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The Gabriels: Die Ruhe im Auge des Orkans

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Ezra Bailey via Getty Images
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„Wir sind gerade noch zwei oder drei schlechte Wahlergebnisse entfernt vom Ende der NATO, vom Ende der EU und vielleicht vom Ende der liberalen Weltordnung wie wir sie kennen", schrieb die US-amerikanische Historikerin Anne Applebaum im März 2016.

Sie meinte die Brexit-Abstimmung und die Wahlen in den USA und in Frankreich. Heute, im April 2017 sind - im Sinne Applebaums und unserer Werte von Europa, von Solidarität und Demokratie - zwei der Wahlen verloren. Bang blicken wir von Deutschland auf die dritte, die französische, und auch des Ausgangs unserer Bundestagswahl im Herbst können wir noch nicht sicher sein.

Ein guter Zeitpunkt, um Richard Nelsons Familientrilogie Die Gabriels - Wahljahr im Leben einer Familie als Gastspiel des New Yorker Public Theater beim FIND Festival an der Berliner Schaubühne zu sehen. Mit den Schauspielern zu durchleben, denn so fühlt es sich an: Intim und unmittelbar scheinen wir Gäste im kleinen Dorf Rhinebeck bei New York, an drei Abenden im März, September und November 2016, im Haus der Familie Gabriel.

Wir müssen diese Menschen sofort lieben, denn es ist, das vorweg, großartiges Theater, großartig geschrieben, inszeniert, gespielt. Und es schmerzt uns wie sie, wenn Gewissheit wird: Sie werden das Haus verlieren.

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Es ist eine komische Sache mit dem politischen Theater und der Frage, wann und wie Theater überhaupt politisch wird. Nelson erzählt eine Familiengeschichte, nicht mehr und nicht weniger, und liefert doch eine scharfe Analyse der US-amerikanischen gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen des Jahres 2016, mit beängstigendem Nachhall für unsere in ihren Grundfesten erschütterte europäische Wirklichkeit.

Hunger nach Stabilität

„Hungrig", der Titel des ersten Stücks, lässt sich auf allerersten Blick schlicht als Bezug auf das gemeinsame Kochen lesen, die Vorbereitung des familiären Abendessens. Der eigentliche Hunger dieser Menschen aber wird weder durch Ratatouille gestillt noch durch Apple Crumble, er steht für ein tieferes Verlangen. Das Verlangen nach Stabilität und danach, dass das Leben, das sie lange gelebt haben, aufhören möge, ihnen zwischen den Fingern zu zerrinnen.

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Die Gabriels sind Menschen, die dem angehören, was man Elite nennen könnte, gebildet, kreativ, kunstbegeistert. Aber das Leben dieser Elite ist prekär geworden. Kaum können sie einen gewissen Standard aufrecht erhalten und blicken fassungslos und verletzt auf die „Reichen", New Yorker Geschäftsleute, die reihenweise Häuser und Grundstücke in Rhinebeck aufkaufen und sie zum Wochenenddomizil machen. Hudson-Idylle mit luxuriösem Lebensstil als Ausgleich zum harten Managerdasein -- Menschen wie die Gabriels sind in dieser neuen Welt nur noch Personal.

Der Verlust der dörflichen Identität schmerzt wie die Erkenntnis, nicht mehr mithalten zu können; es ist erschütternd, wenn George und Hannah scheinbar ruhig von der wütenden Verzweiflung ihres Sohnes Paulie berichten, der erfahren hat, dass das großelterliche Haus, sein Kindheitsparadies, einem Immobilienhai in den Rachen geworfen werden muss - weil Paulies College und die Pflege der Großmutter anders nicht finanziert werden können. Sein hilfloser Vorwurf, dass die Eltern es verkackt haben, dass sie Loser sind, ist so brutal wie unfair, denn am Ende ist es eine ganze Generation, eine ganze Schicht, die ins Straucheln geraten ist. Was hätten sie tun können! Hätten sie etwas tun können?

Wie ist das Leben zu bewältigen?

Schwer zu sagen, ob Nelsons mitfühlend-liebevoller Blick auf seine Figuren, der zu sagen scheint: „Nein, hätten sie nicht", wirklich tröstend ist oder doch bitter. Weil er ebenso besagt: Es gibt auch weiterhin nichts, was sie tun könnten, als dem Verfall ihrer (und unserer) Welt zuschauen und zu versuchen, einen kleinen Zipfel davon für sich zu retten. Und darüber ihre Würde nicht zu verlieren.

Nelson schrieb seine Stücke vor der US-Wahl, das dritte und letzte hatte am Wahlabend Premiere. „Es ist," sagt Hannah einmal, „als würden wir gerade alle einen Film gucken, mit Versatzstücken, die wir wiedererkennen, aber sie sind auf eine Art montiert, dass sie einfach sehr fremd erscheinen. Habt ihr nicht auch das Gefühl, dass etwas wirklich Schlimmes passieren wird?"

Ja, haben wir. Aber vielleicht ist es noch nicht stark genug, das Gefühl, wie es bei vielen Amerikanern vor der Wahl nicht stark genug war, um aktiv zu werden, um gegen zu steuern, oder zumindest: zu wählen.

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Allerdings ist die Wahl nicht Hauptthema der Gabriels, vielmehr geht es darum, wie das Leben zu bewältigen ist, wie die Trauer, der Verlust. Denn dem Familientreffen ist ein Verlust vorausgegangen, Thomas Gabriel ist gestorben, ein erfolgreicher Dramatiker, für die Anwesenden Ehemann und Ex-Mann, Sohn und Bruder und Schwager.

Er ist abwesendes Zentrum der Familie und der Gespräche, unmerklich kriecht das Verlustgefühl den Zuschauern in Körper und Seele. Und verbindet sich mit dem allgemeinen Schmerz, denn der Tod von Thomas steht eben auch für den größeren Verlust - der Sicherheit, Identität, Heimat.

Die Leute haben Angst

„Die Leute haben Angst. Alle die ich kenne haben Angst", heißt es im zweiten Stück. Eventuell ist das nicht das Schlechteste, was ein Theaterstück heute vermitteln kann -- dass es guten Grund gibt, Angst zu haben. Weil es etwas zu verlieren gibt. Nur ist Angst nicht etwas, worin man verharren sollte. Sie kann Antrieb sein, auch für uns. Nicht stehen zu bleiben in der Erkenntnis, dass es nicht mehr stimmt mit dem Gleichgewicht in unserer Gesellschaft, sondern etwas zu tun. Heute klingt es naiv, wenn die Gabriels, es sind vor allem Frauen mittleren Alters, über Hillary Clinton reden.

Dass sie Schwächen hat, nicht zuletzt, weil sie genau zu jenen Reichen gehört, die sich das Dorf zu eigen machen. Dass man sie aber wählen wird und hofft, dass sie zu Idealen ihrer jungen Jahre zurückfindet. Und dass es trotz allem ein großer Moment sein wird, weil sie als Frauen teilhaben an der Wahl der ersten Präsidentin. Es scheint nicht im Horizont dieser Menschen, dass der andere gewählt werden könnte.

Wenn Mary Gabriel, die trauernde Ehefrau von Thomas, die nicht in ihren Beruf als Ärztin zurück kann, weil die Approbation nicht mehr gültig und eine neue zu teuer ist, die aus Altersgründen kein Lehrerexamen abschließen kann und sich mit Aushilfslehrerjobs über Wasser halten muss, wenn diese Mary am Ende gefragt wird: „Was wirst du jetzt tun?!"; wenn sie dann jeder weitergehenden Implikation der Frage ausweicht und antwortet, sie werde das Dessert vorbereiten und den Shepherd's Pie ins Esszimmer bringen, ist das wahrhaftig und menschlich und berührend. Aber es wird nicht ausreichen.

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Ben Brantley schrieb in seiner Kritik für die New York Times vom 9. November 16, dass viele Zuschauer der Premiere am Wahlabend in Tränen aufgelöst waren, als Marys letzte Worte fielen, und merkt an: „Vielleicht dachte in diesem Moment jeder wie ich, dass, wenn die Welt dunkel wird, dir nichts bleibt als zu versuchen, jeden Gedanken zu vermeiden als den an den nächsten kleinen Schritt, den du tun musst." Ein begreifliches Gefühl nach dem Schock. Es ist die Ruhe im Auge des Orkans. Für uns, die wir den Orkan herannahen sehen, sollte anderes gelten.

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