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Münchnerin klagt an: "Ich habe fast 40 Jahre gearbeitet - und bekomme 500 Euro Rente"

28/11/2017 11:59 CET | Aktualisiert 28/11/2017 14:00 CET

Doris Weiß aus München hat ein langes Berufsleben hinter sich - und bekommt 500 Euro Rente im Monat. "Die Miete sind 470 Euro, da kann man sich ausrechnen, was übrig bleibt", sagt sie.

Der Staat stockt ihre Minirente deshalb um Grundsicherung auf, wie die Rentnerin auch oben im Video erklärt.

Viele Rentner brauchen Grundsicherung - und viel trauen sich nicht

Mehr als eine halbe Million Rentner in Deutschland sind wie Weiß auf die Grundsicherung angewiesen, die meisten von ihnen sind Frauen. Die Zahl dieser Bedürftigen ist in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen, um weit mehr als die Hälfte.

Experten vermuten, dass die Zahl der tatsächlich bedürftigen Senioren sogar noch höher liegt, viele aber aus Scham nicht um Hilfe bitten. Eine Studie ergab für das Jahr 2007, dass damals 460.000 Senioren das Geld nicht in Anspruch nahmen, obwohl es ihnen zugestanden hätte.

Was viele nicht wissen: Anders als bei Sozialhilfe müssen die Kinder der Bedürftigen nicht mit ihrem Vermögen einspringen, wenn die Eltern Grundsicherung beantragen - außer, sie verdienen mehr als 100.000 Euro.

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"Verhungern würde ich nicht"

Mit der Grundsicherung hat Weiß 890 Euro im Monat, macht abzüglich der Miete grob 14 Euro am Tag. Davon kann man überleben. "Verhungern würde ich nicht", sagt sie. Aber leben?

Weiß hat es versucht. "Aber ich habe gemerkt, dass es schwierig wird", sagt sie. Sie ging zur Münchner Tafel. Unangenehm war ihr das am Anfang. Jetzt, zwei Jahre später, ist sie es gewohnt, mit 200 anderen Münchnern in der Kälte zu stehen, bis sie dran ist.

Jetzt, sagt sie, kann sie sich auch mal eine Tasse Kaffee leisten, "ohne nur rechnen zu müssen".

Rechnen musste Weiß ihr ganzes Leben lang. Früher hat sie als Verkäuferin bei Aldi gearbeitet.

Mit 30 begannen die Schmerzen

Als sie 30 wurde, fingen die Probleme an. Schmerzen, die sie kaum beschreiben kann. Es folgten viele Operationen, drei an der Bandscheibe, an diversen Organen, zuletzt an beiden Knien. "Bei mir ist nichts mehr Original", sagt sie.

Weiß versucht es mit Humor. Eine gute Strategie vielleicht. Humor kostet wenigstens nichts.

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Die Münchnerin hat sich mit ihrer Situation arrangiert. Sie klagt nicht. Aber wer nachfragt, dem erzählt sie, dass sie es nicht fair findet, wie es läuft, in Deutschland.

Wegen ihrer gesundheitlichen Probleme konnte Weiß nicht mehr als Verkäuferin arbeiten. Nicht Vollzeit arbeiten. Sie nahm Minijobs an, die für die Rente nichts brachten. Inzwischen ist das anders - das hilft ihr aber nicht.

Weiß war auch eine Zeit lang arbeitslos. Sie schulte um, arbeitete zuletzt 17 Jahre im Büro. Frührente, das kam nicht infrage für sie. Gebracht hat ihr das Engagement nichts.

"Hätte ich nicht gearbeitet, hätte ich gleich viel"

"Wenn ich nicht gearbeitet hätte, hätte ich gleich viel. Das ist es, was mir aufstößt. Viele sagen, sie arbeiten nicht für 800 Euro, weil sie nicht mehr kriegen. Das ist nicht ganz gerecht."

Ein "übergeschnapptes System" nannte der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) das Konstrukt, in dem ein Mensch ein Leben lang arbeitet und dann davon nicht leben kann.

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will das ändern. Wer 35 Jahre Beiträge gezahlt hat, soll im Alter ein Einkommen haben, das 10 Prozent über der Grundsicherung liegt. Zeiten für Erziehung und Pflege sowie Arbeitslosigkeit werden großzügig berücksichtig. Das würde wohl vier Milliarden Euro im Jahr kosten - könnte aber zumindest ein geringer Anreiz zum Arbeiten sein.

Viele junge Menschen nutzen die Infos nicht

Weiß bringt das nichts mehr. "Bitter", findet sie die Lage. Aber sie macht nicht den Eindruck, dass sie dadurch verbittert geworden ist.

Die Rentnerin vermutet sogar, dass sie heute vielleicht mehr Geld hätte, wenn sie als junge Frau alle Hilfsmöglichkeiten ausgeschöpft hätte, die ihr zustanden.

Es ist ein wichtiger Punkt, den sie da anspricht. Denn viele junge Menschen denken einfach nicht an die Rente. Wissen nicht, dass die gesetzliche Rentenversicherung Beratung anbietet, Sozialverbände wie die AWO, die Verbraucherzentrale - und natürlich kommerzielle Anbieter.

Auch diese Erkenntnis bringt Weiß heute nicht mehr viel. Sie geht jetzt eben weiter zur Tafel. Freut sich über die Lebensmittel. Darüber, dass sie damit wieder kochen kann.

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