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Rezension des Artikels „How Half of America Lost Its F**king Mind"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Jonathan Ernst / Reuters
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Ich habe vor einigen Tagen einen Artikel von David Wong auf Cracked gelesen mit dem Titel: „How Half of America Lost Its F**king Mind", der das Phänomen Donald Trump, und wie es so weit kommen konnte, erklärt.

Es gelingt David Wong dabei, das Bild eines Wählers zu zeichnen, der zutiefst enttäuscht und verletzt ist über die Behandlung, die er durch die bestehende Politik und einen Großteil des amerikanischen Volkes erfahren muss. Überdies schafft er es, Verständnis für Trump-Anhänger zu wecken, ohne hier jedoch deutlich zu machen, dass es weiterhin unverständlich bleibt, wie man ein Wesen wie Trump wählen kann.

Wie man einem Mann Vertrauen entgegen bringen kann, der verabscheuungswürdig über Frauen spricht und wohl auch handelt.

Der diverse seiner Firmen selbst in die Insolvenz getrieben hat, seine Produktion ins Ausland verlegt, um Geld zu sparen, seiner Steuerpflicht nicht nachkommt und dem es nur um seinen eigenen wirtschaftlichen Vorteil geht. Und, der das Temperament eines 3-jährigen hat und das Gegenteil von dem ist, was man sich bei einem Politiker wünscht.

Ich habe nicht gedacht, dass ich irgendjemand, der Trump unterstützt, jemals verstehen könnte. Selbst in der Verwandtschaft meines Mannes gibt es diese Kandidaten, und ich bin froh, dass wir in nächster Zukunft keinesfalls mit diesen Zusammentreffen werden, obwohl ich vor dieser verwunschenen Wahl menschlich kein Problem mit diesen Menschen hatte. Doch nach der Lektüre dieses Artikels kann ich es verstehen.

Ich kann mich in die Menschen nun hineinversetzen. Ich bin selbst nicht in dieser Situation, weder in den USA noch hier in Deutschland, aber David Wong schafft es, auf behutsame und unterhaltsame Weise, uns hier einen Blick in die Köpfe der Menschen zu erlauben, der uns normalerweise verschlossen bleibt.

Der, würde es von irgendjemand anders kommen, arrogant und anmaßend wirken würde. Aber dadurch, dass David Wong sich als einer von ihnen identifiziert, bzw. zumindest als in deren Mitte aufwachsend, wirkt es authentisch. Es kommt von jemanden, der dieses Leben gelebt hat, und dieses Leben verlassen hat, aber trotzdem noch mit diesem Leben verbunden ist. Der dieses Leben aufgegeben hat, aber regelmäßig zurückkehrt.

Der das Recht hat, darüber zu urteilen, und gerade nicht als Außenseiter in die Trump-Wähler-Welt eintritt um wie ein Zoologe eine fremde Spezies zu untersuchen.

Das Bild, welches David Wong hier entstehen lässt, ist eines gezeichnet von Verzweiflung, wirtschaftlicher Stagnation, wenn nicht sogar Abstieg. Gegenden, denen es wirtschaftlich gut ging, bis große Betriebe geschlossen wurden, die Arbeitslosigkeit stieg und aufgrund der Struktur keine Jobs ersetzt werden konnten.

Das Gefühl, dass die Politik versagt hat, die Gegenden vergessen wurden, und nur die Großstädte von Bedeutung sind. Den Minderheiten dort wird Tür und Tor geöffnet, aber die Menschen in den Kleinstädten werden vergessen. Und nicht nur das, sie werden verlacht und man macht Witze über sie und ihren Lebensstil. Und dann kommt jemand wie Donald Trump, jemand, der absurde Versprechungen abgibt.

Dem mit Sicherheit nicht die Interessen des „kleinen Mannes" am Herzen liegen, aber es zumindest sagt. Der verspricht, alles zu ändern, und mit seinem Auftreten auch zeigt, anders als alle zuvor dagewesenen Politiker zu sein. Der redet, wie es ihm gerade durch den Kopf geht, der sagt, wie es ist und nicht politisch korrekt versucht, niemanden auf die Füße zu steigen.

Nach diesem Artikel konnte ich es zum ersten Mal verstehen. Ich finde es immer noch falsch, aber ich kann es nachvollziehen. Und es macht mir unheimlich Angst. Denn nun kann ich auch nachvollziehen, wie Hitler es an die Macht geschafft hat.

Wie er es geschafft hat, unzählige Menschen dazu zu bringen, ihm zu folgen und alles für richtig zu halten, was er getan hat. Und es zeigt auch, dass unsere Demokratie nicht funktioniert. Winston Churchill hatte die Nachteile der Demokratie schon früh erkannt, jedoch auch festgestellt, dass es keine Alternativen gibt, die besser wären.

Dies ist leider immer noch so, aber letztendlich bedeutet dies wohl auch, dass der nächste große Knall nicht mehr lange auf sich warten lässt. Und was danach kommt, wissen wir nicht.

Erschreckend ist auch, dass es gerade überall passiert. Hier in Europa haben wir das gleiche Szenario, nur mit anderem Hintergrund. Der Artikel lässt sich auch auf Deutschland bzw. auch jedes andere Land in Europa übertragen: Wir haben finanzschwache Gegenden in Deutschland, mit hoher Arbeitslosenquote, die Industrie verlagert ins Ausland, der Bergbau geht stetig zurück in Deutschland, und die generelle Situation in den neuen Bundesländer wird auch nicht besser, eher im Gegenteil. Und dann kam die „Flüchtlingskrise".

Plötzlich hat der Staat Geld, den Flüchtlingen wird geholfen, während der Deutsche vergessen und verlassen wird. Es entsteht der deutsche Wutbürger. Durch die Liberalisierung wird, zumindest nach Ansicht der Wutbürger immer weniger der christliche Glauben gefördert, aber auf die Gepflogenheiten anderer Religionen, die nicht mit den Gepflogenheiten des christlichen Abendlandes einhergehen, nimmt man Rücksicht.

Die Lügenpresse ist wieder am Werk, um die Bürger über den großangelegten Betrug der Politik am Volk zu täuschen. Und Bewegungen wie PEGIDA und Parteien wie die AfD haben plötzlich wieder Hochkonjunktur. Dass hier bewusst versucht wird, dem einzelnen verfassungsrechtlich gesicherte Grundrechte weg zu nehmen, wird hier nicht erkannt.

Es wird hier, ohne mit der Wimper zu zucken, darüber nachgedacht, die Religionsfreiheit einzuschränken, die Pressefreiheit, die Rechte von Alleinerziehenden zu beschneiden, Gleichberechtigung zu beschränken, das Asylrecht abzuschaffen und vieles mehr. Alles nur, um dem vermeintlichen Feind, dem Islam, zusammen mit seiner Konkubine, die alteingesessene deutsche Politik, eines auszuwischen und aus dem Land zu vertreiben.

Betrachtet man das ganze Horrorszenario nunmehr im Lichte dieses Artikels, so versteht man auch ein wenig, woher das Ganze kommt. Für den arbeitslosen Familienvater wirkt es wie eine Verhöhnung, wenn hier Leute aus dem Ausland freudestrahlend aufgenommen werden und ihnen Geld, Wohnung und Essen im Überfluss hinterher geworfen werden.

Das gepaart mit oft gefälschten Berichten der AfD-Politiker und -Sympathisanten, über die ganzen Leistungen, die Asylbewerber erhalten, sorgt genau für den Effekt, den die AfD will: Wählerstimmen, da nur der AfD das Wohl des kleinen Mannes am Herzen liegt. Dass das übrige Parteiprogramm genau das Gegenteil im Sinn hat, will man nicht sehen.

Ebenfalls vergisst dieser Bürger auch schnell die Prinzipien von Nächstenliebe und Teilen, welche im christlichen Bewusstsein, dass es zu retten gilt, tief verwurzelt sind. Das böse Erwachen kommt erst noch. Aber jetzt, jetzt wird genau geboten, was der Wutbürger hören will, und er fühlt sich verstanden. Anders, als von den etablierten Parteien, die ihn verlassen und vergessen haben.

Aber nun kommt die Frage, die sich bei dem Ganzen wirklich stellt: Was kann man dagegen tun? Was kann Deutschland machen, um die Stimmung umzukehren. Was kann Deutschland machen, damit die Bevölkerung einsieht, dass der momentane Weg der AfD, des Wutbürgers, direkt in die dunkle Zeit zurückführt vor und während des zweiten Weltkriegs, eine Zeit, die eigentlich nie wieder entstehen sollte? Ich weiß nicht, ob es eine Antwort hierauf gibt, ob wir es überhaupt schaffen, den Kurs zu ändern, oder ob es erst einen riesigen Knall geben muss, bevor wir uns alle erst einmal betreten und beschämt darüber klar werden, dass sich die Geschichte wieder einmal wiederholt hat.

Was ich weiß, ist, dass wir die Situation ernst nehmen müssen, dass wir die Menschen, die wir belächeln und fürchten aufgrund ihrer, zumindest für uns subjektiv erscheinenden Dummheit, ernst nehmen müssen und versuchen, einen Weg zu finden, ihnen zu verstehen zu geben, dass die Unterstützung, die anderen zukommt, nicht bedeutet, dass sie selbst vergessen werden.

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