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Die geheimen Stärken schüchterner Menschen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHUECHTERN
Thinkstock.com
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Natürlich sind Sie nicht schüchtern! Sie ahnen lediglich, dass die Möglichkeit, bei einer Präsentation mit offenem Reißverschluss dazustehen, statistisch gesehen etwa 100-mal wahrscheinlicher ist als ein Lotteriegewinn. Und dass die Nylonstrumpfhosenindustrie darauf baut, dass Sollbruchstellen zu öffentlich sichtbaren Laufmaschen führen, die Sie als undamenhaft entlarven.

Sie sind sich sicher, dass Lederschuhe eine Stunde nach dem Putzen so aussehen, als hätte Sie Ihr Pferd in der Steppe im Stich gelassen. Und schon Ihre Mutter hat ja die Öffentlichkeit bewusst gemieden. Am liebsten würden Sie alles schriftlich machen. Nur leider hat Ihnen die Rechtschreibreform die Sicherheit im Ausdruck genommen. Ein unbeschwertes »ß« kommt Ihnen jedenfalls nicht mehr aufs Papier.

Ja, Sie sind eben nicht so wie all diese geborenen Rampensäue, die sich brachial nach vorn schieben. Aber wenn Sie erst mal das Zertifikat Ihrer nächsten Fortbildung in der Tasche haben, werden Sie sich schon Gedanken darüber machen, wie Sie sich richtig gut vermarkten. Denn bei all dem Know-how und Können, das Sie angesammelt haben, halten Sie es nach Ihrem Drittstudium mit diesem viel zu früh verstorbenen Griechen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Sie können von Glück reden, dass Sie wenigstens kein Multimillionenerbe sind. Sonst könnten Sie es sich nämlich leisten, wenn Sie gut haushalten, mit dieser Haltung zu überleben und viermal die Woche mit einem Psychoanalytiker darüber zu reden. Wir Bürgersprösslinge, Arbeiterkinder und verarmten Adeligen hingegen dürfen uns mit der Realität auseinandersetzen - und dazu gehört der Markt, auch der Stellenmarkt. Denn die Scheinsicherheiten von früher, eine unkündbar feste Arbeitsstelle mit automatischem Aufstieg oder ein lieber Mensch, der Sie bis ins hohe Alter versorgt, weil Sie ihm heute den Haushalt managen, sind rar geworden. Das Leben fordert selbst vom kleinsten Kressekeim auf dem wohlig befeuchteten Wattepad: Wachstum!

Sie fühlen sich als wirklich Hochsensibler, offen Introvertierter und definitiv Schüchterner jetzt missverstanden? Die Diagnose Ihrer Persönlichkeitseigenschaft macht tatsächlich Sinn, doch es macht keinen, sich hier allzu lange damit aufzuhalten. Deshalb die Definitionen in aller Kürze:

»Introvertiert«

steht an einem Ende eines Kontinuums, an dessen anderem Ende »extravertiert« steht. Der Begriff geht auf den Psychologen C. G. Jung zurück und bedeutet nach heutiger Definition, dass Sie Ihre »Batterien« aufladen, indem Sie sich vor Menschen zurückziehen. Es heißt, dass Sie denken, bevor Sie sprechen, und auch, dass Ihnen lautes Eigenlob fremd ist.

»Hochsensibel«

sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Das bedeutet, dass Ihre Nerven leichter erregbar sind. Sie haben eine angeborene feine Wahrnehmung, sind deshalb leichter erschöpft, könnten z.B. große Menschenansammlungen problematisch finden und auch Schwierigkeiten haben abzuschalten und einen erquickenden Schlaf zu finden. 70 Prozent aller Hochsensiblen sind eher introvertiert.

»Schüchternheit«

bedeutet, dass Sie zwar - im Gegensatz zu manchen Introvertierten - soziale Kontakte anstreben, doch von Ängsten blockiert werden. Oft beruhen diese auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Schüchternheit ist also nicht unbedingt »angeboren«. Selbst Extravertierten, die sonst keine Redehemmung kennen, kann es gegenüber bestimmten Personen, oft solchen, die sie als »ranghöher« wahrnehmen, die Sprache verschlagen.

Ihre individuelle Selbstdiagnose - Literatur dazu finden Sie im Anhang - kann tatsächlich zu einem befreienden Aha-Erlebnis führen. Sich mit dieser Erkenntnis in eine Selbsthilfegruppe oder - schlimmer noch - trotzig isoliert aufs Sofa zurückziehen und Ihre Identität völlig um diese Persönlichkeitseigenschaft herum entwickeln, ist jedoch nicht sinnvoll. Rückzug führt unweigerlich dazu, dass Herr Rampensau oder Frau Rampensau-Logorrhoe genau die Position besetzt, für die eigentlich nur Sie qualifiziert sind und die Sie wirklich wollen.

Doch: Können Sie Vorgesetzten, Personalentscheidern oder möglichen Kunden das verübeln? Herr und Frau R. wirken so viel enthusiastischer, beantworten Fragen nach ihren Stärken und Qualifikationen versichernd positiv, zieren sich nicht lange und brauchen keine Extraeinladung, um Erfolge, Toppositionen und Boni lächelnd bis grinsend entgegenzunehmen.

Nicht nur, dass zurückhaltendere Menschen seltener Neugeschäfte akquirieren oder den Weg zum Vorgesetzten antreten, um das Thema Gehaltserhöhung geschickt und selbstbewusst auf den Tisch zu bringen: Ihr Spiel um Bescheidenheit ist für alle anstrengend.

Ihre tief verborgenen Werte und ihre Seriosität, ihr Wegducken und Sich-unsichtbar-Machen müssen auf einen Action-orientierten extravertierten Entscheider so anachronistisch wirken wie ein Schwarz-Weiß-Film mit Woody Allen in der Hauptrolle.

Lässt sich das ändern? Ja, zunächst dürfen Sie sich entspannen, bewusst bis unter den Bauchnabel atmen, Ihre Persönlichkeitseigenschaften akzeptieren und die Stärken darin erkennen. Auf Sie trifft keine der erwähnten Eigenschaften so wirklich zu, Sie haben aber dennoch Hemmungen, sich zu vermarkten? Könnte es sein, dass Sie am »Hochstapler-Syndrom« (»Impostor Syndrome«) leiden? Das heißt nicht, dass Sie ein Hochstapler sind, sondern dass Sie sich trotz Ihrer Leistungen, Stärken und Talente wie ein solcher fühlen, weil Sie eigene Erfolge selber nicht anerkennen können, sondern lediglich dem Glück, Ihrer charmanten Art oder Ihrem hübsch angepassten Äußeren zuschreiben. Und so warten Sie nur darauf, »enttarnt« zu werden. Diese ständige Spannung kann zu selbstschädigendem Verhalten führen, aber auch betriebswirtschaftlich schaden. Nämlich dann, wenn sich der Gedanke, nicht zu genügen, als selbsterfüllende Prophezeiung in einer unklugen, aber spannungslösenden Handlung manifestiert. Z. B. als grobe Fehlinvestition oder in einer allzu dummen Affäre. Wenn Sie den Eindruck haben, besonders schwer am »Hochstapler-Syndrom« zu leiden, gönnen Sie sich bitte zusätzlich individuelle professionelle Unterstützung. In leichteren Fällen kann schon die Anerkennung dieses Syndroms und die Information in diesem Buch helfen.

Sie betrifft nun weder dieses »Syndrom« noch eine der drei oben erwähnten Persönlichkeitseigenschaften? Ihnen fällt lediglich das Selbstmarketing nicht so leicht, wie Sie es gerne hätten? Dann testen Sie jetzt, ob der Begriff »Selbstmarketing-Blockade« auf Sie zutrifft.

(1) Der Selbstmarketing-Blockaden-Test

Lesen Sie sich die folgenden Aussagen durch. Entsprechen diese Gedanken und Gefühle den Ihren? Antworten Sie jeweils mit Ja oder Nein:

  • Ich bin nicht der geborene Führungstyp.
  • Ich spreche ungern über mich und meine Leistungen.
  • Mir ist sehr wichtig, was andere über mich denken.
  • Ich bin mir noch nicht klar darüber, was mein berufliches Ziel ist.
  • Ich vergleiche mich oft mit anderen
  • Ich mag keine Fotos oder Video- und Ton-Aufnahmen, auf denen ich zu sehen bzw. zu hören bin.
  • Ich verlasse mich darauf, dass gute Leistung sich auf Dauer durchsetzt.
  • Am liebsten wäre ich unsichtbar.
  • Ich wage den nächsten beruflichen Schritt erst, wenn ich 100 Prozent sicher bin.

Wie oft haben Sie mit Ja geantwortet?

0-2-mal Ja: Sind Sie bitte so gut und verschenken dieses Buch an jemanden, den Sie mögen und der es besser gebrauchen kann als Sie? Falls es sich hierbei um ein E-Book handelt, verschenken Sie Ihren Kleincomputer gleich mit. Sie selber haben auf jeden Fall keine Selbstmarketing-Blockade!

3-5-mal Ja: Ihre Selbstmarketing-Blockade ist so hoch wie beim Bevölkerungsdurchschnitt. Noch vor 20 Jahren wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Sie können jedoch überdurchschnittlich davon profitieren, wenn Sie dieses Buch lesen und die Übungen durchführen.

6-9-mal Ja: Für Sie speziell wurde dieses Buch geschrieben! Es ist alles in Ordnung mit Ihnen, lediglich Selbstmarketing, so wie es inzwischen in der Berufswelt gefordert wird, ist nicht Ihr Ding. Muss es ja auch noch nicht sein. Mithilfe der Übungen bekommen Sie Einsichten und Inspirationen, wie Sie unnötige Blockaden auflösen und Ihre Lebensqualität verbessern können.

Selbstmarketing-Blockade ist der gemeinsame Nenner vieler Introvertierter, Hochsensibler, der meisten Schüchternen und fast aller Menschen mit Hochstapler-Syndrom. Deshalb ist es das Thema dieses Buches. Diese Blockade können Sie mit Sicherheit überwinden - durch die Anwendung neuer Erkenntnisse, mit differenziertem Denken, ein wenig Mut, viel Übung und einer Investition: Kaufen Sie sich ein Tagebuch, am besten (oder zusätzlich) ein Kollegheft und
einen Ringhefter, um es parallel zu diesem Buch zu nutzen. Wenn Sie inzwischen lieber digital unterwegs sind: Legen Sie sich bitte einen Ordner für die Computerdateien an, die Sie parallel zu diesem Buch erstellen und bearbeiten werden.

Die Übungen in diesem Buch können Sie sich auch auf der Webseite zum Buch herunterladen und ggf. ausdrucken oder auf Ihrem Computer bearbeiten.

Selbstmarketing für Schüchterne
2014-12-09-9783868815504.jpg

ISBN 978-3-86881-550-4
256 Seiten
Redline Verlag


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