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Time Out. Gefährliche Auszeit für das Selbstwertgefühl deines Kindes!

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Gedanken eines Kleinkindes

Ich lerne jeden Tag tausend neue Dinge! Über meinen Körper, über Essen, über das, was du Sprache nennst und über mich und dich. Es gibt so unglaublich viel zu lernen.

Andere Menschen zu treffen ist toll und macht mir Freude, aber es ist auch ganz schön schwer manchmal. Ich lerne gerade erst, wie man mit anderen spielt und welche Reaktionen meine Handlungen haben.

Das Spielzeug in der Hand des anderen Kindes. Schwups, nun ist es in meiner! Ich denke nicht viel drüber nach und mache es einfach. Ich dachte, es ist eine gute Idee, ein neues Spiel vielleicht?

Wow, nun weint das andere Kind.

Ich schaue es genau an. Sein Gesicht wirkt verkniffen, Tränen laufen seine Wangen hinunter und seine Stimme klingt laut. Auf einmal sehe ich dein Gesicht. Es ist angespannt und irgendwie wütend. Deine Stimme klingt auch lauter. Du sprichst zu schnell, ich kann dir nicht folgen. Aber ich spüre ganz tief im Herzen, dass du auf mich wütend bist. Nun nimmst du mir das Spielzeug grob weg und gibst es dem Kind zurück. Ist das ein Spiel? Nein, du siehst nicht so aus, als würdest du spielen. Aber ich wollte doch nur spielen.

Auf einmal wirken alle hektisch. Ich fühle mich unwohl und versuche diese Gefühle loszuwerden. Am besten klappt das, wenn ich meinen Körper winde und laut weine und schreie. Die andere Mutter guckt mich ernst an. Jetzt fühle ich mich richtig unwohl. Ich muss unbedingt diese komischen Gefühle loswerden. Mein Herz schlägt schnell. Ich bin total überfordert und mein ganzer Körper reagiert. Nun treffe ich das andere Kind mit meinem Bein. Ich trete nochmal. Ist ja schließlich alles seine Schuld!

Du schaust mich mit großen Augen wütend an und deine Stimme wird noch lauter. Ich verstehe nicht, was ich falsch gemacht habe. Aber ich fühle mich gerade ganz falsch. Nun sieht dein Gesicht verzweifelt aus, und du wirst rot. Du schüttelst den Kopf und nimmst mich hoch in deine Arme.

Aber deine Arme fühlen sich kalt und hart an.

Nicht so wie sonst, wenn ich mich in ihnen verlieren kann. Ich werde immer trauriger und bekomme auch etwas Wut. Ich will, dass du so bist wie sonst immer. Dein wütendes Gesicht und deine unfreundliche Stimme machen mir Angst und mein Herz schlägt noch schneller.

Nun setzt du mich auf eine Treppenstufe vor die Tür und sagst: „Bleib hier, bis du dich wieder beruhigt hast und denk mal drüber nach!" Bitte nicht. Bitte lass mich nicht allein. Ich weiß gar nicht, was hier gerade passiert! Ich hab dich so lieb, du bist doch die wichtigste Person in meinem Leben.

Jetzt schäme ich mich und fühle mich einfach nur falsch. Die Sekunden vergehen und ich habe schreckliche Angst hier allein. Ich will, dass du zurückkommst. Ich will nur, dass du mir sagst: „Alles ist gut. Ich bin da." Dafür würde ich alles tun. Du willst, dass ich aufhöre zu weinen. Das hast du mir gerade wütend gesagt. Ich werde still. Sonst nimmst du mich nicht in deine Arme. Du willst, dass ich mich bei dem Kind entschuldige. Ich weiß zwar nicht warum, aber ok. Ich mache alles, damit du wieder nett bist zu mir.

Ich lerne jeden Tag tausend neue Dinge. Heute habe ich gelernt, dass ich manchmal Dinge tue und du mich dann plötzlich nicht mehr lieb hast und mich wegschickst.

Ich habe gelernt, dass ich dich wütend mache und du dich für mich schämst.

Ich weiß jetzt auch, dass meine Gefühle manchmal falsch sind und ich dafür bestraft werde. Das macht mir Angst, weil ich immer noch nicht wirklich verstehen kann, was da heute mit dem anderen Kind passiert ist.

Ich habe auch gelernt, dass deine harten und kalten Arme und diese einsame Treppenstufe das schlimmste Gefühl der Welt sind.

Du bist mein Leuchtturm. Ohne dich kann ich nicht überleben. Ich werde alles versuchen, um mich zu ändern. Ich werde alles tun, so dass du wieder weiche Arme bekommst, voller Liebe und Zuspruch.

Ich werde diese komischen Gefühle schlucken und wegdrücken so gut ich kann. Das tut meinem kleinen Körper zwar irgendwie weh und ich fühle mich dann immer voller Scham und Schuld, aber das ist ja schließlich meine eigene Schuld. Die Tränen quetsche ich mir weg so oft ich kann. Die magst du auch nicht gern.

Warum bin ich auch so wie ich bin und habe so blöde Gefühle?!?

Die bringen mich immer nur in Schwierigkeiten. Wenn ich doch bloß anders wäre, dann hättest du mich immer lieb, und nicht nur manchmal.

Ich werde anderen Kindern beim Spielen demnächst zeigen, dass sie weggehen sollen. Ich habe Angst, dass sowas nochmal passiert. Wenn ich gemein zu ihnen bin, dann gehen sie weg. Oder ich könnte vielleicht einfach gar nicht mehr mit ihnen spielen und nur noch in deiner Nähe bleiben. Ich werde jedenfalls alles für dein freundliches Gesicht und deine weichen Arme tun.

Wenn du dich hier wieder findest und lernen möchtest, wie du und dein Kleinkind diese Situationen besser durchstehen könnt, dann klicke hier!

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Stephanie Ruschin-Burke (MEd, PG Dip Integrative Psychotherapie) ist Mutter zweier Kinder, Gründerin eines Waldkindergartens, Dozentin, Gründerin von Eltern-Evolution und Trustful Parenting

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