BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephanie Kennelly Headshot

Eine einfache Frage brachte mich dazu, meinen Traumjob als Lehrerin hinzuschmeissen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TEACHER BLACKBOARD
Charles Platiau / Reuters
Drucken

Meine Oma war Lehrerin. Meine Mutter war Lehrerin. Ich wollte schon immer nichts anderes als Lehrerin werden. Ich hatte das Gefühl (und das habe ich immer noch), dass ich das Lehren einfach im Blut habe und es Teil meiner Identität ist.

Manche mag es also schockieren, dass ich meinen Beruf an den Nagel hänge. Ich gebe meinen Beruf als Schullehrerin auf.

Es hat viel Zeit gekostet, in der ich mich ständig evaluiert habe, um zu diesem Schluss zu kommen. Aber die Entscheidung steht fest. Hier ist meine Geschichte.

Diese Frage hat mein Leben verändert

Letzten Sommer las ich Marie Kondos Buch "The Life Changing Magic of Tidying Up". Im Prinzip führt sie den Leser durch seine Besitztümer und lässt ihn bei jedem einzelnen fragen: "Bereitet es dir Freude?"

Ich habe diese Frage nicht mehr aus dem Kopf bekommen, als ich angefangen habe, mein Leben zu analysieren. Mein Zeitmanagement schien aus den Fugen geraten zu sein. Was, wenn ich die Frage, ob mir etwas Freude bereitet, auf meine Zeit anwende?

Mehr zum Thema: Nach einer Stunde als Lehrervertretung wusste ich, was an deutschen Schulen so katastrophal schief läuft

Ich begann eine mutige Analyse. Ich fing an, Buch darüber zu führen, was ich jeden Tag machte, wochenlang. Dann habe ich mir jede einzelne Tätigkeit angesehen und mich gefragt: "Hat es mir Freude bereitet?"

(Ich definiere Freude hier als Konsequenz einer Aktion, die mich den Moment bewusst erleben lässt und nachhaltig zu meinem Wohlbefinden beiträgt. Man kann das natürlich auch vollkommen anders definieren!)

Aufgrund dieser Definition von Freude habe ich ein Bewertungssystem entwickelt:

1 = bereitet Freude
0 = neutral
-1 = minimiert Freude

Hohe Zahl, großartiger Tag - negative Zahl, furchtbarer Tag

Indem ich die Zahlen zusammenzählte, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, wie mein Tag war. Hohe Zahl, großartiger Tag. Negative Zahl, furchtbarer Tag. Es scheint so simpel, aber damals war das eine wirkliche Offenbarung für mich.

Ich setzte mir ein neues Lebensziel: Tage mit möglichst hohem Glücksfaktor kreieren.

Wie fängt man an?

1. Eliminiere die -1

Was kann ich tun, um Tätigkeiten zu meiden, die Freude minimieren? Beispiel: Große Einkäufe, die mich nervten, lasse ich nun von Amazon liefern.

2. Transformiere die -1 in 0

Wie kann ich eine Aktion, die Freude raubt, in eine neutrale umwandeln? Beispiel: Während ich die Spülmaschine einräumte (-1), habe ich angefangen, Hörbücher zu hören (1). In einem einfachen Schritt konnte ich eine 0 kreieren!

Ich machte Fortschritte mit der Hausarbeit. Ich fand es wunderbar, dass ich mit so simplen Methoden meinen Alltag glücklicher gestalten konnte.

Danach schaute ich mir meinen Arbeitsalltag an.

  • Anwesenheit überprüfen: 0
  • Bei Problemen helfen: 1
  • Alles, was mit standardisierten Tests zu tun hat: -1

Die Ergebnisse überraschten mich. Ein Beruf, von dem ich dachte, dass er mich glücklich machen würde, erzeugte öfter, als ich es zugeben wollte, negative Zahlen.

Ich dachte immer, ich sei eine positive Person. Ich war verwirrt. Hat sich die Lehre verändert? Habe ich mich verändert? Fühlen sich andere Lehrer genauso?

Ein Leben, das ohne Urlaub auskommt

Um meine Laune zu verbessern fing ich an, alle -1-Tätigkeiten von meiner Liste zu streichen. Ist es möglich, einen Tag zu erschaffen, der hauptsächlich Freude bereitet?

Wenn ja, wie würde er aussehen? So schnell ich konnte, schrieb ich in meinem Tagebuch eine mögliche Version dieses Tages auf.

Ich stellte mir die Freude vor, die ich fühlte, wenn ich in der Schule war. Ich stellte mir dieses Gefühl über das ganze Jahr hinweg vor, mit kleinen Momenten der Erschöpfung. Ich wollte ein Leben kreieren, von dem ich keinen Urlaub brauchen würde.

Mehr zum Thema: Im Club der Zeitmillionäre: Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte

Ich baute die Vision aus, nicht nur für mich, sondern auch für jeden anderen Lehrer. Was wäre, wenn wir ein System entwickeln könnten, in dem das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern im Zentrum stünden? Was wäre, wenn?

2017-07-03-1499102031-5444414-bild1.png

In diesem Moment stand meine Entscheidung fest. In diesem Schuljahr habe ich täglich Aufgaben auf mich genommen, die mir am wichtigsten waren. Ich bemerkte, dass ich viel mehr Energie hatte, als ich endlich meine Stärken einsetzte.

Es war eine Mischung aus Sicherheit und Angst, als ich meine Freistellung beantragte. Meine Familie und meine Kollegen waren schockiert. Meine Schüler und deren Eltern waren schockiert.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich konnte deren Frage: "Was wirst du tun?" nicht genau beantworten. Die beste Antwort, die mir kam, war: "Mein Leben mit Freude leben." Denn mal im Ernst - was zählt denn sonst? Ich fing an, zu recherchieren.

Ich fand Organisationen und Menschen, die ähnliche Ziele haben. Sich um das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern zu kümmern. Freude zu priorisieren. Sich Zeit und Raum für persönliches Wachstum zu schaffen.

Unser Bildungssystem muss sich verändern, denn die hohe Burnout-Rate unter Lehrern lässt unsere Schüler leiden. Ich glaube, dass ich dabei helfen kann, diese Veränderung herbeizuführen.

Das ist also mein letzter Schultag. Ich verlasse vielleicht das Klassenzimmer, aber ich werde für immer Lehrerin sein.

2017-07-03-1499102074-7509070-bild2.png

(jz)

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.