll begleiten.

Auch das Schlafverhalten verändert sich in diesem Jahr und auch später - aber Schlaf wird nicht gelernt. Die Entwicklung des Schlafes ist ein Reifungsprozess, den wir Erwachsene in einigen Aspekten fördern (insbesondere durch unser eigenes Verhalten), aber letztlich nicht völlig beeinflussen können.

Wenn Erwachsene davon sprechen, dass Babys das Schlafen lernen könnten, meinen sie meistens, dass Schlafprogramme angewendet werden, damit Babys durchschlafen. Schlafprogramme sind jedoch keine Lernprogramme: Babys werden bei diesen Programmen gezielt schreien gelassen und nicht liebevoll in den Schlaf begleitet, wie es eigentlich ihr natürliches Bedürfnis ist. Das hat verschiedene negative Auswirkungen.

Auf diese Weise lernt das Kind auch nicht das Schlafen, sondern schläft lediglich aufgrund des Stresses ein. Es hat nicht gelernt, wie es besser, länger oder sicherer schläft, sondern ausschließlich, dass sein Nähe- und Sicherheitsbedürfnis nicht befriedigt wird, weshalb es schließlich resigniert und alle weiteren Anstrengungen nach Nähe zu suchen, einstellt.

Das Kind hat aufgegeben und schont seine restliche Energie. Es hat nichts gelernt, sondern im Gegenteil kann seine Lernfähigkeit hierdurch zukünftig vermindert werden. Babys können nicht schlafen LERNEN.

Zudem ist es so, dass Babys auch schon wunderbar schlafen können - nur eben nicht in unserem Rhythmus. Kein Baby muss schlafen lernen, denn es kann schlafen und passt sich nach und nach auch unseren Schlafrhythmen an, wenn wir die geeigneten Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen.

Ammenmärchen 2: Durch Beikost schlafen Babys besser

Das Märchen vom Gute-Nacht-Brei oder generell der schlaffördernden Beikost stammt vielleicht aus der Babynahrungsindustrie. Doch Babys schlafen nicht nur wegen ihres Kalorienbedarfs nicht durch, sondern auch aus anderen Gründen. Sicher ist, dass Babys durchaus Energie brauchen für das rasch wachsende Gehirn und das restliche Körperwachstum. Diese Energie benötigen sie auch nachts, weshalb sie auf Nahrungszufuhr angewiesen sind.

Muttermilch eignet sich besonders gut, da sie auf die Bedürfnisse des Babys optimal eingestellt ist und beispielsweise besonders viel Milchzucker enthält, der genau das ist, was das wachsende Gehirn benötigt. Beikost verfügt im Vergleich zur Muttermilch über weniger Energie bei gleicher Menge. Sie ist deswegen kein Ersatz für den Energielieferanten Muttermilch und auch lange Zeit noch nicht gehaltvoller.

Doch wie oben schon angedeutet, wachen Babys eben nicht nur wegen des Kalorienbedarfs auf, sondern weil sie sich beim Schlafen sicher und versorgt fühlen wollen. Durch das Wachwerden haben sie die Möglichkeit, zu überprüfen, ob die Rahmenbedingungen des Schlafs noch richtig und passend sind, d.h. ob eine Bindungsperson in der Nähe ist. Kein Brei kann dieses wichtige Gefühl der Sicherheit ersetzen.

Auch Studien haben ergeben, dass Babys nicht besser oder länger schlafen, weil sie Beikost erhalten. Im Gegenteil kann das Überfüttern des Babys zu einem schlechteren Schlaf führen, wenn der kleine Körper anstrengende Verdauungsarbeit leisten muss.

Ammenmärchen 3: Babys dürfen nicht an der Brust einschlafen

Auf der einen Seite heißt es, Babys sollen satt einschlafen, auf der anderen wird behauptet, sie dürften aber bloß nicht an der Brust einschlafen. Doch das so genannte „Einschlafstillen" ist eigentlich genau das, was Kinder sehr beruhigt und wunderbar in den Schlaf begleitet. Sie wissen sich nun ganz nah bei ihrer Bindungsperson, sind auf angenehme Art gesättigt, werden vom anderen Körper gewärmt und geschützt.

Es gibt kaum eine schönere Vorstellung, um sanft in den Schlaf zu kommen. Einschlafstillen ist nicht verboten und führt auch nicht, wie oft behauptet, zu Karies. Das Stillen im Bett kann deswegen so lange gemeinsam genossen werden, wie es zum Einschlafen führt.

Irgendwann schlafen Kinder nicht mehr an der Brust ein und andere Rituale können viel anstrengender sein oder werden als das Einschlafen an der Brust. Und auch beim nächtlichen Aufwachen gibt es anstrengender Methoden als das Baby einfach wieder an die Brust zu legen. Sie werden davon nicht verwöhnt oder „verzogen".

Ammenmärchen 4: Babys brauchen Stille zum Schlafen

Da liegt dieses kleine, zarte Wesen im Arm und man denkt, man möchte es nur mit Blütenblättern streicheln. Babys sehen so zart aus und wir denken leicht, wir müssten es von allem abschirmen. Tatsächlich sind auch zu viele Reize anfangs unangebracht und können das Baby leicht überfordern.

Doch auch zu viel Stille kann irritieren: Babys mögen Geräusche um sich. Aus dem Leben im Uterus sind sie Geräusche um sich gewohnt und auch danach sind Geräusche wichtig, denn sie signalisieren dem Baby, dass andere Menschen um es herum sind, die sich um das Baby kümmern können.

Manches Mal wirkt absolute Stille auf ein Baby viel unangenehmer als die natürlichen Geräusche einer belebten Wohnung. Babys brauchen keine Stille, sondern einfach normale Alltagsgeräusche um sich.

Ammenmärchen 5: Babys nachts nicht die Windel wechseln!

Manches Mal wird Eltern geraten, dass sie das Durchschlafen des Babys fördern können, wenn sie es nachts nicht wecken und nicht die Windeln wechseln. Richtig ist, dass Babys nachts nicht mit viel Aufregung geweckt werden sollten bzw. wenn sie aufwachen mit möglichst sanften Mitteln wieder in den Schlaf begleitet werden sollten. Beispielsweise sollte immer lieber versucht werden, das Baby im Bett wieder einschlafen zu lassen (beispielsweise durch das oben aufgeführte Einschlafstillen), bevor Mittel ergriffen werden wie Umhertragen, Wippen auf dem Ball oder gar Umherfahren im Auto.

Durch sanfte Hilfsmittel wie stillen, Worte, Lieder oder Hand auflegen erfährt das Baby, dass es im Bett sicher ist und bei seinen Bezugspersonen wohl geschützt. Dennoch müssen die Bedürfnisse des Babys berücksichtigt werden und kein Mensch liegt gerne über Stunden in seinen Ausscheidungen.

Zwar verfügen heutige Windeln oft über Superabsorber, die sehr viel Flüssigkeit aufnehmen können, doch kann eine mangelnde Hygiene im Windelbereich zu einer schmerzhaften Windeldermatitis führen. Wer Stoffwindeln nutzt, sollte ebenfalls bei Bedarf nachts die Windel wechseln, damit das Baby nicht in einer nassen Windeln mehrere Stunden verbringen muss.

Alle notwendigen Sachen für den Windelwechsel können schon beim Zubettgehen bereitgelegt werden, so dass das nächtliche Windelwechseln schnell und einfach geht.

Kennt Ihr noch mehr Ammenmärchen über den Babyschlaf?
Eure Susanne

Der Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog Geborgen Wachsen.

Das Fundraisingprojekt der Autorin zur Erstlingsbox findet ihr hier: https://www.startnext.com/erstlingsbox

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Auch auf HuffPost:

Geheimnisse des Gehirns: Schlafen oder aufwachen auf Befehl? Forscher wissen jetzt, wie das geht

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.