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Vom Glück des Ortes: Theater im Irak

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Seit einem Monat proben sie ein Theaterstück in Sulaymaniyah im Nordirak: der deutsche Schauspiel- und Opernregisseur Stefan Otteni und der italienische Choreograph Paolo Ragano. Sie werden von dem jungen Kölner Filmemacher Shahab Kermani auf ihrer Reise begleitet, der die Probenarbeit, die Aufführungen und das Leben im Irak filmisch dokumentiert. Das Projekt wird von den Europäern auf Einladung des Klosters Maryam al-Adhra erarbeitet, das von der Ordensgemeinschaft Mar Musa geleitet wird. Die faszinierende Grundidee dieses von Paolo dall'Oglio ursprünglich in Syrien gegründeten Ordens ist es, an der Aussöhnung zwischen Islam und Christentum zu arbeiten. Dieser Aufgabe, die nicht nur im Nahen Osten dringlich erscheint, widmen sich die Schwestern und Brüder mit Hingabe.

Ein Völker-, Sprach- und Glaubensmix

Auch die Inszenierung Die irakische Konferenz der Vögel , nach dem mittelalterlichen Sufi-Epos des persischen Dichters Attar, wird dem Versöhnungsgedanken verpflichtet sein: Muslimische, jesidische und christliche Schauspielerinnen und Schauspieler stehen gemeinsam auf der Bühne. Auf der kleinen Theaterbühne eines Containerdorfes, das die Klostergemeinschaft hat errichten lassen, und in dem um die 200 geflüchtete Syrer leben. Und es geht nicht nur um die Begegnung der religiösen Gruppen, sondern auch um die Begegnung der syrischen Neuankömmlinge mit den Einheimischen -- und mit denen, die schon länger da sind. Deshalb sind Bewohner der Stadt Sulaymaniyah und iranische Musiker Teil des Projekts.

Der Völker-, Sprachen- und Glaubensmix innerhalb der Produktion stellt die europäischen Künstler täglich vor unzählige neue, unbekannte Herausforderungen. Zum Beispiel: wie ist mit dem Ramadan umzugehen?! Viele der Beteiligten arbeiten tagsüber, die Proben können deshalb nur am Abend stattfinden und sind zum Zeitpunkt des abendlichen Fastenbrechens in vollem Gange. Undenkbar, dass die hungrigen Darsteller zum Essen nach Hause gehen oder fahren, der Zeitverlust wäre zu groß! Eine syrische Köchin musste eigens engagiert werden, die allabendlich für die Gruppe das entsprechende Essen zubereitet.
Als eine der zentralen Unterstützer für das ganze Projekt erwies sich allerdings täglich aufs Neue der Übersetzer Harem, der nicht nur mit Leichtigkeit zwischen arabisch, kurdisch und persisch wechselt, sondern auch bestens in den für die angereisten Künstler schwer durchschaubaren Organisationsstrukturen von Sulaymaniyah und der Freien Republik Kurdistan zuhause ist, der zu jeder Regierungs- und Nichtregierungsstelle und überhaupt fast jeder vorstellbaren institutionellen und nichtinstitutionellen Gruppierung Kontakt hat.

Das UNHCR-Meeting

Zum Beispiel, wenn es um die Gastspiele in den Camps für Geflüchtete in Sulaymaniyah und Umgebung geht, denn das war von Vornherein unbedingter Wunsch aller Beteiligten vor Ort: Dass sie ihre Produktion nicht nur im Kloster zeigen, sondern damit durch die Camps reisen. Weil sie ihre Botschaft der Versöhnung verbreiten wollen, und nicht nur denen mitteilen, die ohnehin im gleichen Geiste leben wie sie. Preaching to the converted -- das reicht den Künstlern nicht. In ersten Sondierungsgesprächen bestanden die Leiter der Camps auf Genehmigung und Schutzzusage durch den UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees). Es war natürlich Harem, der gut vernetzte Übersetzer, der dem Team schnell und unkompliziert Zugang zum wöchentlichen Treffen der einflußreichen Organisation verschaffte. Zur allgemeinen Erleichterung waren beim UNHCR alle mehr als begeistert von dem Projekt, und die notwendigen Zusagen wurden gemacht.

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Nur waren damit noch nicht alle Hürden genommen, noch nicht alle Bedenken der Campleiter zerstreut. Was sie auch fürchteten: Dass es während der Vorstellungen zu Unruhe und Konflikten kommen könnte, dass sich streng religiöse Bewohner an der Darstellung stoßen könnten. Weil Frauen und Männer gemeinsam spielen und tanzen, weil überhaupt im Ramadan gespielt wird. Weil auf der Bühne Vögel dargestellt werden, und für Jesiden sind doch Vögel besonders heilig. Das war ein überraschender Einwand für die europäischen Theatermacher, denn die jesidischen Darsteller der Gruppe hatten gerade deshalb besonderes Interesse an Attars Stoff gezeigt, wollten gerade deshalb die Arbeit gern ihren Glaubensschwestern und -brüdern präsentieren. Um solche Fragen zu klären und die Knoten zu lösen, wurde ein großes gemeinsames Treffen mit den gewählten Vertretern der verschiedenen Gruppierungen in den Camps anberaumt.

Die Vögel, das sind wir

Ausgerechnet am Tag dieses Treffens hatte der Übersetzer Harem einen anderen Auftrag und schickte seinen Bruder Hemen als Vertretung, der ein bekannter kurdischer Schriftsteller ist, wie sich herausstellte. Er sollte helfen, einer extrem gemischten Gruppe aus streng religiösen Scheichs und jungen Männern in Jogginghosen das Projekt zu vermitteln. Hemen hatte eine sehr großzügige und kreative Auffassung von seinem Übersetzerjob, es zeigte sich schnell, dass er weit mehr als die Worte von Regisseur Stefan Otteni "übersetzte", als dieser das Sufi-Epos für die Vertreter zusammen zu fassen versuchte.
Irgendwann unterbrach der am grimmigsten dreinblickende Scheich und ließ übersetzen: „Wir haben verstanden. Die Vögel, das sind wir. Wir haben kein Heim und lassen uns überall nieder." Aus dieser Bemerkung entwickelte sich ein intensives und tiefsinniges Gespräch über Flucht und Unbehaustsein -- und plötzlich waren alle als heikel angesehenen Punkte, von der Bestuhlung bis zum Besuch von Frauen, vom gemeinsamen Tanz bis zu Securityfragen, kein Problem mehr. „Ich habe ihnen einfach gesagt," erklärte Hemen später: „Kommt Leute, ihr seid Iraker, ihr habt seit 4000 Jahren Kultur". Bei dieser Ehre ließen sich die Männer packen. Dennoch endete das so erfreuliche Treffen für die Europäer mit einer nachdenklichen Note, als sich der strenge Scheich vom Anfang noch einmal meldete und fragte: „Bitte: Wie endet denn das Stück? Schaffen die Vögel es, an ihr Ziel zu kommen? Schaffen wir es nach Europa? Oder müssen wir für immer hier bleiben?"

Einmal, berichtet Stefan Otteni, wurde abends im Kloster ein Dokumentarfilm von einer NGO aus Beirut gezeigt. Es ging um syrische Flüchtlinge im Libanon, die aufgrund verschärfter bürokratischer Regelungen plötzlich festsitzen. Einer der Männer in der Dokumentation erinnerte ihn an seinen Vater, als er jung war, so, wie er ihn von alten Fotos kennt. Und dann gab es diesen Moment, der Mann hielt vor der Kamera sein Neugeborenes im Arm, das nun staatenlos geboren ist. „Es hat mir den Atem genommen," sagt Otteni. Das hätte, mit weniger historischem Glück in Zeit und Raum, ich sein können."