BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephanie Gräve Headshot

London: Was uns zusammenhält

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2017-05-08-1494277562-8214924-IMG_20170426_173024_resized_20170508_105524058.jpg

Es empfiehlt sich dieser Tage nicht, ein dringendes Anliegen bei der deutschen Botschaft in London zu haben. Auf der Website findet sich die Warnung: Seit dem Referendum im Juni 2016 ist die Zahl der Anfragen in die Höhe geschnellt, rechnen sie mit Wartezeiten. Wahrscheinlich eine höfliche Umschreibung für: Kommen sie doch später wieder, in einem Jahr oder so. Aber es hilft nichts, ein sehr freundlicher britischer Zollbeamter hat, nicht ohne sich mehrfach für die Unannehmlichkeiten, die er mir bereitet, zu entschuldigen, am Flughafen meinen Personalausweis eingezogen. Weil der vor Monaten mitsamt Portemonnaie und allem, was man zum Leben an Plastikkärtchen braucht, gestohlen worden war, was ich der Polizei gemeldet hatte -- nur dummerweise nicht, dass alles wieder aufgetaucht ist. „Hätte vielleicht nichts gebracht," tröstet mich die Dame von der Botschaft am Telefon, nach Stunden in der Warteschleife, „das landet nicht immer im System." „Never trust a german policeman", hatte der Beamte in Gatwick augenzwinkernd geraten, als ich mich rauszuschwindeln versuchte, die Rückkunft des Ausweises sei längst gemeldet.

Der Brexit ist immer noch beherrschendes Thema in den Gesprächen mit Londoner Freunden. Die einen, ein britisch-deutsches Paar, sie lebt seit 24 Jahren mit ihm im Land, haben gerade die Unterlagen für die Eheschließung bestellt. „Nicht einmal das ist Garantie dafür, dass ich bleiben kann, die Zeitungen sind voll mit Horrorgeschichten, wie Ehepartner aus der EU das Land verlassen sollen, 'because they do not meet the requirements", sagt meine Freundin. Die Unsicherheit, das spürt man, ist groß. Gerade wurden Umfrageergebnisse zu einer Wahlkampfüberlegung der Labour Party veröffentlicht, den EU-Bürgern, die schon im Land sind, weiterhin die gleichen Rechte einzuräumen. Die Mehrheit der Befragten lehnt das ab.

Irgendwer britisch hier?

Mein letzter Besuch in London war im Juli 2016, nach dem Referendum, im Netz wurden schon erste Meldungen über Aggressivität gegen Ausländer verbreitet. Es war ein ungewöhnlich heißer Tag; die Theaterpremiere fand in einem winzigen Theater in der City statt, in einer Seitenstraße im Schatten der Banken. Eine Freundin, Deutsche und Schweizerin, hatte in der britisch-amerikanischen Koproduktion gespielt, wir standen vor einer Bar und unterhielten uns mit der deutschen Regisseurin marokkanischer Abstammung, die in London studiert, in New York gearbeitet hatte und sich um eine Green Card für die USA bemühte. Wir sprachen Deutsch, als ein Mann neben uns stehen blieb: Übergewichtig, Businessanzug und rosa Hemd, hochrot im Gesicht. Schwer zu sagen, ob wegen der Hitze oder weil er ein After Work-Bier zu viel hatte. „Is anyone british here", herrschte er uns an. Die Regisseurin antwortete höflich auf Englisch, nein, aber man spreche die Sprache, kenne sich ein wenig aus in der Gegend und könne vielleicht Auskunft geben?! Er schnaubte verächtlich, machte eine abfällige Handbewegung und ging weiter, etwas Unflätiges vor sich hinmurmelnd. Die Regisseurin schaute uns fragend an. „Was wollte er, wollte er eine Auskunft oder nicht?" Wir erklärten es ihr, sie war fassungslos: „Woher kommt plötzlich diese Ablehnung?" Ich wunderte mich über ihr "plötzlich."

Die Tate Modern ist einer meiner Londoner Lieblingsorte. Es gibt immer Gründe, einen Tag dort zu verbringen, weil es regnet und in der Tate trocken ist, weil es heiß und in der Tate klimatisiert ist. Weil ich die Dauerausstellung wieder einmal sehen will oder eine Sonderausstellung. Diesmal ist es Wolfgang Tillmans -- vielleicht auch ein politisches Statement, denke ich, ihn gerade jetzt auszustellen. Jedenfalls zum richtigen Zeitpunkt, die Ausstellung trifft in Kopf und Herz wie erwartet, die Photos, der kritische Blick auf Gesellschaft. Von seinem politischen Engagement hatte ich nur eine vage Vorstellung und bin beeindruckt von den Plakaten, die vor dem Brexit warnen. Kluge Plakate, aber vielleicht hilft Klugsein nicht gegen Ressentiment und Frust und Populismus.

In der Bar im sechsten Stock habe ich Glück und finde einen Platz auf dem Sofa, mit Blick auf die Themse und St. Paul's. Niemand stört sich an Touristen, die stundenlang mit dem iPad in der Hand beim ersten Getränk bleiben, im Gegenteil. Hope you're enjoying the view and our free Wifi, sagt die Website der Tate, als ich mich einlogge. Danke, mach ich. Rechts erhebt sich die Skyline der City und des östlichen Teils der Stadt, die es in den 80ern, bei meinen ersten Besuchen, so noch nicht gab. Man redet sorgenvoll über Geld in London, besonders, wenn man sich in Theaterkreisen bewegt. Die hohen Wohnungspreise und Lebenshaltungskosten sind omnipräsentes Thema. Eine in der deutschen Botschaft ausliegende Boulevardzeitung verkündete die Prognose, der überhitzte Londoner Wohnungsmarkt könne sich durch die Brexit-Unsicherheit beruhigen. Es gebe Anzeichen im Hochpreissegment: Luxusobjekte in Luxuslage, im Preis von 7 auf 6 Millionen Pfund gesunken. Ein anderer Artikel berichtete über das wachsende Hungerproblem: Millionen Kinder, die in der Schule aus sozialen Gründen kostenlos Essen bekommen, zeigten nach den Ferien Symptome von Unterernährung.

This land is your land

Ivo van Hove hat Obsession inszeniert, die internationale Koproduktion mit Jude Law und britischen und niederländischen Schauspielern ist im Barbican zu sehen. Es sind allesamt großartige Schauspieler, auch wenn ich mich zwischenzeitlich frage, ob der Visconti-Stoff nicht auf der Leinwand besser aufgehoben war. Lässt sich die explosive Spannung zwischen diesen Menschen, die zerstörerische Schuld nicht eher in Großaufnahme vermitteln? Kann das Theater überhaupt adäquate Bilder dafür finden, wie auch für die quälende Armut? Nichtsdestotrotz ist es eine gute Inszenierung, und wenn Jude Law zu This land is your land auf einem Laufband rennt, dann macht das Gänsehaut. Weil vielleicht genau das die Frage unserer Zeit ist: Wem gehört das Land, wer hat ein Recht darauf? Vielleicht am besten niemand, es führt zu nichts Gutem.

Es ist schon jetzt schwieriger mit der internationalen Zusammenarbeit, mit Gastspielen, berichten meine Freunde auf die Frage, wie sich wohl der Brexit auf die Theaterarbeit auswirken wird. In Großbritannien verdienen die Künstler schlechter als in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Belgien, das schwache Pfund macht es nahezu unmöglich, sie zu bezahlen. Wenn nun noch europäische Gelder wegfallen, die bürokratischen Hindernisse erhöht werden... Und die nationale Förderung wird ohnehin immer mehr reduziert. Niemand ist optimistisch, was die Zukunft betrifft. Am nächsten Tag soll mich der Eurostar nach Köln bringen, die Londoner Zollbeamtin ist not amused über mein temporäres Ausweispapier. Ein Vorgesetzter muss bestätigen, dass ich das Land verlassen darf. Was mich amüsiert -- ich dachte, darum geht es. In Brüssel habe ich Aufenthalt und suche ein Café. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen schwere Militärfahrzeuge, fünf an der Zahl, davor Soldaten in Tarnanzügen und mit Gewehren. Ich wundere mich kurz, dass ich mich nicht wundere.