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Die Alles-ist-möglich-Lüge: Wieso Familie und Beruf sich nicht vereinbaren lassen

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Wer heute Familie und Beruf einigermaßen erfolgreich nebeneinanderher betreiben will, organisiert sich zu Tode.

Wir hetzen vom Büro zum Kindergarten, vom Supermarkt zum Fußballplatz, vom Basketballtraining zum Gartenfest. Wer so lebt, weiß am Ende des Tages nicht mehr, wo ihm oder ihr der Kopf steht.

Kein Wunder, dass viele Paare so nicht mehr leben wollen. Sie wollen Zeit für sich und ihre Partnerschaft. Sie wollen Zeit für die Familie.

Nach ein paar Jahren arbeitet die Mutter allenfalls Teilzeit

Und sie wollen Raum für den Beruf. Doch irgendetwas kommt immer zu kurz. Eine Erkenntnis mit grotesken Folgen, über die man herzlich lachen müsste, bliebe einem dieses Lachen nicht im Halse stecken.

Denn statt sich mit dem Partner gleichberechtigt in der Familien- und Arbeitswelt einzurichten, wie sie es stets geglaubt und angekündigt hatten, weichen diese Frauen aus purer Erschöpfung aus auf das Rollenmodell ihrer Großmütter.

Die Soziologen nennen das "Retraditionalisierung". Zigtausendfach haben sie in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Paare mit gleichberechtigten Vorstellungen in ihr Familienleben starten, sich aber bald in einer klassischen Aufgabenteilung wiederfinden. Am Anfang werden Haus- und Erwerbsarbeit noch recht gleichmäßig verteilt.

Nach ein paar Jahren, meistens mit dem ersten Kind, spätestens jedoch mit weiteren Kindern, schleicht sich das traditionelle Modell gewissermaßen durch die Hintertür ein: Er arbeitet Vollzeit weiter, sie allenfalls Teilzeit.

Die "Retraditionalisierung" ist wie eine Zwangsjacke

Dass ihr das keine eigenständige Existenz sichert und für die Rente schon gar nicht reicht, ist allen Beteiligten klar. Diese "Retraditionalisierung" zumindest in unserer Generation wird gerne und zu Recht beklagt. Dabei wird manchmal so getan, als sei das eine freie Entscheidung, als strebten die Frauen freiwillig an den Herd zurück.

Was für ein Unsinn!

Die "Retraditionalisierung" ist eine Zwangsjacke, die uns angelegt wird: wenn der Arbeitgeber nicht mitspielt, wenn die Betreuung wegbricht, wenn die Schule kein Mittagessen anbietet, wenn die Stadtverwaltung den Schulbus aus Kostengründen einstellt.

Oder wenn man seine Stelle verliert und mit Mitte 40 keine neue mehr findet. All das sind Dinge, für die Familien nichts können - und die die jüngeren Geschlechtsgenossinnen der heutigen Mütter allen Frontberichten zum Trotz für Märchen halten.

Wer sollte es ihnen verübeln: Sie sind gut ausgebildet. Sie haben gelernt, dass ihnen die Welt offen steht, dass sie alles haben können. Wie sollen sie sich vorstellen können, dass dennoch alles ganz anders kommen wird?

Das Kinderkriegen wird zeitlich nach hinten verschoben

In Jutta Allmendingers Studie "Frauen auf dem Sprung" von 2007 sagten 69 Prozent der jungen Frauen, dass sie Karriere machen möchten. 92 Prozent erklärten, sie wollten Kinder. Fünf Jahre später hat Allmendinger dieselben Frauen noch einmal gefragt.

Ergebnis: An den Karriere- wie an den Kinderwünschen hat sich wenig geändert. Aber nur 42 Prozent haben auch tatsächlich Kinder bekommen!

Warum nur so wenige? "Der Kinderwunsch ist sogar noch wichtiger geworden", sagt Allmendinger in einem Brigitte-Interview. "Aber die Frauen fühlen sich damit nicht willkommen. Von ihren Männern werden sie nicht darin bestärkt, im Job sehen sie, dass nur Vollzeit und lange Anwesenheit im Büro zu Erfolg und Anerkennung führen."

Und noch eine Erkenntnis gibt es: Viele Frauen, die sich 2007 zwei Kinder wünschten, wollen 2013 nur noch eins. Obendrein verschieben sie das Kinderkriegen zeitlich nach hinten - und gehen damit das Risiko ein, dass sie am Ende kinderlos bleiben.

Der Wahnsinn in der Lebensmitte muss entzerrt werden

Noch einmal: Wer es schafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, verdient Anerkennung. Wer das sogar mit zwei Vollzeitstellen meistert - Hut ab! Aber wäre es nicht für alle, die betroffenen Familien, die Gesellschaft und auch die Wirtschaft besser, wenn Frauen und Männer ein bisschen mehr Luft zum Atmen erhielten?

Wenn sie den Raum bekämen, sich in unterschiedlichen Lebensphasen den jeweils unterschiedlichen Aufgaben widmen zu können - und zwar richtig? Damit das klar ist: In einigen dieser Lebensphasen soll, wird und muss der Beruf im Mittelpunkt stehen. Aber eben nicht in jeder.

Wann endlich fangen wir an, diesen Wahnsinn in der Lebensmitte, die Rushhour des Lebens, zu entzerren? Jene zehn bis 15 Jahre, in denen wir den richtigen Partner finden müssen, die Karriere starten, das erste Kind kriegen und es so lange betreuen, bis es aus dem Gröbsten raus ist.

Wie gestalten wir diese Zeit, ohne die Kinder zu vernachlässigen, ohne ganz aus dem Job auszusteigen und damit alle Aufstiegschancen zu verspielen? Wir alle leben nicht nur immer länger, wir werden auch immer länger arbeiten müssen. Da sollte doch Platz sein für andere Lösungen.

Die Dinge laufen allerdings in eine andere Richtung

Für befristete Verschiebungen in der Relation von Familie und Arbeit, die den Stress in der Stoßzeit ein wenig eindämmen. Für Lösungen, die uns Zeit lassen für Weiterbildung und die Pflege der Eltern. Zeit zum Lieben und zum Luft holen. Luft, die wir brauchen, um gestärkt in die nächsten 20 Jahre zu gehen.

Wir können gemeinsam umkehren, wenn wir erkannt haben, dass ein Weg wie der derzeit propagierte - nämlich die möglichst volle Berufstätigkeit beider Elternteile bei weitgehender Fremdbetreuung der Kinder - in die Irre führt.

Derzeit laufen die Dinge aber in eine andere Richtung. Wir werden mit Schöne-neue-Welt-Beispielen malträtiert, in denen Firmen es ihren Mitarbeiterinnen "ermöglichen", zehn Stunden am Tag zu arbeiten, weil die Kleinen im Betriebskindergarten so gut versorgt sind - und auch noch Bio-Essen bekommen. Wir sehen Reportagen über 24-Stunden-Kitas, in denen man die Kinder abgeben kann, wenn man zur Nachtschicht muss.

Das kann nicht die Lösung sein

Dass es solche Strukturen gibt und dass man sie im Notfall nutzen kann - prima. Aber die umfassende Betreuung zur Norm zu erklären, damit möglichst alle Eltern dem Arbeitsmarkt mindestens acht Stunden am Tag zur Verfügung stehen können? Gerne auch zu den unmöglichsten Zeiten?

Nein, das kann nicht die Lösung sein. Jedenfalls nicht, wenn wir noch ein kleines bisschen Freiheit für uns, unsere Kinder und unsere Familien retten wollen. Wer sich ins Hamsterrad begibt, sei es nun mit Doppelvollzeitstellen oder der Teilzeit-/Vollzeitvariante, spielt letztlich denen in die Hände, die weiter postulieren: "Wer nur gut genug organisiert ist, kann alles haben!"

Wir erweisen uns und anderen damit einen Bärendienst, denn dieser Anspruch richtet sich vor allem an uns Frauen.

Oder hat schon einmal jemand erlebt, dass ein Mann gefragt wurde: Wie kriegst du das denn hin - die viele Arbeit und dann noch drei Kinder ...?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind" von Susanne Garsoffky und Britta Sembach, erschienen bei Randomhouse. ISBN: 978-3-570-55252-0

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