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Hört endlich auf damit, alles perfekt machen zu wollen - denn das schadet nur euren Kindern

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Ein Kind rannte im Freibad kürzlich am Beckenrand entlang, der Bademeister kam und wies das Kind an, es solle doch bitte langsamer laufen - so, wie es Bademeister seit Jahr und Tag tun. Der Vater des Jungen, ein Schrank von einem Mann, kam dazu (ich schwöre euch, das habe ich mir nicht ausgedacht) und fuhr den Bademeister an, dass er als der Vater des Kindes als Einziger das Recht habe, sein Kind zurechtzuweisen.

Sollte der Bademeister also ein Problem mit dem Verhalten des Kindes haben, so möge er doch bitteschön mit ihm sprechen, und nicht mit dem Kind - er selbst würde dann entscheiden, ob sein Kind zurechtgewiesen werden müsse.

Laut Meinung des Vaters soll das Kind weiter am Beckenrand rennen

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Bild: Mein eigenes Kind, das den Beckenrand entlang rennt.

Der Bademeister blieb cool (ich selbst hätte zumindest mit den Augen gerollt) und antwortete ruhig, dass es sein Job sei, sicherzustellen, dass die Menschen sich an die Regeln hielten. Und „Nicht rennen" ist so ziemlich die universelle Baderegel in allen Freibädern.

Der Vater brachte sich in Position und nahm eine aggressive Haltung ein, um den Bademeister einzuschüchtern. Er erwiderte, dass er nichts Schlimmes am Verhalten seines Kindes feststellen könne, seiner Meinung nach solle sich der Bademeister also mal beruhigen.

Kurz gesagt: Das Kind kann so viel am Becken herumrennen, wie es mag, weil sein Vater das so bestimmt. Scheiß auf die Baderegeln (wir sind schließlich in Amerika!), keiner sagt meinem Kind, was es zu tun und zu lassen hat, außer mir.

Äh, OK.

Darf man fremde Kinder nicht mehr belehren?

Vernünftige Erwachsene legen zuweilen eine seltsame Angst an den Tag.

Die Familie meiner Schwester hatte Freunde eingeladen. Vielleicht war meine Schwester mit ihrer Familie aber auch bei ihnen zu Gast. Ich weiß es nicht mehr, es spielt auch keine Rolle.

Jedenfalls sagte einer der Erwachsenen einem Kind meiner Schwester etwas ganz Allgemeines über das Teilen. Ihr wisst schon, so eine typische Regel des täglichen Lebens. Was Erwachsene Kindern eben sagen.

Dann dämmerte es demjenigen: Er hatte soeben eine der Grundregeln des 21. Jahrhunderts verletzt - er hatte ein Kind belehrt, das nicht sein Eigenes ist.

Beschämt entschuldigte er sich bei meiner Schwester. „Machst du Witze?" erwiderte diese daraufhin. „Ich finde es völlig richtig, dass du es meinen Kindern sagst, wenn sie etwas tun, das du nicht in Ordnung findest. Mach das ruhig öfters! Sie müssen lernen, auch auf andere Menschen zu hören, nicht nur auf mich."

Hinter dieser Ansicht verbirgt sich ein größeres Problem

Wenn ich der einzige Mensch bin, der meine Kinder zurechtweisen darf, dann bin ich auf ganzer Linie gescheitert, weil ich ihnen völlig unrealistische Vorstellungen davon vermittelt habe, was sie von der Welt erwarten dürfen.

Außerdem darf ich niemals sterben, weil meine Kinder ohne mich total hilflos wären. Der Logik des Schrank-Vaters aus dem Freibad zufolge könnten die Bademeister nicht mehr ihren Job machen, genauso wenig wie Lehrer nicht mehr lehren, Trainer niemanden mehr trainieren und Manager nichts mehr managen dürften. Ihr seht, wohin das führt, oder?

Ist die in Watte gepackte Perfektion für unsere Kinder eine neue nationale Obsession?

Wir alle kennen die eine Mutter aus unsere Nachbarschaft, die wirklich jeden Tag in der Schule ist und alles ganz genau beobachtet, um sicherzustellen, dass das Kind auch ja eine glatte 1 in jedem Fach bekommt.

Und diese Mutter wird dann in den Elternrat gewählt. Später, wenn ihre Kinder dann studieren, werden die Professoren bei ihren Anrufen einfach auflegen und hinter ihrem Rücken lachen, weil sie sich in Dinge einmischt, die sie einfach nichts angehen.

Ich will meine Kinder zu selbstständigen Menschen erziehen

Mein Sohn und sein Projekt-Partner haben es trotz mehrmaliger Ermahnungen und Erinnerungen an die Abgabefrist nicht geschafft, eine Projektarbeit rechtzeitig abzugeben. Die Mutter des anderen Kindes (die ich davor einmal kurz getroffen hatte), kam zu mir nach Hause und weigerte sich zu gehen, bis ich nicht eine Stunde lang mit ihr über diese Ungerechtigkeit gesprochen hatte.

Sie war ob der Enttäuschung, die ihr Kind aufgrund dieses Misserfolges verspüren musste, am Boden zerstört. Sie wollte das in Ordnung bringen, irgendwie. Schließlich ging sie wieder, aber ich glaube, sie ging nur, weil ich ihr gesagt hatte, dass ich keine Ahnung hätte, wie wir die Dinge wieder grade biegen könnten. Bis heute habe nichts wieder von ihr gehört.

Ich will mit meiner Erziehung nicht prahlen, aber mein anderer Sohn hat in der Schule so manchen Misserfolg. Nichts, was die Welt zum Einsturz bringt, es ist ja noch Zeit. Kürzlich aber haben wir darüber gesprochen. Ich sagte ihm, dass es meine Aufgabe sei, ihn auch mal scheitern zu lassen, damit er nach einer Enttäuschung die Scherben selbst wieder zusammenfegt und weiter macht.

Das ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben, und ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn eines meiner Kinder an der Uni das erste Semester nicht schafft, nur weil ich nicht da bin, um über alles zu wachen und es gegebenenfalls wieder in Ordnung zu bringen. An einen solchen unselbstständigen Menschen wird man sich sein Leben lang erinnern, weil er wie ein Schatten an anderen klebt.

Ihr dürft meine Kinder gerne zurechtweisen, wenn sie sich falsch verhalten

Das hier ist ein Hinweis für alle Menschen, die meine Kinder kennen: Ihr könnt ihnen jederzeit sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, das ist in Ordnung, wirklich. Sagt ihnen, dass sie die Füße nicht auf den Couchtisch legen sollen. Sagt ihnen, dass sie nicht rennen und nicht mit dem Messer spielen sollen.

Jetzt, da sie älter sind, sagt ihr ihnen vielleicht, dass sie nicht all eure Chips essen und das Getränk bitte nicht trinken sollen, wenn sie auf dem gerade gereinigten Teppich stehen. Euer Haus, eure Regeln. Das müssen auch meine Kinder lernen. Ich bin da völlig egoistisch.

Mehr Blogs von Susan Speer findet ihr auf ihrem Facebook-Account.

Dieser Artikel erschien zuerst auf "Medium.com" und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lm)