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Ensemble-Netzwerk: Du bist nicht allein

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Es war etwas los an diesem Wochenende Mitte Mai auf dem Kulturareal Schiffbauergasse in Potsdam: Das idyllisch am See gelegene Gelände, das trotz aller Bemühungen der ansässigen Kulturinstitutionen oft im Dornröschenschlaf zu liegen scheint, war auch tagsüber von jungen Menschen bevölkert, zumindest rund um die Reithalle, wo die zweite bundesweite Ensembleversammlung stattfand.
Eine bundesweite Ensembleversammlung, das mag für manche seltsam klingen. Ist nicht die Definition eines Theaterensembles, dass es eben das Ensemble eines bestimmten Theaters ist?! Ensemble, das heißt doch: gemeinsam -- warum versammeln sich also SchauspielerInnen und DramaturgInnen, die gar nicht gemeinsam an einem Haus arbeiten? Von denen die, der eine vielleicht in Oldenburg, der, die andere in Memmingen tätig ist? Was soll ein bundesweites Ensemble sein, die haben doch nichts miteinander zu tun?

„Theaterfolklore", würde Lisa Jopt dazu wahrscheinlich sagen. Die kluge und kämpferische, energiegeladene und charismatische junge Schauspielerin hat als Ensemblemitglied am Staatstheater Oldenburg gemeinsam mit KollegInnen das ensemble-netzwerk erdacht und ins Leben gerufen. Hunderte von TheaterkünstlerInnen haben sich der Bewegung mittlerweile angeschlossen. Ihre Ziele: künstlerische Mitsprache und bessere Arbeitsbedingungen, flachere Hierarchien an den Häusern und veränderte Verträge, angemessene Bezahlung und kontrollierte Arbeitszeiten. Und für diese Ziele wollen sie gemeinsam kämpfen, als bundesweit agierendes Netzwerk.

Kündigungsschutz: eine gesellschaftliche Errungenschaft

Seit Jahren ist es Gegenstand einer kritischen gesellschaftlichen Debatte in Deutschland, dass die zunehmende Aufweichung des Kündigungsschutzes durch Zeitarbeit und befristete Verträge ein Missstand ist, dem Einhalt geboten werden sollte. Was viele Menschen nicht wissen: Für BühnenkünstlerInnen gelten ohnehin andere Regeln, schon lange. Ihre Verträge laufen theoretisch alljährlich aus, bzw.: sie laufen weiter, sprich: werden verlängert, wenn sie nicht explizit „nichtverlängert" werden. Nichtverlängerung, das ist der euphemistische Begriff für Kündigung, denn darauf läuft es hinaus. Eine Kündigung, die jedes Jahr möglich ist, mit recht langem Vorlauf zwar, aber das ist ein schwacher Trost, wenn man bedenkt, wie hoch die Arbeitslosigkeit unter Theaterleuten ist. Vor allem bedeutet ein Wechsel des Engagements in der Regel: die Stadt verlassen, denn die meisten Städte haben nur ein Theater. Von Oldenburg nach Memmingen wechseln, zum Beispiel. Das kann schwierig sein, besonders, wenn man Familie hat.

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Lisa Jopt und ihre MitstreiterInnen haben erkannt und benannt: Hey, wir haben ein gemeinsames Problem. Ein Problem, was unsere Verträge betrifft, aber auch grundsätzlich mit unserer Position innerhalb der Hierarchien der Theater. Wir wünschen uns bessere Information und Einbindung in künstlerische Entscheidungsprozesse. Und wir möchten eine angemessene Bezahlung, denn ja, es kann vorkommen an einem kleinen, unterfinanzierten Theater, dass ein Schauspieler Mitte 30, Familienvater, Hochschulabschluss, zehn Jahre im Beruf, 2200 Euro verdient. Brutto. Und dafür auch mal 60 Stunden in einer Woche arbeitet. Darf er nicht, eigentlich, aber wer kontrolliert das schon. Und wer beschwert sich schon, als Einzelner und in einem unsicheren Arbeitsverhältnis. Außerdem ist man ja Künstler, und es geht um die Sache.

Informierte Künstler versus Theaterfolklore

„Theaterfolklore" würde Lisa Jopt wiederum sagen. Sie benutzt den Begriff öfter in ihrer fulminanten Eröffnungsrede. Theaterfolklore, das sind all die Sprüche wie: „Das war schon immer so am Theater. Das haben wir hier schon immer so gemacht. Das weiß man vorher, wenn man ans Theater geht." Nein, mit solchen Floskeln lässt sich diese junge Künstlergeneration nicht mehr abspeisen. Sie wollen „informierte KünstlerInnen" sein, wie es der Frankfurter Theatermanagement-Professor Thomas Schmidt, einer der Vordenker der Bewegung, in einem Beitrag auf www.nachtkritik.de formuliert hat. Vor allem aber schleudern sie dem Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der Strukturen und der existenziellen Unsicherheit ihr „Du bist nicht allein" entgegen. Das war das erste Motto, das das Netzwerk für sich gewählt hat, anlässlich der ersten bundesweiten Ensembleversammlung, die 2016 in Bonn stattfand.

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„Ein schönes Motto", befindet Ulrich Khuon, Intendant am Deutschen Theater Berlin, Präsident des Bühnenvereins. Einer, dessen Stimme in der Branche gehört wird. Er entwickelt in Potsdam ein Bild des Intendanten, das sich unterscheidet von dem des Alleinherrschers, gar des Sonnenkönigs, wie es in kritischen Artikeln durchaus gezeichnet wird. Er redet von Verantwortung und von einer gewissen Einsamkeit, die sie auch mit sich bringt. Und wie er sich gern manchmal, wenn er unbequeme, harte Entscheidungen treffen muss, denn in der künstlerischen Arbeit geht es nicht immer harmonisch zu, dieses „Du bist nicht allein" ans Revers heften würde.

Es sind nicht alle Intendanten gleich

Man spürt, dass es ihm ernst ist, wenn er laut nachdenkt, ob es vielleicht einen Mentalitätswandel bei den Intendanten braucht. Tobias Wellemeyer, der Potsdamer Intendant und Gastgeber für das Treffen, sagte einmal: „Es sind nicht alle Intendanten gleich". Auch das stimmt ganz sicher, das begreift man spätestens auf dieser Veranstaltung: Diese überwiegend jungen Menschen, die ensemble-netzwerkerInnen, sind beileibe keine Opferlämmer, die hätten dem Stadttheater längst den Rücken zugekehrt, wenn sie nicht auch positive, beglückende Erfahrungen gemacht hätten. Und dennoch, es liegt noch allerhand im Argen in dieser Stadttheaterwelt. Denn die hierarchischen Strukturen, die Art der Verträge, sie erlauben nun einmal Machtmissbrauch und Ausbeutung, da gibt es nichts zu deuteln. Und das System lädt zur Selbstausbeutung ein. Natürlich, es braucht Intendanten, Chefs, die egoistisch und skrupellos genug sind, das auch zu auszunutzen, aber warum sollte es diese Menschen am Theater weniger geben als anderswo. Denn genau, das Argument lässt sich zurückgeben: Es sind nicht alle Intendanten gleich. Es gibt sie durchaus, die schwarzen Schafe.

Die zweite bundesweite Ensembleversammlung endete in einer gewissen erschöpften Euphorie. Es gab erhellende Diskussionen, inspirierende Arbeitsgruppen, gute Gespräche. Es gab Offenheit auf beiden Seiten -- keine unreflektierte Verbrüderung (oder Verschwesterung), aber dennoch Signale: Wir können das nur gemeinsam lösen. Das ensemble-netzwerk, die IntendantInnen und der Bühnenverein führen seit einiger Zeit Gespräche. Es scheint noch ein langer Weg zu konkreten Ergebnissen -- aber man hat sich auf diesen Weg gemacht, das ist nicht nichts. Und die jahrzehntealte deutsche Stadttheaterfolklore muss erst einmal überwunden werden.