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Experten erzählen uns, Deutschland sei gerecht - doch die Realität sieht anders aus

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POVERTY GERMANY
Fabian Bimmer / Reuters
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Bei uns in Deutschland geht es gerecht zu, das lesen wir derzeit immer öfter. Es handelt sich dabei um die Reaktion auf die Frage nach der Gerechtigkeit, die durch Martin Schulz neu in den Mittelpunkt gestellt wird.

Eine völlig falsche Frage, lassen uns manche Leitartikel wissen. In Deutschland sind wir dem Ideal der Gerechtigkeit ziemlich nahe gekommen, meinen Sie. Wirklich?

Was die Verteilung des Einkommens angeht, sieht die Wirklichkeit leider anders aus, wie erst jüngst der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aber auch der Armutsbericht der Bundesregierung festgestellt haben.

Unsere Gesellschaft rückt auseinander

Wenn sich etwas verändert hat, dann der Abstand zwischen den 10 Prozent Reichsten unserer Gesellschaft und dem Rest. Unsere Gesellschaft rückt eher auseinander, als zusammen - anders lässt sich das Ergebnis dieser Studien wohl kaum bewerten.

Dass sich daran kurzfristig etwas ändert, ist leider kaum zu erwarten. Es herrscht kaum Bewegung zwischen den unteren, den mittleren und den oberen Einkommensgruppen. Die soziale Mobilität ist gering, sagt man in der Fachsprache. Anders ausgedrückt: Sozialer Aufstieg ist in der Bundesrepublik offenbar schwer.

Mehr zum Thema: Bildungsministerin: Die Herkunft beeinflusst die berufliche Zukunft noch zu stark

Menschen mit einem geringen Einkommen haben nur eine geringe Chance, ihre berufliche und damit auch finanzielle Situation im Laufe ihres Lebens wesentlich zu verbessern. Und das gilt leider gerade auch für ihre Kinder.

Es geht eben nicht nur um die Überwindung materieller Armut vieler Menschen, sondern mit Blick auf die Zukunft vor allem auch um die Bekämpfung der Teilhabearmut, die wir uns am Ende alle nicht leisten können.

Dieser Befund sollte die roten Lampen leuchten lassen - aus Gründen der Gerechtigkeit ebenso wie des Fortkommens unserer gesamten Gesellschaft. Warum? Wir stehen bereits mitten in der Wissensgesellschaft.

Wer in Zukunft Erfolg haben will, muss viel wissen

Niemand wird bestreiten, dass in Zukunft der wirtschaftliche Erfolg immer mehr auch von der Kompetenz und Qualifikation der Beschäftigten abhängig ist. Die digitale Revolution beschleunigt diesen Prozess noch einmal erheblich. Wer in Zukunft Erfolg haben will, muss viel wissen. Das gilt für die Einzelnen, das gilt aber auch für eine ganze Volkswirtschaft.

Es ist also nicht allein die Frage nach der Gerechtigkeit, die sich in diesem Zusammenhang stellt - die Chancen in unserer Gesellschaft sind gerade für Kinder und junge Leute erkennbar ungerecht verteilt. Es geht um mehr.

Ob unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft auch in Zukunft so erfolgreich bleiben kann, wie wir das bislang kennen, wird sich auch daran entscheiden, ob alle jungen Menschen in unserer Gesellschaft alle ihre Talente entfalten können. Die Chance auf sozialen Aufstieg ausdrücklich inbegriffen!

Derzeit sind wir von diesem Ziel noch ziemlich weit entfernt. Das Bildungswesen in Deutschland, so haben es in den letzten Jahren Studien immer wieder hervorgehoben, ist im internationalen Vergleich besonders selektiv.

Mehr zum Thema: Eine Studie behauptet, die Chancengleichheit in Deutschland nehme zu - doch ihre Methoden sind zweifelhaft

Was heißt das? Kinder aus gebildeten Familien erhalten im Allgemeinen eine gute Bildung, Kinder aus bildungsferneren Familien dagegen seltener.

Beispiel Migrationshintergrund: Der Anteil ausländischer Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss sinkt nicht, er ist im Gegenteil auf fast 13 % angestiegen.

Das entnehmen wir einer unlängst veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung, aus der sich auch ergibt, dass die jungen Leute selbst nicht mehr an Chancengleichheit für sie im deutschen Bildungssystem glauben. Mehr als die Hälfte der Befragten 14- bis 21-Jährigen sieht ihre Situation skeptisch - oder realistisch?

Was ist zu tun? Der Staat hat nun wirklich viele Aufgaben, aber für die Zukunft ist wohl kaum eine wichtiger als der Einsatz für Bildung und Qualifikation. Vor diesem Hintergrund fällt einem vieles ein, was wir in Sachen Bildung in Deutschland besser machen können, und zwar in allen Stufen des Bildungswesens.

Da ist zunächst einmal die frühkindliche Förderung. Gewiss, in den letzten zwei Jahrzehnten hat gerade dieser Zweig eine enorme Karriere gemacht.

Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ist ergänzt worden um den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Die Betreuungszeiten sind heute wesentlich länger als früher, wo häufig genug schon vor dem Mittagessen Feierabend mit der Betreuung war.

Es wird Zeit, zu handeln - bundesweit

So weit so gut. Dennoch sind die nächsten notwendigen Schritte unübersehbar. Ganz am Anfang werden besonders wichtige Weichen gestellt, diese Erkenntnis gibt es inzwischen weit über Fachkreise hinaus.

Die Betreuungsqualität wird dem an unsere Kitas gestellten Anspruch aber nicht immer gerecht. In Niedersachsen ist eine dritte Fachkraft für alle Krippengruppen - also die ganz Kleinen - auf Kosten des Landes eingeführt worden, weil zwei Erzieherinnen bei 15 Kleinkindern nur schwer auch noch individuelle Förderung leisten konnten.

Dasselbe wird nach und nach auch bei den 3- bis 5-jährigen in den Kindergärten nötig sein, wenn wir wollen, dass zum Schulanfang alle Kinder fit für das sind, was auf sie zukommt.

Und noch etwas fällt auf bei der frühkindlichen Förderung: Anders als bei dem späteren Schulbesuch und anders als beim Studium sind in den meisten Ländern für den Besuch einer Kindertagesstätte Kostenbeiträge fällig.

Das tut jungen Familien häufig genug weh. Obendrein schreckt die Zahlungspflicht erfahrungsgemäß auch nicht wenige Eltern ab, ihre Kinder in einer Kita anzumelden. Bildung darf nichts kosten, frühkindliche Förderung erst recht nicht.

Bildung braucht Zeit

Deswegen steht in Niedersachsen die Forderung nach einem kostenfreien Kita-Besuch ganz oben auf der Agenda für die Zeit nach den nächsten Landtagswahlen Anfang 2018.

Gewichtige Aufgaben stellen sich aber auch für die schulische Bildung. Zwar ist der jahrzehntelange Streit um die „richtige" Schulstruktur im Wesentlichen wohl einstweilen ad acta gelegt, aber die Aufgaben werden deswegen nicht weniger.

Bildung braucht Zeit und darum wird es voraussichtlich in den nächsten Jahren gehen. Um gerade auch Schülerinnen und Schüler zu fördern, die zu Hause nicht die notwendige Unterstützung erhalten, geht die Entwicklung immer mehr in Richtung Ganztagsschulen.

Wenn diese Aufgabe allerdings gut erfüllt werden soll, muss sie aber quantitativ und qualitativ abgesichert sein - es geht um mehr als um eine bloße Aufbewahrung. Im Idealfall sollten sich im Ganztag Lernen und Freizeit, Stillsitzen und Bewegung abwechseln.

Die Schülerinnen und Schüler brauchen ihnen zugewandte Erwachsene, Platz zum Lernen, zum Toben und zur Muße und genug Zeit für individualisiertes Lernen alleine und in der Gruppe.

Zeit ist übrigens auch unter einem anderen Gesichtspunkt ein wichtiges Stichwort. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist bis heute in den westdeutschen Ländern nicht hinreichend akzeptiert. Niedersachsen hat als erstes westdeutsches Bundesland die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit vorgenommen - andere folgen nun.

Und noch ein Thema mit erheblichen Folgen für alle am Schulleben Beteiligten ist begonnen, aber noch lange nicht beendet worden. Es geht um die gleichberechtigte Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in unserem Bildungssystem.

Mehr zum Thema: Das deutsche Schulsystem hat eine Generation orientierungsloser Migranten hervorgebracht

Andere Länder wie die USA oder die skandinavischen Staaten sind der Bundesrepublik in dieser Hinsicht wahrscheinlich schon eine Generation voraus. Es handelt sich um einen Wandel, der allen Beteiligten durchaus viel abverlangt und auch viele Ressourcen erfordert, materiell und personell.

Am Ende der Schulzeit stehen junge Menschen vor der Wahl, in einer Hochschule weiter zu lernen oder eine berufliche Ausbildung zu beginnen. Bezogen auf die berufliche Bildung ist Deutschland weltweit ein anerkanntes Vorbild, nur in unserem eigenen Land scheint das gelegentlich in Vergessenheit geraten zu sein.

Die Zahl der Menschen ohne berufliche Qualifikation ist zu groß

Vor einem dritten Weg neben Hochschule und beruflicher Ausbildung müssen wir die jungen Menschen unbedingt bewahren: vor dem Seitausfallschritt in eine Warteschleife und dem Verzicht auf eine qualifizierte Ausbildung.

Immer noch ist die Zahl derjenigen jungen Menschen, die ohne berufliche Qualifikation in das Erwerbsleben starten, zu groß und unter den demografischen Perspektiven gesellschaftlich nicht akzeptabel.

Es muss deswegen darum gehen, mit klugen, individuell bezogenen Maßnahmen die teilweise notwendigen Nachförderungen und -qualifizierungen zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch in Niedersachsen zunehmend die Jugendberufsagenturen, in denen Jobcenter, Agentur für Arbeit, Jugendamt und Schulen eng kooperieren.

Junge Menschen erhalten aus einer Hand Beratung und Unterstützung bei der Berufswahl und -vorbereitung, bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz oder einem passenden Studium oder auch bei der Bewältigung persönlicher Probleme. Die Anfänge sind also auch hier gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun.

Die Aufgabe der Integration in die Berufswelt stellt sich übrigens auch für eine große Gruppe, die einer besonderen Förderung bedarf. Die berufliche Integration vieler tausend Flüchtlinge erfordert auf allen Seiten viel Kraft und Geduld.

Auch anderthalb Jahre nach dem „deutschen Herbst 2015" fehlt es leider immer noch an einem durchgreifenden und wirklich wirksamen Konzept zur beruflichen Integration.

Die Entstehung eines klug aufeinander aufbauenden, optimal vernetzten Systems müsste von Seiten des Bundes vorangetrieben werden. Länder und Kommunen, aber auch die Ausbildungswirtschaft sehen sich immer wieder auf sich selbst verwiesen.

Es mangelt also nicht an Aufgaben im Bildungswesen und damit an Ansätzen für einen späteren sozialen Aufstieg. Wenn die Erwerbsarmut vieler Erwachsener schon mit Recht problematisiert wird, ist die Teilhabearmut vieler jüngerer Menschen mit weitreichenden Konsequenzen für ihr weiteres Leben erst recht nicht akzeptabel.

Das müssen wir jetzt tun

Was ist also notwendig? Kurz gesagt, eine engagierte und gemeinsame Anstrengung aller staatlicher Ebenen für die überragenden gesellschaftlichen Ziele Bildung und Qualifizierung. Länder und Kommunen sind mit ihrer Verantwortung für die frühkindliche Förderung und die schulische Bildung in hohem Maße ausgelastet.

Wenn finanziell und personell aufgestockt werden soll, um mehr Chancen zu eröffnen, wird dies nicht ohne das tatkräftige Engagement des Bundes gehen können. Dass ein solches Engagement in Schulen immer noch durch das Kooperationsverbot des Grundgesetzes ausdrücklich verboten ist, erscheint kaum begreiflich.

Immerhin: Im Zusammenhang mit der Reform der Bund-Länder-Finanzbeziehungen und der deswegen notwendigen Änderung des Grundgesetzes wird nun hoffentlich das Recht des Bundes auf Investitionen in die Bildungsinfrastruktur von Länder und Kommunen anerkannt.

Das alleine wird jedoch kaum reichen, denn Bildung wird auch künftig immer noch vor allem durch Menschen erfolgen. Die sozialen Berufe insgesamt und insbesondere auch die pädagogischen Berufe müssen attraktiver werden.

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Auch das ist eine Folge des demografischen Wandels: Junge Menschen haben die Wahl zwischen verschiedenen Berufen. Es ist deswegen notwendig, die Ausbildung und die Berufe von Erzieherinnen und Erziehern, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Lehrern attraktiver zu gestalten.

Nimmt mal all dies zusammen, wäre eine nationale Bildungsoffensive das Beste, was die Politik nach den Bundestagswahlen in Angriff nehmen sollte. Nicht nur um der sozialen Gerechtigkeit willen, sondern mindestens gleichermaßen auch um die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft insgesamt aufrecht zu erhalten.

Angela Merkel und die CDU hatten vor etlichen Jahren die „Bildungsrepublik Deutschland" zu ihrem Markenzeichen erhoben.

Davon ist schon lange nichts mehr zu hören. Dabei ist die Notwendigkeit nicht gesunken, sondern in den vergangenen 10 Jahren noch einmal deutlich gestiegen. Es ist also höchste Zeit, einen solchen gemeinsamen Kraftakt zu starten.

(jz)

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