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Sri Sri Ravi Shankar bringt Friedensprozess in Kolumbien voran

20/09/2015 12:10 CEST | Aktualisiert 20/09/2016 11:12 CEST

(Interview mit dem spirituellen Lehrer und Friedensbotschafter zu seinem Treffen mit der FARC)

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, mit Mitgliedern der FARC-EP (den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens) Kontakt aufzunehmen?

The Art of Living gibt seit mehreren Jahren Kurse in Kolumbien. Ich war mir der anhaltenden Probleme dort bewusst, die in schrecklichem Leid endeten und sieben Millionen Menschen heimatlos gemacht haben. Ich bat einen unserer Lehrer, Francisco Ocampo, nach Kuba zu gehen, Kontakt mit den Guerilleros aufzunehmen und in Dialog mit ihnen zu treten. Ich glaube fest daran, dass es nichts gibt, das nicht über einen Dialog gelöst werden kann.

Erst kürzlich erhielten Sie eine Auszeichnung der kolumbianischen Regierung. Bitte erzählen Sie uns davon.

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Bild: Art of Living / Im Juni 2015 erhielt Sri Sri Ravi Shankar (5. v. r.) für seine Friedensarbeit die höchste Auszeichnung des kolumbianischen Parlaments.

Im Juni erhielt ich die höchste Auszeichnung Kolumbiens als Anerkennung unserer Friedensbemühungen weltweit und in Kolumbien im Speziellen. Nach den Feierlichkeiten sprachen der Präsident und ich über die ernste Lage in seinem Land, die zu diesem Zeitpunkt bestand.

Haben Sie sich dazu entschlossen, die FARC zu treffen, nachdem Sie die Auszeichnung erhalten hatten?

Nein. Den Dialog mit ihnen hatten wir schon im Jahr zuvor initiiert. Im Oktober 2014, um genau zu sein.

Wie können Sie als spiritueller Lehrer aus Indien, weit weg von der politischen Szene in Kolumbien, einen solchen Einfluss auf eine kolumbianische Guerillagruppe mit Sitz in Kuba ausüben, einer Guerillagruppe, die im Krieg mit der kolumbianischen Regierung liegt?

Zu Anfang reagierte die FARC abweisend, da deren Philosophie und die östliche Philosophie der Gewaltlosigkeit weit auseinander liegen. Nach mehreren Gesprächen mit unseren Lehrern jedoch wurde ein Meeting organisiert, bei dem wir uns dann treffen sollten. Doch selbst dann kamen erst einmal einige wenige von ihnen zu einem öffentlichen Vortrag, den ich an der Universität Kuba hielt. Später dann hatten wir exklusive zweistündige Gespräche über drei Tage hinweg, bei denen sie ihre Anliegen und Probleme ansprachen. Gerechtigkeit für die Opfer war ein großes Hindernis im Friedensprozess. Ich sagte ihnen, dass in diesem Krieg jeder ein Opfer sei, dass auch sie keinen Spaß daran hätten, im Dschungel für ihre Sache zu kämpfen. Auch sie wären Opfer mangelnder Gerechtigkeit. Das ließ sie aufatmen, denn bislang waren sie nur als die Schuldigen gesehen worden, die Schuld lag immer bei ihnen. Ich erkannte ihre missliche Lage.

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Bild: Art of Living / Sri Sri bei Verhandlungen auf Kuba mit führenden Mitgliedern der FARC.

Von dem Zeitpunkt an kam der Dialog in Fluss. Nichtsdestotrotz ist ihr Weg der Gewalt kein weiser Weg. Ich sagte ihnen, ich sei in punkto soziale Gerechtigkeit auf ihrer Seite, wenn sie auf Gewalt verzichten würden. Drei Tage lang sprachen wir über eine ganze Reihe von Dingen, einschließlich der Spiritualität. Sie schienen tief bewegt zu sein. Einer von ihnen sagte, dass das etwas wäre, was in ihrer Bewegung fehlte, das spirituelle Wissen. Als ich ging, baten sie mich, sie nicht allein zu lassen, sie sagten: 'Bitte betrachte uns als Deine Anhänger.' Ich wiederum bat sie, ihre Absicht, von nun an Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit zu folgen, um soziale Gerechtigkeit zu erlangen, in einer Pressekonferenz öffentlich zu machen. Anfangs zögerten sie, da das gegen ihr politisches Verständnis ginge. Also gab ich ihnen zu verstehen, dass sie, wenn sie das nicht täten, künftig keine Chance hätten und womöglich genauso enden würden, wie die LTTE in Sri Lanka [Befreiungstiger von Tamil Eelam, Anm. d. Red.]. Kriege würden nicht mit Gewalt, sondern durch Geschick und Taktik gewonnen. Schließlich kamen wir überein. In einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten sie einen einseitigen Waffenstillstand.

Über mehrere Jahre hinweg versuchten Länder, wie die USA, Norwegen und die EU, erfolglos, Frieden zwischen der Guerilla und der kolumbianischen Regierung auszuhandeln. Sie waren erfolgreich: Was haben sie im Gegensatz zu diesen Ländern anders gemacht?

Es war nicht wichtig, was ich gesagt habe, sondern von wem die Worte kamen. Sie haben verstanden, dass ich keine persönlichen Vorteile oder eine politische Ideologie verfolge. Es ging einfach darum, Vertrauen aufzubauen.

Es ist schön und gut, dass die Friedensverhandlungen einem Abschluss entgegengehen. Was ist jedoch mit der Forderung nach Gerechtigkeit seitens der Familien, die unter dieser Guerilla gelitten haben?

Es gibt mehrere Beispiele aus Nepal und Südafrika, wo Wahrheit und Aussöhnung eine große Rolle spielten. Dies war Ausgangspunkt für den dringend benötigten Heilungsprozess. Auf unsere Bitte hin besuchte Herr Ocampo (nicht Francisco Ocampo, unser Lehrer), ehemaliger Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, die Guerilleros auf Kuba und beriet sie, wie man im Friedensprozess nun weiter voranschreiten könne.

Als die FARC in der Pressekonferenz verkündete, dass sie, von Ihnen inspiriert, Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit übernehmen würden, wie hat da die Presse reagiert?

Als die Führungsmitglieder der FARC auf der Pressekonferenz erklärten, dass sie, inspiriert von meinem Besuch, den Weg der Gewaltlosigkeit nach Mahatma Gandhi gehen würden und sehr glücklich seien, mich getroffen zu haben, herrschte Unglauben. Die Medien fragten unsere Leute, was ich gesagt hätte, dass die FARC nun diesen Weg ginge.

Aber auch nach der Pressekonferenz gab es noch Gewaltakte, die von der FARC verübt wurden.

Ja. Nach ihrer Aussage gab es noch einige Akte der Gewalt, bei denen Menschen zu Tode kamen. Am 6. Juli 2015 nahm ich noch einmal Kontakt mit ihnen auf. Danach erklärten sie einen einseitigen Waffenstillstand. Sie baten um weitere zwei Wochen Zeit. Vor dem Hintergrund eines über 50 Jahre währenden Krieges, zwei Millionen Toten und sieben Millionen Vertriebenen, waren zwei Wochen kein übermäßig langer Zeitraum. So sandte ich eine Nachricht an die Regierung, in der ich sie bat, deren Absichten nicht anzuzweifeln, da die Guerillaarmee ja tief im Dschungel beheimatet sei, und es Zeit bräuchte, bis die Botschaft sie erreichen würde. Ich ersuchte Regierung und Presse, Vertrauen in den vierzehntägigen Waffenstillstand zu haben. Würden während dieses Zeitraums Akte der Gewalt verübt, sollten diese nicht als Verletzung des Waffenstillstands ausgelegt werden. Es würde einfach bedeuten, dass die Botschaft des einseitigen Waffenstillstands noch nicht bis zu allen Rebellen vorgedrungen sei. Ich war froh, dass die Regierung ebenfalls einen Waffenstillstand erklärte.

Nun ist der Friedensprozess im Gange. Über die meisten der fünf Verhandlungspunkte hat man bis dato eine Einigung erzielt. Ich freue mich schon auf den Zeitpunkt, da der Friedensvertrag in naher Zukunft unterzeichnet wird. Ein Dankeschön sowohl dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und auch Ivan Marquez von der FARC für ihr enormes Engagement, ihren Mut und ihr Vertrauen in den Friedensprozess.

Weitere Informationen zu Sri Sri Ravi Shankar und seiner Friedensarbeit gibt es unter www.srisriravishankar.org.

(Das Interview wurde in Indien geführt und ist eine Übersetzung ins Deutsche.)

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