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Sung-Hyung Cho Headshot

Ich war in Nordkorea wie viele andere - aber ich habe es mit anderen Augen gesehen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NORDKOREA
Sung-Hyung Cho
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Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt: Ich war in Nordkorea, dem Teil meiner Heimat Korea, der seit Jahrzehnten abgeschottet ist.

Während meiner Zeit dort habe ich vieles gesehen, was die Nordkoreaner auch anderen Besuchern aus dem Westen gezeigt haben. Aber ich habe es mit anderen Augen gesehen.

Ich habe Menschen kennengelernt, nicht nur gehirngewaschene Parteisoldaten. Alltag statt Militärparaden.

Ich verstehe die Sprache, die Kultur

Ich bin in Südkorea geboren und verstehe die Sprache der Menschen, ihre Kultur. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie nah ich den Nordkoreanern bin. Als hätte es die 70-jährige Trennung des Landes nie gegeben. Die Kinderspiele, der Sprüche der alten Frauen - all das erinnert mich an das Südkorea der 70er-Jahre.

Anderes als viele andere Besucher war ich nicht nur einmal in Nordkorea, sondern viermal ohne Kamera und zweimal zum Drehen, insgesamt etwa zehn Wochen. So habe ich nicht Fremde gefilmt, sondern Menschen, die mir vertraut haben.

Zuhause bei der Tiger-Oma

Da war zum Beispiel Ri Ju Hyok, ein Ingenieur, der im Spaßbad von Pjöngjang arbeitet. Er hat unser Team zu sich nach Hause eingeladen. Er ist 30 und wohnt mit seiner 26-jährigen Schwester Ri Ok Kyong bei seiner Großmutter, Ri Ok Hee. Ich nenne sie Tiger-Oma. Weil sie eine taffe, starke Frau ist.

Wir saßen zusammen am Boden um den Tisch, haben gegessen, was die Vorräte hergaben, und Bier getrunken. Sie hat mich noch gewarnt, dass sie zu tanzen anfängt, wenn sie Alkohol trinkt. Das ist dann zwar nicht passiert. Aber wir haben viel gelacht an diesem Abend. So, als würden wir uns schon immer kennen.

Die schüchterne Offizierin

Zuhause habe ich auch Ju Hyoks Schwester Ok Kyong kennengelernt. Ok Kyong ist eine sanfte, schüchterne Frau, die sich auf ihre Hochzeit freut - und Offizierin ist, seit zehn Jahren beim Militär.

offizierin

Es war nicht geplant, sie vor der Kamera zu haben. Normalerweise darf man Militärs nicht filmen. Aber meine Aufpasser und Ok Kyong haben sich überzeugen lassen.

Und es gab noch andere Personen, die vom Regime so nicht gecastet waren. Eine junge Mutter in einer Fabrik war so schüchtern, dass ich eine andere Protagonistin brauchte. Und die Leiterin der Fabrik sagte: Geh rum und frage, wen Du willst.

Der Deal: keine Gespräche über Politik

Vor den Recherchen hatte ich eine lange Liste nach Nordkorea geschickt mit detaillierten Angaben, welche Menschen ich treffen möchte: Beruf, Alter, Provinz ... Der Deal war: Keine Gespräche über Politik.

Ich fand das in Ordnung. Es ist doch Bullshit, den Leuten Fragen zu stellen, auf die sie nur die immer gleiche Antwort geben dürfen.

Die traurigen Geschichten, hinter den schönen Bildern

Ich habe sie nach ihrem Alltag gefragt. Und da erfährt man dann so viel mehr, als die schönen Bilder erzählen können. Dinge, die traurig machen:

Ein Bauer erklärte mir, dass er Licht und Strom für den Fernseher aus einem Solar-Panel bezieht. Und mit Metan-Gas aus seiner Anlage kocht. Außerdem züchtet er Tiere. Das klang wunderbar.

bauer

Dann habe ich nachgehakt. Das Solar-Panel war winzig, das konnte kaum für so viel reichen, wie er erzählte. Die Metangas-Anlage war ein Loch im Boden mit Betondeckel, in das er die Fäkalien seiner Familie und bei Bedarf Fäkalien aus der nächsten Stadt schaufelte. Er hatte drei Hasen und eine Henne für eine ganze Familie. Das heißt, dass er sich Fleisch fast nicht leisten kann. Und im Winter kochen, essen und schlafen alle in einem Raum des Hauses, weil es sonst zu kalt ist.

Der Lob fürs Regime ist wie eine zweite Haut für die Menschen

Ich war auch in einem Internat für künftige Fußballer in Pjöngjang. Die sollen dann mal für hohe Gagen im Ausland spielen können. Die Lehrerin erzählte so stolz, was die Jungen da alles zu essen bekommen. Hühnerbeine zum Abendbrot, Sardinen, Reis. Zur Unterhaltung gab es einen Fernseher. Sie sagte die Kinder wollten gar nicht mehr nach Hause zu ihren Eltern.

Damit hat sie nichts anderes gesagt, als dass die Kinder zu Hause nie so viel und vor allem so viel Fleisch zu essen bekommen würden. Weil der Hunger im Land so groß ist. Nordkorea hat Bodenschätze. Aber die Kornkammer des Landes liegt im Süden. Wie knapp das Essen ist, sieht man an der Figur der Menschen: Es gibt nur wenige Mollige, fast alle sind sehr schlank.

Trotzdem erzählt mir ein Bauer, wie viel Überproduktion sie haben. So viel Reis, dass sie ihn an den Staat abgeben. Mein Eindruck ist, dass dieses Lob für das Regime keine Maske ist, sondern wie eine zweite Haut für die Menschen.

Wie kann Tiger-Oma nur so etwas Scheußliches sagen?

Sie kennen es von klein auf nicht anders. Im Kindergarten einer Bauerngemeinde waren Zwei-, Dreijährige, noch mit Windeln, die lernen sollten, dem Marshall Kim jeden Morgen zu danken. Sie schauten noch recht verständnislos, aber die Fünfjährigen beherrschen die Rituale perfekt.

Und meine so verehrte Tiger-Oma erzählte mir, wie stolz sie wäre, wenn ihre Enkel revolutionäre Helden würden. Sie erwarte, dass sie ihr Leben für Volk und Führer opfern würden. Und Ri Ju Hyoks sitzt daneben und schaut nur zu Boden. Wie kann sie nur so etwas Scheußliches sagen?

Man sieht: Manche Klischees stimmen, manche nicht.

Die USA haben kein Interesse an einer differenzierten Sicht auf Nordkorea

Es gibt dieses allgegenwärtige Regime. Und es gibt die Menschen, die die gleichen Träume haben wie wir.

Aber so eine differenzierte Betrachtung liegt nicht im Interesse einer Mächte, die Nordkorea als Bösewicht brauchen. Für die USA etwa muss Nordkorea böse bleiben, weil sie in der Region präsent bleiben wollen, aus Angst vor China.

Die Rechte in Südkorea brauchen das Feindbild im Norden. Als Kind habe ich noch in der Schule gelernt, dass in Nordkorea Teufel mit roter Haut und Hörnern leben.

Ich möchte, dass wir wieder ein Volk sein dürfen

Ich möchte, dass das aufhört. Dass Korea ein Land wird. Und wir wieder eine Volk sein dürfen.

Zu Beginn meiner Reise habe ich den Heiligen Berg Begdu besucht. Wir Südkoreaner glauben, dass dort die Wiege unseres Volkes liegt, dass wir dort von einer Mensch gewordenen Bärin und dem Sohn des Himmels gezeugt wurden. Die Nordkoreaner glauben, dass dort ihr geliebter General Kim Jong-Il geboren wurde.

Es ist ein mystischer Ort. Und hat mich genauso beeindruckt wie die nordkoreanische Studenten, die ich dort getroffen habe. Wir haben zusammen Fotos gemacht. Da spielte es keine Rolle, dass sich die Armeen unserer Heimatländer als Feinde gegenüberstehen.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

Der Film "Meine Brüdern und Schwestern in Nordkorea" von Sung-Hyung Cho ist noch bis zum. 2. August in der ARD-Mediathek abrufbar. Die Fotos in diesem Beitrag stammen aus diesem Film.

Vergangenes Jahr lief Chos Film in den Kinos.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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