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Theaterarbeit als Versöhnung im Nordirak

Veröffentlicht: Aktualisiert:
IRAK THEATER FLUECHTLINGE
Stephanie Gräve
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Zum ersten Mal hörte ich von dem Theaterprojekt, als ich letztes Jahr im August nach Berlin zog. Ich schickte eine SMS an einen alten Freund, den Regisseur Stefan Otteni.

„Du, in zwei Wochen ziehe ich in deine Nachbarschaft. Hilfst du mit den Umzugskartons?" „Da bin ich im Nordirak", kam die Antwort. Im -- wo? Ich war perplex. Schien mir ein ungewöhnlicher Ort für den Sommerurlaub. Ich fragte nach. „Wir machen da eine Inszenierung. In dem Kloster, von dem Navid in seiner Friedenspreisrede erzählt hat. Mit Flüchtlingen aus Syrien."

Navid, das war ein anderer Freund von Stefan, Navid Kermani. Ich erinnerte mich nur vage an die Rede, googlete und las sie erneut, las mehr zum Thema. Und war tief beeindruckt von der Idee des Ordens Mar Musa, von den Schwestern und Brüdern, die es sich -- ursprünglich in einem Felsenkloster bei Nebek in Syrien -- zur Aufgabe gemacht haben, an der Aussöhnung zwischen Islam und Christentum zu arbeiten.

Beeindruckt vom Mut und Engagement des visionären Gründers Paolo dall'Oglio, über dessen Schicksal nichts bekannt ist, seit er 2013 als Vermittler nach Raqqa fuhr, um mit dem IS Gespräche zu führen. Er wurde von Dschihadisten entführt, wie auch später sein Glaubensbruder Jacques Mourad, letzterer allerdings wurde wieder befreit. Von Muslimen.

Mehr zum Thema: Eskalation: Jetzt revanchiert sich auch der Irak mit einem Einreiseverbot bei Trump

Als der Krieg in Syrien ausbrach -- und schon lange davor -- war Pater Paolo ein unermüdlicher Kritiker des Assad-Regimes, der den Westen dafür zu sensibilisieren versuchte, welche Katastrophe sich anbahnte. Wenige wollten es hören. Als die Kämpfe begannen, blieb er zunächst im Land.

Das Kloster Maryam al-Adhra in Sulaymaniyah, Kurdistan, Nordirak, in dem Ottenis Theaterprojekt stattfindet, ist sozusagen eine Dependance des syrischen Mutterhauses, 2010 eröffnet auf Einladung des damaligen Bischofs von Kirkuk.

Es wird von dem Schweizer Jens Petzold geleitet, und 2012, als die Lage im Mutterhaus immer unsicherer und Pater Paolo von der syrischen Regierung des Landes verwiesen wurde, gingen die verbliebenen Europäer mit ihm in den Nordirak.

Es ist schwer vorstellbar für uns, aber tatsächlich: Menschen suchen im Irak Zuflucht. Ausgerechnet im Irak, in einer Region, die in unseren Köpfen für Krieg und Massaker, für Instabilität und Terrorismus, für Angst und Gewalt steht. Und die Ordensleute waren nicht die einzigen, für die die freie Republik Kurdistan zum sicheren Hafen wurde.

45 syrische Flüchtlingsfamilien kamen 2014 ins Kloster, hausten zunächst überall, im Kirchenraum und in der Bibliothek, im letzten Winkel. Bis ein Containerdorf errichtet wurde, in dem momentan etwa 200 Menschen leben. Es gibt sogar eine kleine Containerbühne, dort soll Theater gespielt werden.

Fluchtursachen bekämpfen

Es war auch Navid Kermani, der den Kontakt zu den deutschen Künstlern knüpfte; er dachte gleich an Stefan Otteni, als Pater Jens ihn anrief und nach Theaterleuten fragte, die Interesse haben könnten, in Sulaymaniyah mit geflüchteten Familien und Stadtbewohnern ein Projekt zu entwickeln. Otteni, das wusste Kermani, hatte bereits in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos gearbeitet, hat sowohl eine künstlerische Vision wie die notwendige Sensibilität und das Engagement.

Und tatsächlich: „Wenn du selbst erlebt hast, wie die geflüchteten Menschen auf Lesbos leben, zusammengepfercht und verzweifelt, dann begreifst du, dass 'Fluchtursachen bekämpfen' mehr als nur eine politische Formel ist," sagte Otteni und reiste im August 2016 mit dem italienischen Choreographen Paolo Ragano zu einer ersten Workshop-Phase nach Kurdistan.

Sie waren überwältigt -- von der lebendigen Großstadt Sulaymaniyah, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft das Zusammenleben erproben, und besonders von dem Geist, der im Kloster herrscht. Vom Engagement der Brüder und Schwestern für die Geflüchteten wie auch die Bewohner des Viertels.

Denn in Maryam al-Adhra wird täglich und ganz praktisch an dem einen großen Ziel gearbeitet: Einen Begegnungs- und Versöhnungsort für die Menschen anzubieten, für Jesiden und Muslime, Christen und Chaldäer.

„Der Irak ist ein verwundetes Land," sagte Pater Jens Petzold, als wir uns im Winter in Berlin begegneten, „und viele der syrischen Flüchtlinge haben Schlimmes erlitten. Angst und Misstrauen sind groß, wir müssen Wege der Versöhnung finden. Und Theater kann so ein Weg sein".Wenn Stefan Otteni von den ersten Arbeitswochen im Irak berichtet, spricht er vor allem von Freiheit und Würde.

Das, so hat er gleich erspürt, ist die wichtigste Aufgabe -- Menschen, die ihre Heimat und Existenz und zunächst auch ihre Identität verloren haben, denen das eigene Leben durch Krieg und Flucht entwertet erscheint, diesen Menschen das Gefühl zu vermitteln: Ihr seid in dieser Stadt, in diesem Kloster, in diesem Probenraum in Sicherheit und Freiheit. Ihr seid frei, eure eigene Kreativität und Würde wieder zu entdecken. Und es sind eure Geschichten und eure Sehnsüchte, die wir auf die Bühne bringen wollen.

Ein persisches Epos als Rahmen

Daraus erwuchs die Idee für das erste gemeinsame Projekt: Die irakische Konferenz der Vögel. Ein persisches Epos von Attar aus dem Mittelalter wird den Rahmen bilden für die eigenen Erzählungen der Teilnehmer, die von ihren Erlebnissen und Hoffnungen berichten.

Die Jugendlichen und Erwachsenen sind Feuer und Flamme für das Projekt, sie wagen es, sich vorbehaltlos zu öffnen und finden so in der künstlerischen Arbeit zu eben jenem Empfinden persönlicher Würde zurück, das die politische Konfliktsituation ihnen genommen hat. Dies zu beobachten, sagt Otteni, ist beglückend und traurig zugleich.

Was ihn jedoch am meisten berührt hat in Sulaymaniyah: Das Leid und die Verzweiflung der Kinder. Ragano und er haben auch mit den ganz Kleinen gearbeitet, und ihnen begegneten zutiefst traumatisierte Kinder, denen es schwerfiel, sich zu konzentrieren, die voller Misstrauen und Angst und Aggression waren.

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Es war schon ein großer Erfolg, so Otteni, wenn ein jesidisches und ein muslimisches Mädchen bereit waren, die Hand des jeweils anderen zu halten. Und dass sich die Kinder nach der Abreise des deutschen Teams an Gruppenspielen versucht haben, während sie vorher eher isoliert waren.

Im Mai werden Otteni und Ragano wieder nach Sulaymaniyah fliegen, im Juni findet die erste Premiere statt. Diese Produktion ist nur der Auftakt einer auf mehrere Jahre angelegten Zusammenarbeit -- denn die Gruppe hat große Pläne.

Mit ihren Stücken wollen sie in die Flüchtlingslager der Region reisen und die Botschaft der Versöhnung weitertragen. Und irgendwann, das ist das Fernziel, sollen die syrischen und irakischen Künstler in der Lage sein, allein weiterzuarbeiten, als selbständige Truppe; aber das braucht noch seine Zeit. Ich jedenfalls werde hier regelmäßig über die künstlerische Entwicklung in Sulaymaniyah berichten, die ein Funken Hoffnung in einem krisengeschüttelten Land ist.

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