BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephanie Buck Headshot

Der Grund, warum du am Wochenende berufliche E-Mails beantwortest, ist bereits 500 Jahre alt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAN LAPTOP SAD
Geber86 via Getty Images
Drucken

Zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte des Westens wurde die Ressource Zeit plötzlich sehr viel kostbarer - und schuld daran sind die Briten.

Diese Entwicklung ist der Grund dafür, dass wir uns in der westlichen Welt heutzutage einem enormen Druck aussetzen, um möglichst produktiv zu sein.

Wir nehmen unsere Handys mit in die Yoga-Stunde, wir essen am Schreibtisch, wir stopfen unsere Wochen mit einem Termin nach dem nächsten voll und wir achten dabei nur noch wenig auf unsere "Wochenenden".

Ein hoch auf das merkantilistische Handelssystem?

Bevor Großbritannien im 15. Jahrhundert das merkantilistische Handelssystem einführte, beruhten die Verwendung und der Stellenwert von Zeit noch auf einer sehr viel persönlicheren Basis.

Agrarwirtschaft bedeutete, dass der Austausch von Gütern und Dienstleistungen im Einklang mit den jeweiligen Jahreszeiten erfolgte und durch die Verfügbarkeit von überregionalen Ressourcen eingeschränkt war. Verfügbare Zeit sowie Produktivität nahmen im Rahmen eines natürlichen Rhythmus ab und wieder zu.

Der Merkantilismus, einer der ersten wichtigen Wirtschaftstheorien, führte jedoch dazu, dass die Art, wie die Menschen ihre Zeit verbrachten, sich plötzlich direkt auf den Wohlstand des ganzen Landes auswirkte.

Nach Ansicht der damaligen Ökonomen kostete jede Form der Untätigkeit, die außerhalb der Schlafenszeiten stattfand, ein Land Geld - und deshalb wurde Müßiggang als schweres Vergehen erachtet. Plötzlich galten die Zeiten zwischen den Vegetationsperioden und Ernten und im Endeffekt sämtliche Zwischenzeiten schlicht und ergreifend als verschwendet, wenn sie nicht mit Arbeit verbracht wurden.

Es war die Geburtsstunde des Mottos "Zeit ist Geld", doch von den Erträgen profitierten nur wenige Auserwählte.

Der Merkantilismus war eine Form des wirtschaftlichen Imperialismus. Durch ihn konnte der Wohlstand eines Landes gesteigert werden, was wiederum die Macht dieses Landes gegenüber anderen Ländern erhöhte.

Der deutsche Ökonom Philipp Wilhelm von Hornick fasste diese Theorien in seinem 1684 veröffentlichten Werk Österreich über alles, wann es nur will zusammen.

Seiner Auffassung nach sollte sämtlicher Grund eines Landes für die Landwirtschaft, den Bergbau oder die Herstellung von Gütern verwendet werden. Die dadurch erzeugten Güter sollten weiterverarbeitet werden, anstatt in ihrem Rohzustand belassen oder als Rohstoffe gehandelt zu werden.

Auf das der Großteil der Armen niemals ruhe

Importe waren größtenteils verboten und sollten, falls nötig, im Austausch gegen andere Waren erfolgen, anstatt mit Gold und Silber bezahlt zu werden, da diese Edelmetalle innerhalb des Landes gehortet werden sollten.

Dies führte schließlich dazu, dass der Großteil der Bevölkerung kontinuierlich an der Herstellung und Produktion von Waren arbeitete.

Im Großbritanniens Fall bestand der Großteil der Bevölkerung ganz bewusst aus armen Arbeitern. Und entgegen der späteren Versprechen des Kapitalismus hatten sie keinerlei Chancen auf sozialen Aufstieg.

Der in den Niederlanden geborene und später in London lebende Philosoph und Satiriker Bernard Mandeville schrieb 1732 schelmisch:

"In einem freien Land, in dem die Sklavenhaltung verboten ist, kann man den Wohlstand am besten durch eine Schar arbeitsamer Armer sichern ... Sie sollen zwar vor dem Hungertod bewahrt werden, jedoch sollen sie auch nichts erhalten, was es wert wäre, aufgespart zu werden.

Es liegt im Interesse aller reichen Länder, dass der Großteil der Armen niemals ruht und zugleich ständig alles ausgibt, was er erhält.

Die Voraussetzung dafür, dass die Gesellschaft auch unter den schlechtesten Bedingungen glücklich ist und dass die Menschen ruhig bleiben, ist die, dass der Großteil dieser Menschen ebenso unwissend wie arm ist. "

Hinter dem Merkantilismus steckte die Theorie, dass die arme Bevölkerungsschicht zwar zahlenmäßig wachsen durfte, dass ihre Löhne jedoch stets gering gehalten werden sollten, damit ihr keinerlei Zeit blieb, um materielle Ressourcen oder Zeit zu verschwenden, da beides lediglich den Reichen zustand. Und dabei sollte das Land selbst immer reicher werden.

Das merkantilistische Handelssystem wurde als Chance gerechtfertigt, armen Menschen ein "besseres Leben" zu ermöglichen.

In Großbritannien herrschte nicht nur die Meinung, dass "Leiden eine therapeutische Wirkung" auf die Armen habe, da diese anderenfalls automatisch in Trägheit und Bequemlichkeit verfallen würden, sondern es wurde auch die Auffassung vertreten, dass höhere Löhne zu Lastern, Trunkenheit und Fehlverhalten (mit anderen Worten also zu nicht erlaubter Freizeit) führen würden.

Der ökonomische Publizist Arthur Young stellte 1771 fest: "Man müsste schon ein Idiot sein, um nicht zu verstehen, dass die unteren sozialen Schichten arm gehalten werden müssen, weil sie anderenfalls niemals fleißig wären."

Edgar Furniss erklärte in seinem 1920 erschienenen Werk The Position of the Laborer in a System of Nationalism (Die Stellung des Arbeiters in einem System des Nationalismus), der Merkantilismus bedeute die "Nutzung von Armut".

Mehr Zeit, die mit arbeiten verbracht wurde, bedeutete auch mehr Geld. Die Gewinne kamen jedoch niemals bei den Armen an.

Für Großbritannien und die umliegenden Länder war der Merkantilismus zu dieser Zeit ein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn eines Staates Verluste für die anderen Staaten bedeutete.

Das Thema Zeit war äußerst angstbesetzt

Ein Land galt als "Gewinner", wenn es mehr Güter produzierte und eine größere Bevölkerungszahl besaß, die permanent arbeitete. Deshalb wirkte die Zeit, die mit arbeiten verbracht wurde, sich direkt auf die erzielten Einnahmen aus.

Das Thema Zeit war äußerst angstbesetzt, da in den merkantilistischen Ländern des Westens die Auffassung galt, dass Zeit auf schändliche Weise verschwendet werden könne und dadurch dem eigenen Heimatland Schaden zugefügt werden könne.

Schließlich schaltete sich auch die Kirche ein.

Nach Aussage der Schriftstellerin Eluned Summers-Bremner lehnten Vertreter der Kirche es ab, dass die westlichen Regierungen die Herrschaft über die Verwendung von Zeit für sich allein beanspruchten:

"Durch das Verleihen und Leihen von Geld hat der Wert der Zeit sich verändert, doch eigentlich ist nur Gott befugt, dieser Zeit eine Bedeutung zu verleihen, da er sie erschaffen hat."

Nun hatten die Arbeiter also nicht nur mit den Mühen ihrer harten Arbeitswoche zu kämpfen, sondern mussten sich auch noch mit seelischen Schuldgefühlen und Ängsten auseinandersetzen -- würde es sich negativ auf ihr "Schicksal im Jenseits" auswirken, wenn sie ihre Zeit vergeudeten?

Bei der Vorstellung, welche Bestimmung die Seele von armen Menschen hatte, herrschte zwischen der Kirche und der merkantilistischen Wirtschaft jedoch durchaus Einigkeit - genauer gesagt wussten beide ganz genau, wie sich aus der allgemeinen Angst vor Verdammnis am besten Profit schlagen ließ.

In einer Sitzung des französischen Parlaments im Jahr 1576 schlossen sich Adlige, Kaufmänner und Geistliche zusammen, um das Thema Zwangsarbeit voranzutreiben. Gemeinsam beschlossen sie, dass "die Untätigkeit einzelner Personen ... nicht erlaubt oder toleriert werde".

Die Adligen forderten, dass "unbeugsame Schmarotzer und Faulenzer" ausgepeitscht werden sollten, wenn sie die Arbeit verweigerten.

Ihre eigene Faulheit stand selbstverständlich nicht zur Debatte, da jeder einzelne Teilnehmer in dieser Runde sich seine Faulheit aufgrund reinen Glücks und dank der Aristokratie locker leisten konnte.

Das Resultat einer primitiven Wirtschaftstheorie

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor der Merkantilismus zunehmend an Bedeutung und wurde durch die von Adam Smith vorangetriebene freie Marktwirtschaft ersetzt.

Rückblickend führte die merkantilistische Praxis der Anhäufung von Reichtum, mit der irgendwann später einmal "Käufe getätigt werden sollten", zu einer Wertminderung bei Gold- und Silberbarren.

Ganz zu schweigen davon, dass sämtliche Länder, die Merkantilismus praktizierten und deshalb ihre Grenzen vor Importen verschlossen und die Abhängigkeit von ausländischen Erzeugnissen einschränkten, im Umkehrschluss auch lediglich ihre eigenen Rohstoffe zur Verfügung hatten (und das britische Klima war für den Weinanbau noch nie besonders förderlich).

Der Merkantilismus gilt mittlerweile allgemein als primitive Wirtschaftstheorie.

Die Auswirkungen dieser erzwungenen Betriebsamkeit klingen jedoch noch immer nach. Der Philosoph und Vordenker der Aufklärung, John Locke, argumentierte in seiner zweiten Abhandlung aus dem Jahr 1689, dass der Wohlstand der Welt durch menschliche Arbeit erzeugt würde, und dass alle Menschen einen Anspruch auf Land hätten, die an dessen natürlichen Ressourcen arbeiteten.

Jeder der hart genug arbeitet, kann es schaffen

Diese Idee fand bei Kolonisten der Neuen Welt, bei Puritanern, bei Siedlern und bei Kapitalisten im Allgemeinen großen Zuspruch, da sie der Meinung waren, dass jeder reich werden konnte, der nur hart genug arbeitete, und dass man sich allein dadurch von der ärmsten Schicht abheben konnte, indem man sich abrackerte.

"Die freie Zeit eines armen Mannes ist etwas ganz anderes als die freie Zeit eines reichen Mannes, und es gibt auch unterschiedliche Bezeichnungen dafür", sagte der britische Ökonom Charles Hall 1805 scheinbar ohne jegliche Ironie. "Bei den Armen spricht man von Faulheit, der Ursache allen Unheils."

Dieselben Ideen sind heutzutage auch in den USA weit verbreitet. Man muss sich doch nur einmal die "Gig-Economy" ansehen, ein System, das von den Silicon-Valley-Eliten vermutlich mit dem Zweck erschaffen wurde, dass jeder einzelne selbst die Verantwortung für seinen Job und seine Zeit übernehmen kann.

In Wahrheit ziehen solche Jobs, die nach einzelnen Aufträgen bezahlt werden, jedoch eher die finanziell schwachen Bevölkerungsschichten dieses Landes an -- und zwar in Form von selbstständigen Auftragnehmern, die keinerlei Krankenkassenzuschüsse erhalten und auch keine Pläne zur Altersvorsorge oder Rechte zur Gründung von Gewerkschaften besitzen.

Hinzu kommt, dass die sogenannte "Gig-Economy" damit spielt, dass wir in diesem Land nicht entspannt mit unserer Freizeit umgehen können. Wir verspüren ständig das Bedürfnis, uns mit Nebentätigkeiten beschäftigen zu müssen, ganz egal, ob wir das Geld nun wirklich "brauchen" oder nicht.

Wir können unser Ansehen bereits dadurch steigern, dass wir beschäftigt wirken. Denn damit vermeiden vor allem Menschen aus ärmeren Schichten und aus der Arbeiterklasse, dem Stigma zum Opfer zu fallen, das entsteht, wenn man untätig ist.

Inzwischen ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie nie zuvor.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

In seinem neuen Buch The Vanishing Middle Class (das Verschwinden der Mittelschicht) schreibt der MIT-Ökonom Peter Temin, dass die USA sich auf direktem Wege zu einem Zweiklassensystem befindet:

Auf der einen Seite steht eine kleinere, größtenteils weiße Oberschicht, die Reichtum und Macht kontrolliert, und auf der anderen Seite gibt es eine große Unterschicht, die vorwiegend aus schwarzen Menschen besteht.

Rein formal wurde der Merkantilismus zwar abgeschafft, die Machtverteilung ist jedoch praktisch dieselbe geblieben. Und bloß weil wir den Ausdruck Zwangsarbeit vermeiden, bedeutet das nicht, dass es sich für arme Menschen nicht genau so anfühlt.

Nicht zu arbeiten bezeichnen wir bei der einen Gruppe als "Zeitverschwendung" oder als "Erwerbslosigkeit". Bei der anderen Gruppe heißt es jedoch "Urlaub" oder #vanlife.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei Timeline und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.