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Ausufernder Hass in Teheran

26/06/2016 14:05 CEST | Aktualisiert 27/06/2017 11:12 CEST

Cartoons haben seit jeher eine lange und bedeutende Geschichte in der politischen Kultur. Sie können menschliche Schwächen dem Gespött preisgeben, anmaßende Politiker in die Schranken weisen, Korruption aufzeigen oder gar die Öffentlichkeit zur Unterstützung einer Seite aufrufen. Cartoons können die Wahrheit offenbaren. Sie können allerdings auch Hass schüren und Lügen verbreiten.

In letzte Kategorie fallen die Zeichnungen, die vor Kurzem als Teil des Zweiten iranischen Internationalen Holocaust-Cartoon und Karikatur-Wettbewerbs in Teheran gezeigt wurden. Am 30. Mai wurden die Gewinner vor einem Publikum bekannt gegeben, in welchem auch Regierungsvertreter anwesend waren. Obwohl Irans oberster Führer, Ayatollah Ali Khamenei, nicht an der Zeremonie teilnahm, gratulierte sein Büro den Organisatoren zu einer "ausgezeichneten" Veranstaltung.

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Um die Sache noch schlimmer zu machen, hat Teheran soeben angekündigt, einen neuen Cartoon-Wettbewerb mit dem Thema "zionistisches Kalifat" auszutragen, welcher die ungeheuerliche Anschuldigung bekräftigt, dass Israel mit dem ISIS im Bunde stehe. Ungeachtet Außenminister Mohammad Zarifs Dementis erhalten diese Veranstaltungen finanzielle Unterstützung und Zuspruch des iranischen Regime. Sie dienen dazu, Hass gegen Juden und gegen den Staat Israel zu schüren. Was hier als Antizionismus ausgegeben wird, ist in Wirklichkeit Antisemitismus.

Beginnen wir mit der letztjährigen Ankündigung des Holocaust-Cartoon-Wettbewerbs. Die Organisatoren erklärten öffentlich: "Wir sind keine Holocaustleugner, wir sind keine Antisemiten." Daran schloss jedoch schnell ein "aber" an.

Beginnt jemand einen Satz mit "Ich bin kein Antisemit, aber...", so folgt in der Regel antijüdische Rhetorik. In diesem Fall erklärte der iranische Sprecher, dass der Wettbewerb drei Punkte ansprechen sollte: westliche Heuchelei über Meinungsfreiheit, wobei jedoch Wissenschaftlern und Historikern die "Betrachtung des Holocausts" untersagt sei; den Umstand, dass Palästinenser gezwungen würden, für den Holocaust zu bezahlen und die Besorgnis der iranischen Organisatoren über andere "Holocauste" wie zum Beispiel den "Atomaren Holocaust (Holocaust im Irak, in Syrien und in Gaza)".

Die Bemerkung zur Meinungsfreiheit ist höchst ironisch, da der Iran als einer der weltweit schlimmsten Verletzer dieses Menschenrechts gilt. Iranische Journalisten, Karikaturisten und Aktivisten werden regelmäßig verhaftet oder ins Exil verbannt, wenn sie mit dem Regime in Konflikt geraten. Der Staat sperrt rücksichtlos den Zugang zu alternativen Informationsquellen, einschließlich Websites, die detailierte Informationen über den Holocaust zur Verfügung stellen.

Betrachten wir nun einige der Zeichnungen. Einige der Wettbewerbsteilnehmer griffen auf ein weit zurückreichendes und hasserfülltes Repertoire an antisemitischen Illustrationen zurück, inklusive solche der Nazipropaganda. Sie bedienten sich klassischer, jahrhundertealter Vorurteile, welche den Grundstein für den Holocaust gelegt hatten: geldgierige Juden, Juden als blutsaugende Vampir-Fledermäuse, Juden als Kindesmörder, Juden als böswillige Drahtzieher und Juden als die einheimische Bevölkerung ausnutzende Fremdkörper.

Die Beiträge zu diesem und vorherigen Wettbewerben sprechen Bände. 2006 stellte ein berühmter iranischer Karikaturist orthodoxe Juden dar, die wiederholt durch eine mechanische Zählmaschine marschieren, um die Zahl 6 000 000 zu erreichen - eine direkte Anschuldigung, wonach die Juden heute den Holocaust übertreiben und die Opferzahlen überhöhen würden.

Der diesjährige Sieg für die beste Karikatur ging an den französischen Polemiker Zeon für sein "Shoah Business". Seine Zeichnung zeigt eine Registrierkasse gefüllt mit 6 000 000 Dollar aus dem "Verkauf" des Holocausts. Auf der Oberseite der Maschine ist ein Modell des Tors zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu sehen, wo eine Million jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden. In diesem Fall werden Juden dargestellt, als ob sie vom Holocaust profitiert hätten.

Die bissige Art von Zeons Karikaturen hat Zustimmung bei Neonazis und andere Antisemiten hervorgerufen, ebenso allerdings Anzeigen, wonach seine antisemitischen Karikaturen zum Hass aufstacheln würden, zur Folge gehabt. Seine bekanntesten Werke spielen auf zwei bösartige, antijüdisch Stereotypen an: der Jude als Kindesmörder und als Satan. Diese beiden Bilder werden gelegentlich als Plakate bei europäischen "antizionistischen" Demonstrationen genutzt.

Es ist nicht verwunderlich, dass Zeon den ersten Preis für "Shoah Business" gewann. Das iranische Regime vertritt konsequent die Leugnung des Holocausts. Erst in diesem Jahr hat der oberste Führer des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, ein Video über den internationalen Holocaust-Gedenktag veröffentlicht, in welchem die Meinung vertreten wird, dass es unklar sei, ob der Holocaust "Realität" war und im Falle, dass er "Realität" war, unklar sei, wie er vonstatten gegangen sei. Es überrascht nicht, dass Khamenei den Internationalen Holocaust-Cartoon-Wettbewerb mitfinanzierte.

Für Leugner und andere Antisemiten bleibt der Holocaust ein Mythos, der von Juden als Teil eines ausgeklügelten Komplotts ausgeheckt wurde, um Macht zu gewinnen und Kritik an ihrem angeblichen, globalen Schaften zu ersticken. Einige der diesjährigen Einreichungen förderten diese Verschwörungstheorie. Eine weitere Vorlage, die besondere Erwähnung durch die Jury fand, zeigt Juden mit langen Bärten und traditionellen schwarzen Gewand, die eine "Holocaust"-Wurst für einen keuchenden Pavlovi'schen Hund aufschneiden, der darauf reagiert.

Warum sollten wir uns für diesen Wettbewerb interessieren? Was in Teheran passiert, bleibt nicht nur in Teheran. Das iranische Regime fördert eifrig diese Inhalte im Ausland. Und eben diese antijüdischen Lügengeschichen sind es, die heutzutage antisemitische Gewalt fördern. Nicht alle Schuld kann auf Teheran abgeschoben werden (leider gibt es viele solcher Quellen der Anstiftung), aber der Cartoon-Wettbewerb gibt solchen Ansichten Legitimität und belohnt Karikaturisten für die Verbreitung von Hass.

Es gibt einen globalen Markt für solche Propaganda. Jüngste Skandale britischer Politiker der Labour-Partei, wonach Zionisten Kindermörder, Nazis oder die Bogen-Verschwörer seien, die hinter den Attacken des IS steckten, zeigen die Allgegenwärtigkeit dieser Art von antisemitischer Analogie im zeitgenössischen politischen und öffentlichen Diskurs. An amerikanischen Universitäten trifft man heutzutage auf ähnliche Rhetorik und störende Proteste gegen jüdisch gesponserte Veranstaltungen.

Worte und Bilder haben Folgen - Nichtstun aber ebenfalls. Indem wir die Leugnung des Holocausts und andere Formen des Antisemitismus nicht verurteilen, helfen wir Gleichgültigkeit zu Hass zu züchten. Im heutigen Klima der zunehmend dreister werdenden Intoleranz können wir uns das nicht erlauben.

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