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"Gehen und Bleiben" in Potsdam

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GEHEN UND BLEIBEN
Stephanie Gräve
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„Du bist durch die Hölle gegangen", sagt Mariana zu Nicola. Ihn quält ein wiederkehrender Albtraum: Er läuft durch die Straßen von Damaskus und ruft nach Shadow, nach seinem Hund. Er glaubt ihn zu riechen, seinen Atem zu spüren, glaubt, in seine Augen zu sehen.

Aber es ist nicht die Wahrheit. Kein Shadow, nicht in Deutschland, nicht in Damaskus, denn schon vor seiner Flucht nach Europa hatte Nicola den Hund bei Freunden auf dem Land gelassen, weil er ihn in Damaskus nicht halten durfte. Er konnte ihn nur noch besuchen -- bis die freie syrische Armee die Gegend besetzte und ein Besuch lebensgefährlich wurde.

An diesem Abend stehen in der Reithalle des Potsdamer Theaters nicht die Schauspieler des Ensembles auf der Bühne, sondern Menschen aus verschiedenen Nationen mit ihren Geschichten. Und es sind die kleinen persönlichen Erzählungen, die direkt ins Herz der Zuschauer treffen.

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Wie die von Nicola, dem jungen syrischen Mann, der tagsüber mit seiner Freundin streitet, weil er ihre Sehnsucht nach der Heimat, ihre Zweifel am neuen Leben in Deutschland nicht teilen kann oder will. Wenn er sagt: „Ich empfinde nichts mehr für Syrien", dann glaubt er sich das.

Und wenn Mariana entgegnet: „Meine ganze Seele gehört Syrien," dann weiß sie, dass es nur seine Tagseele ist, die nichts mehr von Syrien wissen will. Nicolas Nachtseele fühlt anders, sie jagt durchs kriegserschütterte Damaskus und ruft verzweifelt nach einem Hund. Der Hund ist zum Symbol geworden, zu einem Symbol für alles Zurückgelassene, für Heimat und Familie, für Freunde und Identität.

Was nun ist wirklich die Hölle für einen Menschen wie Nicola? Das Leben in Syrien, die traumatischen Erfahrungen der Flucht -- oder das Leben als Fremder, voller Sehnsucht nach Orten und Menschen. Und voller Schuldgefühle, weil man selbst es geschafft hat und andere in Chaos und Gewalt zurückbleiben mussten.

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Der Verlust der Sprache

„Am schlimmsten ist es, neben euch zu stehen und abstrakt zu werden. Neben euch zu stehen und mich aufzulösen." Sharon hat keine Flucht hinter sich, sie kommt aus Israel; doch auch sie empfindet schmerzlich, was alles zurückbleiben muss bei so einer Reise: Ein ganzes Leben.

Maxi Obexers Stück für das Potsdamer Hans Otto Theater erzählt nicht nur von gefahrvollen Fluchten, es erzählt auch von Menschen, die ohne Not ihr Heimatland verlassen, um woanders zu leben. Und feststellen müssen: Es passt wenig in den Koffer von dem, was ihre Identität war. Sie sind im neuen Land fremd und werden allmählich zu Fremden im alten, wie die junge Französin Angelique feststellt: „Potsdam wartet."

Hat Potsdam wohl auf die Geflüchteten gewartet, die im Sommer 2015 in großer Zahl nach Deutschland gekommen sind? Vermutlich nicht. Aber die Stadt hat sie aufgenommen, und das Theater startete -- gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren -- sein Engagement für die entwurzelten Menschen.

Im Herbst 2015 bildete A place to live den Auftakt: Ein Fest, eine Nacht der Begegnungen. Es kamen Hunderte, Geflüchtete und Potsdamer. Mit dem Refugees' Club in der Reithalle wurde die Zusammenarbeit verstetigt und fand ihren Ort: Unter der Leitung des Dramaturgen Christopher Hanf finden seit Anfang 2016 monatlich Veranstaltungen statt, mit einem Programm, das sich zwischen Kunst, Austausch und Party bewegt. Die Resonanz ist gut, auf allen Seiten.

Aber: Reicht das? Erreicht man nicht nur den Kreis der bereits Überzeugten? Wer kommt zu einer Veranstaltung mit Geflüchteten als die, die sich ohnehin engagieren wollen? Das mag sich auch das Leitungsteam des Theaters gedacht haben, und: dass eine öffentliche Debatte zum Thema dringend not tut.

Und: dass ein Stadttheater genau das diskursive Zentrum der Gesellschaft sein muss, in dem diese Debatte geführt wird. Welches Land wollen wir sein? heißt die Gesprächsreihe, die gemeinsam mit Harald Welzer und Alexander Carius von Adelphi-Research ins Leben gerufen wurde. „Was sind unsere Visionen von einer zukünftigen Gesellschaft?

Welche Werte sollen unser Zusammenleben bestimmen? Was bedeuten Heimat und kulturelle Identität in der globalisierten Welt?" so fasst Hanf die Fragestellungen. Mit Gästen aus Wissenschaft, Politik, Kultur wird auf dem Podium diskutiert, aber dann, und das ist wichtig, wird für das Publikum geöffnet. Denn es geht ja (auch) darum, die Stadtbewohner zu Wort kommen zu lassen.

Es geht darum, sie auf dem Weg zur offenen Gesellschaft mitzunehmen. „Haltung, Offenheit, Toleranz", so hat die künftige Potsdamer Theaterleiterin Bettina Jahnke das Kürzel HOT interpretiert. Ein gutes Motto: Intendant Tobias Wellemeyer und sein künstlerisches Team zeigen schon jetzt, wie das geht.

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Der Hund am Baum

Jemand hatte seinen Hund an einen Baum gebunden, erzählt Nikola, damals, als alle in Angst aus der syrischen Stadt flohen. Er hat ihn gesehen, den Hund, als er seine letzte Runde ums Haus machte, als alle ihre Autos voll packten, so voll sie konnten, und die Stadt verließen.

Der Hund blieb zurück, klagt Nikola. „Mitten in der Hölle, angebunden am Baum, er kann sich nicht einmal selbst versorgen". Mariana widerspricht: „Der Besitzer hoffte, dass jemand kommt und sich um ihn kümmert." Doch Nikola ist überzeugt: Der Besitzer wird sich ewig schuldig fühlen. So wie er. „Wir können das nicht beurteilen," sagt Mariana, „die Menschen versuchen, ihr Bestes zu tun." „Sie tun das Schlimmste".

Man kann natürlich die Frage nach richtig oder falsch stellen, wenn man auf das Engagement der Kulturinstitutionen für die Geflüchteten, für die Integration von Migranten blickt. Und sie wird durchaus diskutiert, die Frage, kontrovers und unter verschiedenen Aspekten.

Ist es überhaupt die Aufgabe eines Theaters? Wer ist dafür qualifiziert? Ein Kritikpunkt lautet: Hier werden Menschen benutzt. Werden mit ihren Schicksalen, ihren schrecklichen Flucht- und Verlusterfahrungen vorgeführt, um Betroffenheit auszulösen beim tendenziell gut situierten, tendenziell links orientierten und der Thematik zugewandten Publikum.

Das Potsdamer Team hat sich zu lang und intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, um in eine Betroffenheitsfalle zu tappen. Text und Inszenierung überzeugen durch thematische Differenzierung und künstlerische Qualität.

Nicht nur verzweifelte Opfer von Kriegswirren und Flucht sind zu sehen, sondern moderne Großstadtmenschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommen sind. In letzter Konsequenz: Weil sie genau hier, genau so leben wollen. Und dennoch machen sie eine ähnliche Erfahrung von Fremdheit, von Entwurzelt- und Zerrissensein wie die Menschen, die unter Lebensgefahr aus Syrien geflohen sind. Es gibt eben nicht nur die eine Erzählung.

Regisseur Clemens Bechtel nähert sich dem komplexen Thema sensibel und vielschichtig, berührend und unterhaltsam. Man vergisst zwischenzeitlich, dass es sich um Laien handelt, schaut verwundert ins Programm und stellt fest, dass einige der Darsteller Schauspieler oder Regisseure sind.

„Ich weiß nicht viel über das Theater zum Beispiel in Syrien," sagt Christopher Hanf. „Aber letztlich war es eine Probenarbeit wie jede andere auch, mit engagierten Diskussionen über Textfassung, Ästhetik und Spielweise, wie wir sie auch mit den Ensemblemitgliedern führen." Vielleicht reicht es manchmal doch, wenn alle ihr Bestes tun.

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