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Susan Salzbrenner Headshot

Komfortbereich Krankheit: Als wir im Ausland zum Arzt mussten

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SICK
elenaleonova via Getty Images
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Ob Lyme-Borreliose nach Zeckenstich in Australien, Typhus mitten im Nirgendwo Indonesiens, Durchfall im Himalaya - wir zwei, Silke und Susan, haben während unserer langen Zeit im Ausland immer mal wieder mit Krankheiten zu kämpfen. Während uns die Umstellung am Anfang vielleicht mehr auf den Magen schlug oder die Körpertemperatur ins Wanken brachte, setzen wir uns im alltäglichen Leben im Ausland auch mit alltäglichen Krankheiten auseinander. Eins ist für uns jedoch sicher: Wenn man in der Fremde krank wird, merkt man schnell wie tief man doch mit den eigenen Werten zu Hygiene, Krankenbetreuung und Medizin verwurzelt ist.

Ich will eigentlich nur nach Hause

In China wurde ich, Susan, nach ein paar Reisewochen von unerträglichen Zahnschmerzen heimgesucht. Ich war ja noch nie ein Freund von Zahnarztbesuchen, aber beim Gedanken mich ohne jegliche direkte Kommunikationsmöglichkeit auf den Stuhl eines chinesischen Zahnarztes zu setzen, liefen mir Schauer über den Rücken. Hatte ich eine Wahl? Nicht wirklich. Glücklicherweise bot mir eine chinesische Freundin an, mich zu ihrem Zahnarzt der Wahl zu begleiten. Beruhigt saß ich im Auto, bis wir vor einem riesigen, umzäunten Gebäude Halt machten.

Ein bewaffneter Schaffner rief lautstark auf chinesisch ins Auto. Eine für mich völlig unverständliche Konversation folgte bis er die Schranke öffnete und uns durchfahren ließ. Fragend und mit dicker Backe schaute ich meine Freundin an: "Wir wollten doch zum Zahnarzt?!", "Ja, sind wir auch, das ist das Militärkrankenhaus. Mein Vater hat hier früher gearbeitet." Oh Gott, Militärkrankenhaus klang nach allem aber nicht einem beruhigenden, sanften Zahnarztbesuch, den ich im Sinne hatte. In der Rezeption wurde mir schnell klar, dass hier nicht oft ein "Laowei" (Weißer) einläuft. Ich wurde umringt und es wurde mit neugierigen Augen auf meine dicke Backe geschielt. Schnell manövrierte ich mich durch die Menschenmasse zur Empfangsdame.

Meine Freundin erklärte mir, dass ich erst einen chinesischen Gesundheitspass bräuchte, bevor man mich behandeln würde. Schnell wurde sich ein chinesischer Name für mich ausgedacht (denn Salzbrenner kann nun beim besten Willen kaum ein Chinese für sich behalten, geschweige denn aussprechen) und der Pass ausgestellt. Endlich saß ich im Wartezimmer und atmete den bekannten Zahnarztgeruch aus Desinfektionsmitteln ein. Während der Wartezeit verschwand jegliche kulturelle Intelligenz und Kompetenz, auf die ich sonst im ausländischen Alltag so stolz war. 'Was wissen die schon von Zähnen. Nicht dass der mir noch den falschen Zahn zieht. Ob die das auch richtig gelernt haben?' waren Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Ein Zeichen dafür, dass ich meine Stretchzone verlassen hatte und klar unter Stress stand.

Chinesen haben auch Zahnschmerzen

Generell gesagt befinden wir uns im Leben in einen von drei Bereichen - den Komfortbereich, dem Stretchbereich und dem Stressbereich. Im Komfortbereich ist alles easy, automatisch wissen wir was zu tun ist, haben unsere Strategien entwickelt und schöpfen aus dem vollen. Im Stretchbereich müssen wir uns strecken, lernen aber viel und entwickeln uns weiter, weil noch nicht alles vollautomatisch abläuft. Wir müssen mehr reflektieren. Stress bedeutet aber, dass es zu unbequem wird und wir neue Situationen nicht mehr gut bewerten können. Entweder geht es gegen unsere grundlegenden Prinzipien oder Werte, oder zu viele, fremde Sachen stürzen auf einmal auf uns ein. In meinem Fall lag die Unsicherheit klar darin, dass ich keinerlei Erfahrungen mit dem chinesischen Gesundheitssystem hatte. Ich arbeitete mit all den Stereotypen und Vorurteilen, mit denen mein Kopf aufwarten konnte.

Ums kurz zu machen, konnte ich das Krankenhaus nach einer weiteren halben Stunde schmerzfrei verlassen. Der Arzt sprach Englisch und war super fit auf seinem Gebiet und behandelte schnellstens meinen kariesgeplagten Zahn. Meine Freundin lachte und meinte: "Was hast du denn geglaubt was passiert. Du warst total bleich wie du da im Wartezimmer saßt. Du glaubst wohl in China gibt es keine guten Zahnärzte?" Wir lachten, aber tief im Inneren war mir klar, dass ich völlig irrational für einige Momente wirklich daran gezweifelt hatte. Wenn man sich krank und unwohl fühlt, möchte man gern zurück in seinen Komfortbereich. Dahin wo man sich wohl, sicher und vertraut fühlt. Da helfen dann auch die ganzen Jahre Auslandserfahrungen im ersten Moment nicht wirklich.

Vertrauen ist gut...

Seit über 15 Jahren lebe ich in - mit einigen Unterbrechungen - in Indonesien. Klar, dass ich über die Jahre die eine oder andere Krankheit mitgenommen habe. Doch auch wenn ich wie Susan anfangs große Skepsis gegenüber dem fremden Gesundheitssystem hatte, wurde ich stets positiv überrascht. Egal ob Typhus, heftige Grippe und die üblichen Magen-Darm-Geschichten - immer konnten mir die Ärzte in erstaunlich gut ausgestatteten Praxen, Diagnosezentren und Krankenhäusern helfen. Selbst damals im Nirgendwo der Insel Sulawesi, dort, wo selbst der Reiseführer vom katastrophalen Zustand des Gesundheitszentrum gewarnt hatte...

Meine positiven Erfahrungen mit Ärzten über die Jahre veranlassten mich daher auch zu der Entscheidung, meine beiden Kinder in Indonesien zur Welt zu bringen. Wenn das bei westlichen Freunden auf Überraschung stieß, sagte ich immer nur: "Wieso denn nicht? Die Indonesier kriegen ihre Kinder doch auch hier." Und meinte es auch so.

Antibiotika per Ferndiagnose

Bis zu dem Abend meines 32. Geburtstages: Ich war im siebten Monat schwanger und begann mich seltsam zu fühlen. Mein Puls wurde schneller und schneller, ohne dass irgendein Ereignis oder eine Gefühlsregung mich dazu veranlasst hatten. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Ich verbrachte die Nacht auf dem Sofa, eine Tasse Fencheltee (von dem ich glaubte, beruhigt werden zu können) nach der anderen trinkend. Als mein Mann und meine 2jährige Tochter im Morgengrauen aufwachten, hatte ich nicht nur Herzrasen, sondern auch hohes Fieber und grausame Gliederschmerzen. Und das mit einem Baby im Bauch. Mist.

Wir fuhren in die Geburtsklinik, in der ich meine Vorsorgeuntersuchungen machte. Die Routine, mit der ich dort untersucht wurde, beruhigte mich zwar. Aber der Kommentar der Schwester, die meinen Puls maß ("110, total schnell!") machte mir wieder Angst. Was ist mit mir denn los? Und was ist mit meinem Baby? Meine Frauenärztin war in einem anderen Krankenhaus bei einem Notfall. Sie ordnete an, mir Sauerstoff zu geben; das half erstmal. Aber da waren immer noch das Fieber und diese unerträglichen Schmerzen. Ich hörte, wie die beiden Ärzte miteinander telefonierten. Und dann geschah etwas, von dem ich heute noch dankbar bin, dass mich mein Verantwortungsbewusstsein trotz meiner Angst in der ungewissen Situation nicht verlassen hatte.

Der eine Arzt kam mit einem Rezept auf mich zu. "Nehmen Sie das und kommen Sie in 2 Tagen wieder." Darauf standen Antibiotika und Fiebermittel. Ich schaute ihn an. "Ist Ihnen klar, dass Schwangere keine Antibiotika nehmen dürfen, schon gar nicht welche, die nicht getestet wurden?" fragte ich. Er sagte, dass meine Frauenärztin mir das verschrieben hätte, per Ferndiagnose sozusagen. An diesem Punkt war mir klar, dass mir diese Ärzte und Schwestern trotz ihres Krankenhauses mit "state of the art equipment" (Zitat aus dem lokalen Expatguide) nicht helfen konnten.

Das Ende der Geschichte ist, dass mir am nächsten Tag meine Mutter als Hobbykräuterhexe ebenfalls per Ferndiagnose riet, Rhus Toxicodendron-Globuli aus meiner Hausapotheke zu nehmen. Die hälfen gegen Gliederschmerzen. Zwei Stunden später waren die Gliederschmerzen weg, mein Puls normalisierte sich. Am nächsten Morgen hatte ich wieder Normaltemperatur. Ich kam wieder zu Kräften und meinem Baby ging es gut - wegen 5 kleinen Zuckerkugeln... Meine Erkenntnis: Vertrauen ist gut, Selbstverantwortung ist besser.

Was wir beide aus unseren Krankheitsstories im Ausland gelernt haben?

Erstmal ist uns klar geworden, dass wir zwar nicht verhindern können krank zu werden. Wir können jedoch unsere Einstellung zu verschiedenen medizinischen Systemen und Glaubensansätzen ändern und uns offener machen. In China hat Susan so zum Beispiel viel über die traditionelle chinesische Medizin (TCM) gelernt, in Indien über Ayurveda. Gleichzeitig lernt man mit der Zeit auch die kulturellen Unterschiede abzuwägen. In Frankreich und Indonesien fühlt sich ein Patient meist nicht ausreichend behandelt, wenn ohne ein Rezept in der Hand aus der Tür geht. In Dänemark bekommt man ohne mindestens einen Folgebesuch oder langwierige Untersuchungen gar keine Medikamente erst verschrieben. Jedes System ist anders. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto besser kann ich mich innerhalb meines Komfortbereichs bewegen, wenn ich wirklich krank bin.

Silke hat ihren Komfortbereich nicht nur in Bezug auf fremde Behandlungsmethoden ausgeweitet, sondern sich auch auf völlig neues wissenschaftliches Terrain begeben. Inspiriert durch dieses Globuli-Wunder hat sie getreu des Mottos "Do it yourself!" viel über Homöopathie und andere alternative Heilmethoden gelernt. Heute kann sie ein Blutbild lesen, die richtigen Globuli finden und aus Kräutern Trunks gegen Husten, Bauchschmerzen und Durchfall mischen.

6 Tipps, um Krankheiten im Ausland zu bewältigen

  1. Vorbeugen: Die meisten Erkrankungen werden direkt oder indirekt durch Stress ausgelöst. Stress - sei es aufgrund der fremden Umgebung, der anderen Kultur oder des Arbeitspensums im Expat-Job - schwächt unser Immunsystem. Achte daher gezielt darauf, in Balance zu leben und großen Stress gar nicht erst aufkommen zu lassen. So kann der Körper durch Mückenstiche oder Nahrung einfallende Viren viel besser abwehren.
  2. Fahre einen Gang runter: Werde dir besonders am Anfang bewusst, dass dein Körper Zeit braucht, um sich an ein anderes Klima zu gewöhnen.
  3. Im Gegensatz zu vielen Ratgebern und Reiseführern ist es völlig okay, street food zu essen. Achte aber darauf, dass die Garküche einen Anschluss mit fließendem Wasser hat (Wasserhahn!) und die Teller nicht in irgendwelchen Eimern oder Schüsseln gewaschen werden.
  4. Kenne deinen Körper und weiß wieviel du verträgst. Geh dahin wo alle essen, dann ist es frisch und frage die locals nach guten Plätzen.
  5. Viel Schlafen (Stichwort: Stress abbauen) und vor allem viel Trinken, besonders in tropischen Ländern!
  6. Frische deine Wissen über Medikamentwirkstoffe auf, damit du weisst, was dir im Ausland verschrieben wird.
  7. Für Notfälle hat oft die Botschaft eine Liste mit Ärzten hinterlegt, die man sich erfragen kann. Manche Botschaften beschäftigen sogar einen aus Deutschland entsandten Botschaftsarzt.

Autorinnen:
Silke Irmscher ist interkulturelle Expertin, Trainerin und Expat-Coach und lebt mit ihrer multikulturellen Familie seit vielen Jahren in Indonesien. Susan Salzbrenner ist Beraterin im Bereich Organisationsentwicklung und Vielfalt & Inklusion, interkulturelle Trainerin und tingelt seit bereits 10 Jahren mit Kind und Kegel um die Welt. Die beiden arbeiten gerade gemeinsam an einem Buchprojekt über ihre Erfahrungen.