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2 Kinder, 3 Koffer und 6 Monate Zeit - eine Familie auf Weltreise

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Mit zwei zerkratzten Koffern, einer vollgestopften Tasche und vier Rucksäcken stehen wir in Flipflops und kurzen Hosen viel zu früh vor der Wohnung unseres AirBnB- Hosts in Kopenhagen.

Es ist viel zu kalt für unser Outfit. Meine Kindern schauen mich fragend an: "Mama, wie lange bleiben wir hier?". Eine Frage, die nach sechs Monaten Weltreise Normalität darstellt.

Unsere Routine war: Ankommen, auspacken, gemütlich machen und dann die neue Gegend erkunden. Bis es weiter geht. Nur diesmal geht es nicht weiter. Wir sind "angekommen". In unserer neuen, alten Heimat. Obwohl unsere beiden Kinder in Kopenhagen geboren sind, haben sie noch nie länger als vier Wochen am Stück hier gelebt. Ein ganz neues Abenteuer.

Mehr Zeit für uns vier schaffen

Vor sechs Monaten begann das "Abenteuer Weltreise", mit zwei niegelnagelneuen Koffern und vielen Erwartungen im Gepäck. Unsere zwei Kinder waren damals fünf und drei, und freuten sich auf ihre Geburtstage in den USA und Australien.

Unser Ziel war es, sowohl mehr Zeit für uns vier zu schaffen, ohne Alltagsroutine and Zeitmanagement-Problemen, aber auch, Länder, Kulturen und andere Menschen gemeinsam kennenzulernen.

Den Äquator haben wir in unseren sechs Monaten Reise locker umrundet, und viele neue Ecken der Welt gemeinsam entdeckt. Gleichzeitig galt es Balance zu schaffen, sich Zeit zu lassen, Freunde und Familie zu sehen und an Orten lang genug zu verweilen, um über die touristischen Schönheiten hinweg das Land zu entdecken. Wir konzentrierten uns daher auf einige, wenige Länder: USA/Kanada, Brasilien, Singapur, Indonesien und Australien. Sechs Länder in sechs Monaten.

In dieser intensiven Zeit haben wir viel über uns selbst, unsere Kinder und das Reisen als Familie erfahren. Einige dieser persönlichen Erkenntnisse möchte ich gern mit Euch teilen.

Betrachte die Welt durch Kindesaugen

Unsere Betrachtungen und Einschätzungen über andere Länder ist oft vorgefärbt von Berichten, Medienerstattungen oder vorgefertigten Stereotypen. Obwohl wir als Pärchen auch schon auf mehrmonatigen Reisen waren, konnten wir durch unsere Kinder eine ganz andere Perspektive auf Reisen erleben.

Kleinigkeiten, die an uns Erwachsenen oft komplett vorbeigehen, werden von unseren Kindern wahrgenommen und geteilt. Gleichzeitig sieht man auch die kulturellen Unterschiede in der Kindererziehung und den Stellenwert, den Kinder in der Gesellschaft einnehmen.

Für unsere Kinder war es eine spannende Erfahrung, in jedem Land lokale Kinder kennenzulernen, neue Sprachen auszuprobieren, Spielplätze zu testen, Museen zu besuchen und sich in der ständig ändernden Natur zu bewegen.

Meine Kindern und ich werden wohl nie eine Situation auf dem Chicagoer Spielplatz vergessen, wo eine U.S.-amerikanische Mutter ihrem Kind einen 5-Minuten Timer im Sandkasten vor die Nase hielt. Die Lektion war klar und deutlich "Time is money, kid!".

Reisen bietet Stoff für Diskussion über "erwachsene" Themen

Auf dieser internationalen Reise wurden unsere Kinder mit vielen Themen und anderen Denkweisen konfrontiert, die andere nur aus dem Fernsehen kennen. Ein super Gelegenheit, gemeinsam darüber zu reflektieren.

Der grösste Luxus einer solch langen, gemeinsamen Reise lag für mich darin, mehr Zeit für solche Diskussionen zu haben. Den Gedanken unserer Kinder zu Themen wie Obdachlosigkeit, gleichgeschlechtliche Eltern, Armut, Materialismus, und Umweltzerstörung uneingeschränkt zuhören zu können, war sowohl für sie, als auch für uns Eltern eine grosse Bereicherung.

Als wir unseren Reiseplan mit Freunden und Familie teilten, waren viele besorgt, dass wir die Kinder aus ihren Institutionen reißen und sie dann "nichts lernen würden". Dem muss ich ganz vehement entgegentreten. Diese Reise hat unseren Kindern mehr Perspektiven und Diskussionsstoff geboten, als viele Bücher und Schuljahre.

Trau deinen Kindern mehr zu

Wenn man 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche mit seinen Kindern zusammen ist, bemerkt man viele Entwicklungssprünge, die einem im Alltag weniger auffallen würden. Das Auseinandersetzen und Verarbeiten der neuen Reize und Eindrücke war tagtäglich zu spüren. Das Gehirn ratterte.

Ihr Selbstbewusstsein und ihre Neugierde wuchsen mit jedem Tag. Immer mehr forderten wir unsere kleinen Reisehelden aus ihrem Komfortbereich heraus. Allein zu bestellen, auf einer anderen Sprache zum Beispiel. Mit fremden Kindern zu spielen.

Sich in der Natur neuen Kraftproben stellen. Kilometerlange Wanderungen in atemberaubenden Nationalparks oder dichtem Regenwald. Beim abendlichen Ritual und der Frage nach dem besten Erlebnis des Tages kamen dann oft genau diese Situationen zur Sprache.

Dass ich heute alleine nach dem Ketchup gefragt habe" war ein Beispiel, oder „Ich bin heute auf diesen großen Felsen geklettert und habe mich über die Hängebrücke gewagt" Mit einem gestärkten Körper- als auch Selbstwertgefühl stehen unsere Kinder nun dem Schulalltag gewappneter und ruhiger gegenüber.

Sie wissen sehr wohl, was sie leisten können. Gleichzeitig schweißt so eine Reise auch zusammen und gibt unseren kleinen Entdeckern Rückhalt.

Kinder öffnen Türen und Herzen auf aller Welt

Im direkten Vergleich vom Reisen mit oder ohne Kindern, gewinnen klar die Kinder, wenn es um den Kontakt zu den Einheimischen geht. Sprach- und Kulturbarrieren werden schnellstens überwunden.

Als Eltern lernt man auf den örtlichen Spielplätzen oft mehr über Politik, Wirtschaft, sowie die neuesten Tipps für gute Restaurants and Museen als in der Touristeninformationen. Der Austausch war dank unsere Kinder täglich vorhanden.

Denn wir hetzten nicht jeden Tag von einem Highlight zum nächsten, sondern gönnten uns viele Ruhepausen in netten Cafés, Parks, Stränden oder Spieleinrichungen. Da bleibt Zeit für viele Gespräche und sogar Spielverabredungen für die nächsten Tage, sei es in Sydney, San Francisco, oder Sao Paulo.

Es braucht nicht viel um glücklich zu sein

Eine Frage kam bei vielen unserer Begegnungen auf: Vermissen eure Kindern nicht ihre Spielsachen? Klar liefen am Anfang große Kullertränen, als wir den zweit oder drittliebsten Teddy nicht mehr mit in den Rucksack quetschen konnten.

Aber nach zwei bis drei Wochen waren die meisten daheimgebliebenen Spielzeuge vergessen. Beide Kids hatten einen Rucksack, den sie selbst trugen und packen durften. Mit einigen Kuriositäten ging es los (kleine Statue von der Meerjungfrau gefällig?).

Der Rucksackinhalt änderte sich aber im Laufe der Zeit. Einige Spielzeuge wurden mit anderen Kindern getauscht, einige verloren, andere kamen durch Geschenke hinzu. Aber uns wurde schnell bewusst, dass man eigentlich nur wenige Sachen braucht, um die Kinder spielen zu lassen oder sich zu beschäftigen (etwas bei längeren Autofahrten durch Nordamerika).

Wir unterhielten uns viel über das Gesehene und Erlebte, spielten viel (vor allem Kartenspiele), und bauten sonst aus den Materialien die wir vor Ort fanden. Die klare Regel für die einzige Technologie (unser Tablet) im Gepäck lautete: mehr als vier Stunden Fahrt/Flug.

Ein Fund im Rucksack meines Sohnes nach unserer Ankunft in Kopenhagen macht eins sehr deutlich: Erlebnisse machen Erinnerungen, nicht Spielsachen oder glitzernde neue Geräte oder Kleidung.

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Ich fand nämlich sechs Steine, vier Muscheln und mehrere andere kleine Fundstücke in der Vordertasche seines Rucksacks. Als ich ihn fragte, warum er all diese Sachen so weit mitgeschleppt habe, kam die recht vorwurfsvolle Antwort prompt: "Aber Mama, weißt du denn nicht mehr, wo wir die gefunden haben?".

Dann zeigte er stolz auf jedes seiner Kollektionsstücke und nannte mir den Herkunftsort und was er sonst damit verband.

Trotz Konflikte immer eine Reise wert

Natürlich gab es während dieser intensiven Familienzeit nicht nur Freudentränen. Es wurde gestritten, lamentiert, geweint und gewütet. Aber die positiven Erlebnisse überwogen bei weitem und lassen schon jetzt - sechs Monate später- die "Wanderlust" unserer Kinder ungesättigt.

Vor zwei Wochen kamen die ersten Fragen, "Mama und Papa, wann reisen wir endlich wieder? Ich möchte gerne nach Russland, dem größten Land der Welt".

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