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So zeigst du deinen Kindern die richtigen Grenzen auf

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NO TO CHILDREN
Gary Burchell via Getty Images
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Viele von euch kennen mich schon besser und wissen, dass ich Deutsch-Irin bin, in Deutschland aufgewachsen (einem der kinderärmsten Länder), im Lehrerberuf ausgebildet und dann an die Westküste Irlands (dem kinderreichsten Land in Europa) ausgewandert bin.

Wow, was für ein kultureller Unterschied! In allen Bereichen, aber vor allem in der Sicht auf Kinder, wie ich finde. Hier hab ich so einige coole Sachen gemacht (Selbstfindung, große Liebe, mehr Selbstfindung, weiterführende Ausbildung zur Psychotherapeutin), bevor das Beste überhaupt in meinem Leben passiert ist.

Ich habe meine zwei wundervollen, magischen Erdlinge zur Welt gebracht und bin stolze Mami geworden.

Warum erzähle ich das jetzt?

Weil alles, was ich in den letzten 10 Jahren über mich selbst, mentale Gesundheit, Psychologie und Eltern-Kind Beziehungen gelernt habe (privat und beruflich) in englischer Sprache ausgedrückt wurde.

Ich habe bis zu diesem Jahr nur mit englischsprachigen Eltern zusammengearbeitet und finde den kulturellen Unterschied sehr spannend. Ich habe schnell festgestellt, dass der Begriff der "Grenze"und des "Grenzensetzens" im deutschen Raum einen ganz anderen Klang hat, ganz andere Assoziationen und Gefühle provoziert, als in England, Irland und Amerika. Go figure!!

In Deutschland ist das Grenzen setzten oft etwas schlechtes, etwas brutales und übergriffiges. Etwas, das der authentischen Beziehung zum Kind im Wege steht. Oder: etwas absolut notwendiges, etwas das Eltern tun MÜSSEN, sonst verlottern die Kinder total.

In Beratungsgesprächen mit Eltern und während meines Onlinekurses spürte ich ganz deutlich, wie Eltern verunsichert mit diesem Begriff rangelten, wie problematisch das Grenzen setzten für sie war und wie schwarz-weiß das Denken in diesem Bereich manchmal ist.

Gut - Schlecht, Beziehung - Erziehung. Liebe - Respektlosigkeit

Hinzu kam, dass mich ein paar Leute anschrieben, um mich um Klarheit in diesem Bereich zu bitten. Schließlich propagiere ich, lebe ich und unterrichte ich Beziehung, Bindung und Authentizität beim Beisammensein (I'm ALL about the relationship!).

Wie kann ich da so frei vom Grenzen setzten sprechen?! Also: Auf Englisch gibt es für Grenzen und das "Grenzen setzten" zwei Terminologien: "Limits" und "Boundaries". Die Begriffe werden zwar oft als Synonyme dargestellt, aber es gibt (meiner bescheidenen Meinung nach) doch subtile Unterschiede.

Limits:

In meiner persönlichen Auslegung und Erfahrung sind Limits in Beziehungen relativ feststehende Entitäten, die für Menschen schwer zu ändern sind und wirklich eine BEGRENZUNG darstellen, die sagt: "Stop! Hier nicht weiter. Warnung!"

Sowas wie psychische und körperliche Gewalt zum Beispiel. Limits sind natürlich individuell unterschiedlich, aber hier gehen Menschen allgemein in den "Fight/ Flight/ Freeze" Modus.

Boundaries:

Boundaries hingegen verstehe ich als eher flüssig und etwas flexibler - aber auch wichtig, um die persönliche Integrität und das Sicherheitsgefühl in Beziehungen zu wahren.

Limits und Boundaries" sind in meinen Augen ein Schutzmechanismus des Menschen, der die körperliche und seelische Gesundheit sicher stellen will.

Sowohl Limits als auch Boundaries sind erlernte Bewältigungsstrategien, die individuell zu jeder Person dazugehören (zu uns UND unseren Kindern).

Mehr zum Thema: Hört auf, euren Kindern zu sagen dass sie gut sind, wenn sie es nicht sind

Wenn wir mit einem Menschen zusammen sind, der unsere Grenzen durch sein Verhalten überschreitet, so ist das erst einmal ein sehr unangenehmes Gefühl - geschieht dies regelmäßig, so wird höchstwahrscheinlich eine starke emotionale Reaktion entstehen, die uns als Menschen sagt: Vorsicht, hier wirkt etwas bedrohlich und ist unangenehm. Aktion oder Rückzug.

Was passiert nun, wenn man Kinder hat und buchstäblich an seine Grenzen stößt?

Sei es, weil

a) unser Kleiner einfach nicht auf uns hören will und sich nach mehrerer Warnung unserseits auch noch verletzt? (Limit)

b) unsere Kleine unbedingt mit den Messern spielen will, obwohl sie noch etwas zu klein ist dafür und bitterlich weinen muss, weil wir es ihr verbieten. (Limit)

c) wir beide Kinder wiederholt darum bitten, NICHT die Farbe an die Wand zu schmieren, auch wenn dies ihrem künstlerischem Ausdruck im Wege stehen mag - und es doch passiert... (Boundary)

d) wir hundemüde sind und einfach keine Lust haben, auch noch das fünfte Buch von Pettersson und Findus vorzulesen. (Boundary)

Brauchen unsere Kinder hier die respektvolle Kommunikation unserer Grenzen? Ja, ich finde das schon. Brauchen unsere Kinder ihre Eltern, die sensibel erspüren und erkennen, welches Bedürfnis hinter diesem Verhalten steckt (sei es ein Lernprozess oder die Suche nach Aufmerksamkeit von uns...)? Ja, das glaube ich auch.

Finde ich Kinder frech, weil sie sich wie oben beschrieben verhalten? ABSOLUT und GANZ und GAR NICHT!

In den ersten beiden Beispielen ist der Fall ziemlich klar. Wir begrenzen hier das Handeln unserer Kinder, um sie vor Verletzungen zu schützen.

In den letzten beiden Beispielen finde ich es aber auch wichtig, eine Grenze zu kommunizieren. Denn auch hier geht es in meinen Augen um Schutz.

Wir schützen unsere Kinder vor unserem Ärger, unserer Wut, unserem "Genervt-Sein", unserem "innerlichen Augenverdrehen" oder diesem Ton in unserer Stimme, der sich schnell bemerkbar macht, wenn wir unsere Grenzen als Eltern nicht wahrnehmen, spüren und respektieren. Meiner Meinung nach ist dies ein ähnlich wichtiger Schutz, wie in den ersten beiden Beispielen. Warum?

Kinder sind hochsensibel und erspüren von Tag 1 viel viel mehr, als wir ihnen oft zutrauen. Sie haben solch feine Antennen und merken genau, wann sie uns "zu viel sind", wann wir nicht authentisch sind mit ihnen, wann wir einfach keinen Bock mehr haben zu spielen oder wann wir innerlich sauer werden, uns aber versuchen zu bändigen, weil wir sie vielleicht nicht schon wieder "begrenzen" wollen.

Dies ist kein schönes, sondern ein verwirrendes Gefühl für Kinder und endet oft in widersprüchlichen Aussagen und Handlungen unsererseits.

Damit fühlen sich Kinder nicht sicher oder geborgen, eher abgewiesen und allein. In meinen Beobachtungen lernen und spielen Kinder so auch nicht frei, sondern tendieren zu Überschlagshandlungen, wie zum Beispiel immer und immer wieder das "Verbotene" zu wiederholen, bis die Mama mal eine klare Ansage macht.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich Menschen für ihre Grenzen in Beziehungen schämen (definitiv ein erlerntes Verhalten aus der Kindheit), Grenzen als etwas negatives verstehen oder hier starke Unsicherheiten in der Beziehung zu ihren Kindern haben.

Aber... Du bist doch du!

Mit all deinen Fähigkeiten, Wünschen, Träumen, Emotionen und - auch deine Grenzen gehören ganz klar zu dir und sind wichtig.

Kaum eine Beziehung ist vom selben Kaliber wie die Beziehung zu unseren Kindern.

Das ist etwas wundervolles und vielversprechendes auf vielen Ebenen.

Dein Kind liebt dich so, wie sonst niemand.

Dein Kind sieht dich so, wie sonst niemand.

Dein Kind braucht dich so, wie sonst niemand.

Dein Kind fordert dich so (heraus), wie sonst niemand.

Und hier möchte ich nun ausdrücklich erklären, was ich unter "Grenzen setzten" (besser: Grenzen haben und kommunizieren) verstehe.

NEIN, ich plädiere nicht für ein erzieherisches, klinisches, abgekapseltes Grenzen setzten aus Prinzipienreiterei.

Dies schadet der Beziehung in der Tat und ist alles andere als gesund und authentisch. Ich sage hier immer: Wenn du merkst, dass du aus Furcht, Anspannung oder aus Prinzip nein sagst, dann reflektiere darüber und ändere das, denn dann hast du dein Kind aus den Augen verloren.

Aber:

Ich plädiere für das Kommunizieren deiner Grenzen. Ich plädiere für deine echte Anwesenheit in eurer Beziehung. Ich plädiere dafür, dass du dir deine Grenzen genau anschaust, dich gut mit ihnen bekannt machst und dich bei ihnen bedankst, denn sie haben irgendwann einmal in deinem Leben einen wichtigen Zweck erfüllt.

Meiner Meinung nach ist eine Verleugnung unserer Selbst und unserer Grenzen (so unglamurös und uncool sie vielleicht auch manchmal sind) ebenso beziehungsverweigernd, wie der Robocop, der Grenzen nur nach Prinzipien und Programmierung setzt.

Ich plädiere aber noch für viel mehr!

Für die sensible Beobachtung unserer Kinder, so dass wir sie und ihre Bedürfnisse richtig kennenlernen, verstehen und unterstützen können.

Für deine Kreation einer Kind-Bejahenden Umwelt zu Hause, in der sich unsere Kinder so richtig ausprobieren, austoben und ausleben können, ohne Gefahren und Grenzen.

Für ein fundiertes Verständnis von altersgerechtem und natürlichem Verhalten.

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Für Flexibilität unsererseits, damit wir unsere Kinder nicht in ihrer Entwicklung und ihrem Selbstwertgefühl begrenzen, sondern sie bekräftigen.

Ich plädiere auch und vor allem dafür, ein reflektiertes Verhältnis zu deinen und den Grenzen deines Kindes zu entwickeln. Ihr seid beide in dieser Beziehung.

Hier kommt der Clue!

Ich fordere dich auf jeden Fall dazu heraus, deine Grenzen zu hinterfragen, sie zu verstehen und zu beleuchten - vielleicht sogar, sie zu verschieben, wenn du kannst und dies eurer Beziehung zueinander dient - im Sinne von Boundaries.

Diese Grenzen sollten auf jeden Fall verhandelt und diskutiert werden dürfen, bis sich alle Parteien gehört und gehalten fühlen.

Das wunderbare daran ist, dass unsere Kinder uns und unseren Grenzen so dermaßen einen Spiegel vor die Nase halten, dass hier potentiell auch ein wahnsinniger Wachstumsschub für Mama und Papa drin ist - und zwar for life! Bravo!

Ich finde es wichtig, seine Limits zu kennen (davon gibt es nur ganz wenige, z.B. jemandem extra weh tun), sie zu respektieren und diese selbstbewusst zu kommunizieren und zu vertreten.

Ich finde, dass dies wichtige Eckpfeiler und Leuchttürme für unsere Kinder sind, die für ihre Beziehungen im mikrokosmischen Bereich (Familie) und makrokosmischen Zusammenhang (Gesellschaft) grundlegend sind. Ich finde schon, dass eine solche Art der Grenze Sicherheit vermittelt - sie sind eine notwendige Orientierung für die Kids.

Vor allem finde ich wichtig zu verstehen, dass die Wutausbrüche und großen Emotionen als Reaktion auf notwendige, beziehungstragende Grenzen zum Menschen dazu gehören und etwas sehr positives sind,

Wenn sie von uns respektvoll und mit Empathie begleitet werden. Bei den Kindern sind diese großen Emotionen einfach nur etwas ungefilterter, direkter und ehrlicher.

Dafür liebe ich Kinder.

Hier bitte in Beziehung bleiben und nicht abschalten

Spiegeln, einfühlsam unterstützen und präsent sein. Aber NICHT die Gefühle des Kindes manipulieren oder ändern wollen. Dein Kind ist ein Mensch und hat ein Anrecht auf sein Gefühlsleben.

Attachment Parenting hört nicht nach dem ersten Lebensjahr auf, diese Haltung ist ein Leben lang wichtig - auch während schlimmer Wutausbrüche in der Autonomiephase. Fällt dies schwer und entsteht ein Fluchtinstinkt oder eine Wutreaktion auf Seiten der Eltern, so rate ich dringend dazu, dies zu adressieren und an sich zu arbeiten.

Denn in dieser schlimmen Not brauchen uns unsere Kinder tatsächlich sehr und sind darauf angewiesen, dass wir an unserer liebevollen, selbstbewussten und bejahenden Präsenz arbeiten, sollte sie problematisch sein.

So verstehe ich beziehungstragende, beziehungsbejahende Grenzen.

Ich bin absolut gegen jegliche Künstlichkeit und gegen verbindungsunterbrechende Grenzen in Beziehungen, die Kinder von ihren Eltern abschneiden. Ich bin für Ehrlichkeit und Echtheit in Beziehungen.

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