BLOG

Die Zukunft der EU steht auf dem Spiel - wir dürfen diese historische Chance nicht verpassen

09/04/2017 14:05 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 14:05 CEST
dpa

Es kommt mir so vor, als habe es dieses "Europa" für meine Generation immer schon gegeben. Also für die Generation der in den Sechziger- und Siebzigerjahren Geborenen, die die Erfolge des sogenannten "Deutschen Wirtschaftswunders" von Kindesbeinen an genießen durften und für die der Krieg bestenfalls durch die Erzählungen der eigenen Eltern und Großeltern ein Gesicht erhielt.

Natürlich waren da auch das geteilte Deutschland und der Umstand, politisch und geografisch zwischen den Weltmächten USA und der damaligen Sowjetunion zu stehen und das Ringen um eine eigene, eine neue deutsche, Identität.

Aber für meine Altersgruppe gab es von Anfang an eben auch dieses Staatengebilde, das über die Grenzen von Deutschland hinausgeht, das Mitte der Achtzigerjahre mit dem Schengener Abkommen die Grenzkontrollen zu vielen Nachbarländern abschaffte, und das zu Beginn der Neunzigerjahre schließlich in der formellen Gründung der Europäischen Union mündete. Irgendwie ganz selbstverständlich!

Ich bin stolz auf die kulturelle Vielfalt, die das Gesicht der europäischen Union prägt

Ich verbinde mit Europa Begriffe wie "Friedensgemeinschaft", "Völkerverständigung" und "Zukunft". Das offizielle Motto der Europäischen Union, "In Vielfalt geeint", spricht mich persönlich sehr an.

Denn ich bin stolz auf die kulturelle Vielfalt, die das Gesicht der europäischen Union prägt und die im internationalen Vergleich einmalig ist. Und es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, neben der deutschen auch eine europäische Identität zu haben, auf die ich ebenfalls stolz bin.

Mehr zum Thema: Tausende gehen für Europa auf die Straße - diese junge Bewegung steckt dahinter

All das aber wird nun in Frage gestellt. Großbritannien will die Europäische Union verlassen, obgleich viele junge Briten dies offenbar ablehnen und sich um ihre Zukunft betrogen fühlen. Der neue US-amerikanische Präsident hingegen begrüßt die britische Abspaltung von der EU.

Dabei hatten die betroffenen Wählerinnen und Wähler doch weder ein positives Brexit-Votum noch die Wahl von Donald Trump so richtig auf dem Schirm - als sie aufwachten, da war's passiert! Und beachtliche Tendenzen zu Abspaltung und Nationalisierung prägen das Parteienspektrum etwa in den Niederlanden, Frankreich und auch bei uns selbst.

All das bewegt mich schon sehr und stimmt mich nachdenklich. Aber was tun?

In diese Situation innerer Unruhe hinein kam im November 2016 der Aufruf des Ehepaars Daniel und Sabine Röder aus Frankfurt am Main, zweier Rechtsanwälte und Mediatoren, die ich aus dem beruflichen Umfeld kenne.

Sie forderten, den Sprung vom Sofa auf die Straße zu wagen und sich dort sichtbar und hörbar für den Erhalt einer geeinten und rechtsstaatlichen Europäischen Union einzusetzen.

Ich musste nicht lange überlegen und verpflichtete mich spontan dieser hoffnungsvollen Bewegung, die kurze Zeit später mit der Gründung eines Vereins "Pulse of Europe" durch acht Europafreunde im Januar 2017 in Frankfurt am Main ihren Anfang nahm.

Die Europäische Union muss endlich wieder positiv besetzt sein

Und darum geht es uns: Wir möchten die Menschen wachrütteln, ihnen vermitteln, dass die Zukunft der Europäischen Union auf dem Spiel steht, wenn wir diesen historischen Moment verpassen, uns jetzt aktiv einzubringen.

Jean-Claude Juncker hat in seiner Eigenschaft als Gesicht der Europäischen Union kürzlich verkündet, er werde 2019 nicht zur Wiederwahl als Kommissionspräsident antreten.

Es fehle ein Grundeinverständnis der Mitgliedstaaten über Europa. Auch sei es für ihn keine Zukunftsaufgabe, sich täglich mit dem Ausscheiden eines Mitgliedslandes beschäftigen zu müssen.

Dieser erschreckenden Resignation treten wir entgegen und ermutigen alle Bürgerinnen und Bürger, ein emotionales Bekenntnis zur Europäischen Union abzugeben. Wir wollen schlicht und ergreifend die Freude zurückholen: Die Europäische Union muss endlich wieder positiv besetzt und vom Ruf befreit werden, ein technokratisches Monster zu sein.

"Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt"

Daneben verlangen wir von der Politik, dass sie das Thema "Europa" auf der Agenda endlich ganz oben ansiedelt. Der Reformstau in der EU ist zweifelsohne riesig, aber Reformieren lässt sich nun einmal nur, was nicht leichtfertig nationalistischen Bestrebungen zum Opfer fällt.

Dem möglichen Vorwurf, wir seien "EU-Romantiker", setzen wir entgegen, dass es europäische Solidarität nur geben kann, wenn man den Menschen in den anderen EU-Mitgliedstaaten auch herzlich verbunden ist - und nicht nur wirtschaftlich. Von Jacques Delors stammt die Erkenntnis: "Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt."

Es ist doch offensichtlich, dass es viel leichter ist, sich gegen etwas zu stellen, etwa gegen die reformbedürftige EU mit all ihren ungelösten Problemen, als sich für etwas stark zu machen, etwa für den Erhalt der EU als dem erfolgreichsten Friedensbündnis der Nachkriegszeit.

Und deshalb ist es nicht nur erlaubt, sondern unserer Auffassung nach allerhöchste Zeit, sich auch einem schwierigen Thema wie der Frage nach der Zukunft der Europäischen Union emotional zu nähern, die Menschen wieder für die europäische Idee zu begeistern und so zu vermitteln, dass ein friedensicherndes Staatenbündnis in Europa alternativlos ist.

Ein Austritt aus der EU löst keine Probleme, sondern schafft viele neue - für alle Beteiligten!

Ich möchte mich als Teil von "Pulse of Europe" dafür einsetzen, dass die Menschen in der Europäischen Union einen gemeinsamen "europäischen Pulsschlag" fühlen, sich auf die eigentlichen Errungenschaften der Europäischen Union zurückbesinnen und ihr die Chance auf eine bessere Zukunft einräumen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Dazu braucht es proeuropäische Parteien, die von proeuropäischen Wählerinnen und Wählern mit der Reform der Europäischen Union beauftragt werden.

In nur zehn Wochen hat es "Pulse of Europe" geschafft, dass sich etwa 30.000 Menschen in über 60 Städten aus elf EU-Mitgliedstaaten für diesen Ansatz begeistern und dafür auch öffentlich einstehen. Hunderttausende begleiten "Pulse of Europe" überdies in den sozialen Medien. Und täglich werden es mehr. Irgendwie ganz selbstverständlich!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Spiegel Online.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino