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Liebe Regierungschefs, wenn ihr Bildung nur in der Kaffeepause ansprecht, nehmt ihr tausenden Kindern die Chancen weg

Veröffentlicht: Aktualisiert:
G20 SUMMIT IN HAMBURG
POOL New / Reuters
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Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wo Sie heute stünden, wenn Sie nicht Ihren Bildungsweg hätten gehen können? Ich tue das - häufig. Bildung ist für mich ein Lebensthema geworden, seit ich gegen familiäre Widerstände aufbegehren musste, um aufs Gymnasium zu gehen.

Schließlich habe ich meinen Wunsch durchsetzen können und der Weg, den ich dadurch beschreiten konnte, hat mir eine Fülle von Optionen eröffnet. So viele, dass ich als Jugendliche fast wöchentlich neue Pläne für meine Zukunft geschmiedet habe.

Ich wollte Schriftstellerin werden, später dann Polizistin, ich träumte von allen erdenklichen Berufen. So viele Möglichkeiten!

Wenn "Leben" nur "Überleben" bedeutet

Viele Kinder haben nicht solch vielfältige Möglichkeiten. Viele Kinder haben überhaupt keine Möglichkeiten. 263 Millionen Mädchen und Jungen weltweit gehen nicht zur Schule. Das ist mehr als jedes sechste Kind im schulfähigen Alter.

Weitere 150 Millionen Kinder verlassen die Schule schon nach vier oder weniger Jahren: ohne lesen, schreiben oder zählen zu können. Die Zukunft dieser mehr als 400 Millionen Mädchen und Jungen sieht düster aus. Für viele von ihnen bedeutet "Leben" eigentlich nur "Über-leben".

Kinder werden von Bildung ausgeschlossen, weil sie leben, wo sie leben, und weil sie sind, wer sie sind: manche gehören einer ethnischen Minderheit oder einer niedrigen Kaste an, andere leben in einer abgelegenen Gegend ohne gute Infrastruktur oder in einem Land, in dem Krieg herrscht.

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Die einen haben eine Behinderung, die anderen sind Geflüchtete - oder ganz einfach: Mädchen. All dies sind Gründe, die für die Kinder das "Aus" in der Schule bedeuten können. Und das "Aus" für viele Lebens-Chancen und Lebens-Träume.

Vielleicht denken Sie, dass es dringendere Probleme gibt, als jedes gesellschaftlich an den Rand gedrängte Kind zu unterrichten. Auch die G20-Regierungschefs scheinen dieser Ansicht zu sein. Auf ihrer Agenda für Hamburg finden sich Themen wie Afrika, Migration, Arbeitsmarkt, Digitalisierung und Klimawandel.

Die ungerechte Verteilung von Reichtum und Chancen ist schon heute eines der weltweit drängendsten Themen.

Gewiss, all das sind wichtige und drängende Themen. Aber das Thema Bildung ist auf dem G20-Treffen ausgespart. Und das ist meiner Meinung nach ein Fehler: denn Bildung ist entscheidend für das persönliche und gesamtgesellschaftliche Fortkommen.

Sie ist ein unverzichtbarer Hebel, um die weltweiten Herausforderungen anzugehen. Sie ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft: das A und O für die Fähigkeit der Menschen, das eigene Leben zu gestalten. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen.

Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant und die damit verbundenen Herausforderungen stehen weit oben auf der globalen Agenda. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass bis 2050 auf der Erde 9,7 Milliarden Menschen leben werden. Dann wird sich Mutter Erde ziemlich überfüllt fühlen - und wir mit ihr. Wir werden die Auswirkungen vielfach am eigenen Leib spüren. Viele Menschen haben Angst, wenn sie solche Zahlen hören. Vielleicht auch Sie.

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All diese Herausforderungen sind schon an sich gravierend genug. Unkontrollierbar und hochgefährlich werden sie jedoch, wenn das Bevölkerungswachstum die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter aufreißt.

Die ungerechte Verteilung von Reichtum und Chancen ist schon heute eines der weltweit drängendsten Themen. Ein Prozent der Menschheit - die Reichsten der Reichen - halten 40 Prozent der weltweiten Vermögenswerte in ihren Händen.

Allein die acht reichsten Personen besitzen mehr, als die Hälfte der Weltbevölkerung zu ihrem Leben hat. Dieser Missstand hat sich über Jahrzehnte aufgebaut, und die Politik in vielen Ländern hat die Situation in den vergangenen Jahren weiter verschlimmert. Hier muss gegengesteuert werden. Und zwar dringend.

Bildung darf nicht nur in der Kaffeepause angesprochen werden

Viele der ärmsten Menschen leben in Afrika, gleichzeitig werden genau dort die Bevölkerungszahlen am stärksten steigen. Die reichen Länder des Nordens und Westens - die klassischen Industrienationen - können und müssen dort helfen. Aber klar ist auch: diese Länder können die Probleme im globalen Süden nicht von außen lösen.

Weder was die Herausforderungen des afrikanischen Kontinents noch die Bekämpfung von Fluchtursachen angeht. Hier müssen möglichst viele Länder gemeinsam Verantwortung übernehmen. Hierbei müssen wir die Menschen vor Ort einbinden: denn sie sind die Experten für ihre Lebensumstände. Diese Menschen müssen eine faire und klare Chance bekommen, ihr Leben erfolgreich und eigenverantwortlich zu gestalten.

Wie wir alle aus unserem eigenen Leben wissen: die Grundlage dafür ist Bildung. Deshalb ist Bildung als Thema so zentral, dass es beim G20-Gipfel nicht nur am Rande in der Kaffeepause diskutiert werden sollte, sondern bei allen Debatten mitgedacht und mitbesprochen werden muss.

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Es ist ein Subtext, der allen Entscheidungen zugrunde liegen muss. Die Weltgemeinschaft hat sich - auf dem Papier - für das Jahr 2030 zum Ziel gesetzt, dass jedes einzelne Kind in die Schule gehen und sich bilden kann. Das ist nichts, um das wir uns "später irgendwann" kümmern dürfen, sondern wir müssen es jetzt angehen und umsetzen: denn Bildung ist unverzichtbar, wenn wir irgendeines der drängenden Probleme weltweit lösen wollen. Bildung und kulturelle Teilhabe sind kein Luxus, sondern Menschenrecht.

Die Frage, mit der ich diesen Beitrag begonnen habe, möchte ich auch gerne den Regierungschefs der G20 stellen:

Wo wären Sie ohne das, was Sie an Schulen und Universitäten gelernt haben? Ohne die Möglichkeiten, die Sie durch Wissen und Bildung erhalten haben? Nutzen Sie die Macht, die Ihnen anvertraut wurde, übernehmen Sie Verantwortung für die Bildung weltweit!

Denn: wo wären Sie ohne Bildung?

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