BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephanie Doms Headshot

Mach's mir nochmal. Oder doch nicht?

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER BABY FILTER
Eternity in an Instant via Getty Images
Drucken

Baby #1 w├Ąchst. Und alle fragen: Wollt ihr noch eins? ├ťber den Versuch, eine emotionale und doch beruflich vertr├Ągliche Antwort zu finden.

Die Frage nach dem zweiten Kind kam, als ich gef├╝hlt gerade erst mit Nummer eins aus dem Krei├čzimmer entlassen worden war. Seither schwanke ich zwischen einem euphorischen "Sofort! Es gibt nichts Abgefahreneres" und einem ├╝berforderten "WTF?!".

Parallel dazu versuche ich herauszufinden, wann man als Mutter genug Runden gefahren ist, um wieder aus der Achterbahn der Gef├╝hle aussteigen zu d├╝rfen. Ich meine: Das kann doch nicht ewig so weitergehen, oder? Bisher haben alle Befragten die Aussage verweigert.

Dabei h├Ąngt von dieser einen Antwort f├╝r mich sehr viel ab. Wird Baby #1 mit zwei Jahren schon so selbstst├Ąndig sein, dass mir bei Baby #2 genau so viel Zeit bleibt die Schwangerschaft zu genie├čen und jeden noch so winzigen Moment im ersten Lebensjahr fotografisch festzuhalten?

Oder sollten wir lieber warten bis Baby #1 so selbstst├Ąndig ist, dass ich ihm nicht mit vielen "Neinneinneins" erkl├Ąren muss, dass Griesbrei nicht in die Haare geh├Ârt, selbst dann nicht, wenn er statt mit dem L├Âffel mit den Fingern bis in die Wurzeln einmassiert wird?

Wie steht es um die Geschwisterliebe?

Aber wie sieht es dann mit der Geschwisterliebe aus, wenn wir noch l├Ąnger warten? Kann ich sie dann mal zu zweit irgendwo harmonisch spielend parken und sich selbst ├╝berlassen, w├Ąhrend ich einen Kaffee trinke oder aufs Klo gehe (nur ein einziges Mal ganz allein, bitte)? Und ab wann darf man Au├čenstehenden zustimmen, die gern pauschal behaupten "Was? So lange wollt ihr warten? Dann habt ihr zwei Einzelkinder!"?

Wenn wir im Baby-Gremium dar├╝ber beraten, kommen wir - wie so oft, wenn es um Kinder geht (und Kinder reden auch indirekt IMMER mit, sobald man welche hat) - zu dem Schluss, dass es keine Pauschalantwort gibt. Verdammt!

Auf emotional-rationalener Ebene kommen wir hier also nicht weiter. Ich versuche deshalb seither, die Frage auf dem rein rationalen Weg zu beantworten. Und pl├Âtzlich ist diese wunderbare Geschichte von den Bl├╝mchen und Bienchen ├╝berhaupt nicht mehr so h├╝bsch rosarot mit Mascherl.

Tatsache ist, dass ich mir derzeit so viele Gedanken ├╝ber das Arbeitsleben von Frauen und M├Ąnnern mit Kind mache, wie ich es bei Baby #1 nicht mal ansatzweise getan habe. Vermutlich, weil ich mittlerweile Experte f├╝r diverse Abgr├╝nde bin, die sich vor einem auftun. Hier ein klitzekleiner, auf die dramatischen Highlights fokussierter Blick in mein Gedanken-Karussell.

Mittelfristiges Ziel ersetzt gro├če Vision? Face it!

Schon mit einem einzigen kleinen Kind kann man beruflich nicht unendlich in den Himmel wachsen. Dass ich nicht gerne auf etwas warte und ich mit Vorliebe Pl├Ąne in beachtlichen Dimensionen schmiede, pr├Ądestiniert mich nicht wirklich f├╝r die entspannte Mama mit Job, die sich mit Mittelm├Ą├čigkeit zufrieden gibt.

Nat├╝rlich: Dass man gerade in den ersten Wochen, Monaten, Jahren als Mama ein Projekt am Laufen hat, das gr├Â├čtm├Âglichen Einsatz erfordert (und verdient!), steht au├čer Frage.

Aber wenn ich daran denke, dass meine gro├čen beruflichen Tr├Ąume noch l├Ąnger auf Eis liegen, wenn wir unsere Familie erweitern, schrumpeln meine Eierst├Âcke. Das spricht entweder f├╝r ein Einzelkind oder daf├╝r sofort nachzulegen, um nur m├Âglichst kurz in der beruflichen Warteschleife zu h├Ąngen.

Angenommen, wir w├Ąhlen Variante B: Haben wir bei Baby #2 nochmal so viel Gl├╝ck oder sorgt das Universum f├╝r Gerechtigkeit in Form eines nicht ganz so entspannten Charakters? Bleibt mit zwei Kindern wenigstens noch ein bisschen Zeit, um Auftr├Ąge zu ├╝bernehmen, oder falle ich dann f├╝r einige Zeit beruflich komplett aus? Ist es gemein, Baby #1 fr├╝hzeitig in den Kindergarten zu geben, damit es daheim ├Ąhnlich abl├Ąuft wie bisher, nur halt mit Baby #2?

Bevor Sie jetzt etwas sagen: Ja, danke, ich wei├č, dass es auch darauf keine allgemeing├╝ltigen Antworten gibt.

Familienfreundliche Arbeitgeber? Tr├Ąum weiter!

Wenn man Mama ist, entwickelt man eine Menge Allergien. Ich reagiere zum Beispiel dezent allergisch auf den Wissensaustausch mit Wildfremden, wenn es um mein Kind geht ("Also wissens, bei dem WetterÔÇŐ - Anmerkung der Autorin: 30 Grad im Schatten - m├╝ssens dem Bub aber schon a Hauberl aufsetzen. Im ersten Jahr geht ma net ohne Hauberl aus dem Haus.")

Phasenweise bekomme ich auch Ausschlag von den Putzmitteln, mit denen ich dreimal t├Ąglich den K├╝chenboden wische, seit der Kleine so gro├č ist, dass er selber essen will. Aber das f├Ąllt schon fast unter Situationskomik.

So richtig, richtig, RICHTIG allergisch reagiere ich mittlerweile darauf, wenn Unternehmen sich auf die Fahnen schreiben, familienfreundlich zu sein. Ist es wirklich im Sinne der Familie, wenn man als m├Ąnnlicher Arbeitnehmer der (entfernt bekannten) Kollegin Erziehungstipps gibt ├á la "Also ich an deiner Stelle w├╝rde schon l├Ąnger beim Baby daheim bleiben, bevor ich wieder in den Job einsteige"?

Dass Frauen es da nicht leicht haben, ist ein alter Hut. Aber V├Ątern geht es nicht besser. Nicht selten bekommen sie sehr direkt gesagt, dass sie sich aufs berufliche Abstellgleis stellen, wenn sie in Karenz gehen und, Gott bewahre, danach wom├Âglich auch noch Stunden reduzieren.

Familienfreundlichkeit ist leere Versprechung

Aber wenn dann eine Firmenfeier ist, dann laden wir nat├╝rlich auch die Heimchen am Herd samt Kindern ein und r├╝hmen uns anschlie├čend in sozialen Netzwerken mit vielen Fotos daf├╝r, dass wir so wahnsinnig lieb zu den Mamis und Papis sind, f├╝r deren Gleichberechtigung sind. Zumindest zu Werbezwecken

Im Namen aller Allergiker fordere ich eine unabh├Ąngige Pr├╝fstelle, die kontrolliert, ob hinter Mitarbeiterk├Âderungen mit Familienfreundlichkeit keine leeren Versprechen stecken. Firmen, die dagegen versto├čen, sollten mit entsprechenden Kennzeichen ausgestattet werden. So wie beim Schnitzel mit Panier. Nur dass halt dann hinter dem Firmennamen etwas steht in die Richtung "F, *, *, *, Y, O, U".

Kurz: Viele Arbeitgeber erleichtern uns die Entscheidung, ob Kind oder nicht beziehungsweise ob Kind Nummer zwei, drei, vier, f├╝nf ... oder nicht. Allerdings selten zugunsten der Kinder.

Nach der Resignation die Konvention? Sicher nicht!

Mein Mann ist Feminist. W├Ąre er es nicht, h├Ątte ich ihn nicht geheiratet. Sich den Partner vor der Kinderproduktion genau anzusehen, sch├╝tzt aber leider nicht davor, an patriarchalen Strukturen zu scheitern.

Als Mann erntet man mancherorts immer noch schiefe Blicke, wenn man mehr Zeit daheim bei der Familie verbringen m├Âchte. Blicke kann man ja ignorieren. Aber bei Zweifeln, die dabei aufkommen und tief im eigenen Inneren pochen, ist das schon sehr viel schwieriger: Geht es sich finanziell aus, wenn keiner von uns Vollzeit arbeitet? Wie takten wir die Arbeitszeit?

Wer k├╝mmert sich sonst noch um die Kinder? Wann bleibt bei diesem ganzen Organisationsaufwand noch Zeit f├╝r uns als Paar? Sich so viele Fragen auf einmal zu stellen, auf die es keine Pauschalantworten gibt, verursacht ziemlich viele graue Haare, und st├Ąndig zu versuchen einen anderen, neuen, zielf├╝hrenden Weg f├╝r ein altbekanntes Problem zu finden, w├Ąhrend alle rundherum die Augenbrauen hochziehen, f├Ârdert Sodbrennen.

Das Schockierende ist: An machen Tagen finde ich dieses ganze Gr├╝beln so furchtbar anstrengend, dass ich mir denke "Ach, schei├č drauf, dann soll mein Mann Karriere machen und ich begn├╝ge mich mit den wenigen beruflichen M├Âglichkeiten, die mir dann noch bleiben."

Familienmodelle sind nicht zeitgem├Ą├č

Doch dann gewinnt das System - ÔÇŐwas ich auch aus Fairness gegen├╝ber meinem rebellischen, unangepassten Ich ebenso wenig zulassen kann, wie aus Fairness gegen├╝ber meinem Mann. Ich verdiene es, nicht nur die Jobkr├╝mel unterm Tisch serviert zu bekommen. Und mein Mann verdient es, so viel Zeit mit unserem Sohn zu verbringen wie ich.

Also was tun gegen all die Familienmodelle, die f├╝r viele von uns nicht mehr zeitgem├Ą├č sind? Vermutlich m├╝ssen sich erst mal alle Frauen und ganz besonders alle M├Ąnner, die sich ein gleichberechtigtes Erziehungs- und Beziehungsleben w├╝nschen, dickere Eier zulegen.

Denn die braucht es, um f├╝r das kreative und vielleicht auch unkonventionelle Lebensmodell einzustehen, mit dem man sich wohl f├╝hlt. Immerhin ├╝bernehmen wir als Eltern verdammt viel Verantwortung, die mit pausenlosem Entscheidungentreffen verbunden ist. Und Zweifel, die irgendwann zu Resignation f├╝hren, k├Ânnen wir echt nicht gebrauchen.

Ich habe ├╝berlegt, selber ein kleines Zeichen f├╝r mehr Lebensplanungskreativit├Ąt zu setzen und meinen Yogakurs f├╝r Mama und Baby umzubenennen in 'Yoga f├╝r Eltern und Babys'. Der erste Mann, der sich ganz selbstverst├Ąndlich anmeldet und keine Tausend Likes f├╝r das entsprechende Foto im Firmenintranet erwartet, erh├Ąlt von mir ein Zertifikat.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Obwohl ... Klassische Mama-Angebote zu gendern ist ebenso ein Zeichen, wie sich als Mann f├╝r so ein Angebot anzumelden. Auf beides darf man ruhig stolz sein. Tue Gutes und sprich dar├╝ber, denn diese Gesellschaft hat jede ├Âffentliche Infragestellung von Rollenbildern immer noch dringend n├Âtig.

Und jetzt?

Bleibt die Frage nach Baby #2. Aktuell tendiere ich dazu, es einfach mal zu versuchen. Schwerer als mit einem Kind kann das Job-Ding doch nicht sein. Andere Frauen haben das doch sicher auch ohne Nervenzusammenbruch geschafft (viele vermutlich sogar schaffen m├╝ssen), wieso sollte ich das dann nicht hinbekommen? Andererseits: Kann man es mit einem zweiten Kind einfach mal so "versuchen"?

Und - verdammt - h├Ârt man ab einem gewissen Alter der Kinder eigentlich auf, sich als Eltern st├Ąndig irgendwelche Fragen zu stellen, die keiner beantworten kann, au├čer der Bauch?! Liebe Leserschaft: Notl├╝gen Ihrerseits sind an dieser Stelle erw├╝nscht.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: