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So klappt die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt

28/10/2015 14:32 CET | Aktualisiert 28/10/2016 11:12 CEST
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Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben sind ein Glück für Deutschland

Die Flüchtlingskrise birgt sowohl Chancen als auch Risiken für Deutschland. Eine Chance besteht darin, dass die Flüchtlinge unsere Bevölkerungspyramide wieder in Ordnung bringen und der Überalterung sowie Schrumpfung der Gesellschaft entgegenwirken.

Vielleicht können wir mit ihnen unseren Fachkräftebedarf decken und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft erhalten. Ein Risiko besteht darin, dass hohe Kosten und soziale Spannungen entstehen, wenn die Integration der Flüchtlinge nicht gelingt:

Wenn die Menschen unsere Sprache nicht lernen, unsere Grundwerte ablehnen, sich nicht integrieren und nicht oder nicht gut genug arbeiten.

Erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist entscheidend

Daher blicken wir mit Hoffnung und Sorgen zugleich auf den Strom der Flüchtlinge, der nach Europa und Deutschland zieht. Und wir haben viele Fragen, die zurzeit noch keiner zufriedenstellend beantworten kann:

Wie gut sind die Flüchtlinge qualifiziert und wie gut lassen sie sich in den Arbeitsmarkt integrieren? Sind es junge, hochintelligente und motivierte Menschen, die lernfähig, lernwillig und integrationsbereit sind?

Die morgen an unseren Top-Universitäten Maschinenbau studieren und übermorgen Elektromotoren für die deutsche Automobilindustrie entwickeln? Oder arbeitsunwillige Wirtschaftsflüchtlinge, die auf Kosten der Steuerzahler leben? Die meisten werden weder zum einen noch zum anderen Extrem gehören, aber viel mehr wissen wir auch nicht.

In einem Punkt sind sich die meisten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten einig: Ob Deutschland in der Flüchtlingskrise Erfolg oder Misserfolg haben wird, hängt entscheidend davon ab, wie gut und wie schnell sich die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren lassen.

Wie lassen sich die Fähigkeiten von Flüchtlingen erkennen?

Eine alarmierende Zahl hat nun Lothar Semper genannt, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern: 70 Prozent der Flüchtlinge aus Irak, Syrien und Afghanistan, die im September 2013 eine Ausbildung begonnen hätten, hätten diese vorzeitig abgebrochen.

Zwei Gründe nannte Semper für die hohen Abbrecherquoten, nämlich mangelnde Sprachkenntnisse sowie den niedrigen Lohn in der Ausbildung, der nicht den Erwartungen entspreche. Ansonsten sind Abbrecherquoten von etwa 25 Prozent die Regel.

Ebenfalls pessimistisch äußerte sich der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen bei einer Fachtagung in Rostock: „Es kommen jetzt bis zu 1,5 Millionen Menschen dazu, von denen etwa 70 Prozent unqualifiziert sind", schätzt er.

Qualifizierung als entscheidender Erfolgsfaktor

Wenn tatsächlich ein hoher Anteil der Flüchtlinge unqualifiziert oder gering qualifiziert ist, dann wird die Qualifizierung der Flüchtlinge zu einem der ganz entscheidenden Erfolgsfaktoren. Und wir müssen alles dafür tun, dass jeder Flüchtling seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechend die optimale Qualifizierung erhält, ob dies nun ein Gabelstaplerkurs, eine Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium ist.

Wenn 70 Prozent eine Ausbildung abbrechen, dann liegt dies sicher nicht nur an mangelnden Sprachkenntnissen und am geringen Ausbildungsgehalt. Sondern vor allem daran, dass beim Zuordnen von Personen zu Ausbildungen keine ausreichende Passung zwischen Fähigkeiten und Interessen einerseits und Ausbildungsinhalten und -anforderungen andererseits erreicht wurde.

Die Erfolgsquote kann bedeutend gesteigert werden, wenn zuerst ermittelt wird, welche Fähigkeiten, Interessen und Kompetenzen jemand mitbringt, um erst danach, in einem zweiten Schritt, Qualifizierungsmaßnahmen zuzuordnen.

Aber wie soll dieser erste Schritt, die „berufliche Diagnostik", wie Psychologen sie nennen, hier funktionieren? Wie sollen Fähigkeiten und Kompetenzen bei so vielen Menschen, von denen die meisten keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben, in kurzer Zeit gemessen werden?

Eignen sich bewährte Auswahlverfahren auch für Flüchtlinge?

Wie sieht dieser Prozess bei Einheimischen aus? Diese haben meist ein gutes Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten und Berufe in der Gesellschaft, in der sie sozialisiert wurden. Sie haben in der Schule relevante Kenntnisse erworben und wissen etwas über ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen. Sie erhalten Beratungsangebote und können die volle Bandbreite eignungsdiagnostischer Instrumente durchlaufen:

Es handelt sich dabei meistens um psychologische Tests, mit denen bestimmte Fähigkeiten, Kompetenzen, Interessen, Motivation und Persönlichkeit gemessen werden. Nach dem Durchlaufen dieser Tests kann man bestimmte Qualifizierungsmaßnahmen, Ausbildungen, Studiengänge oder Berufsbilder heraussuchen, die besonders gut zu einem Menschen passen. Dazu kommt im Idealfall eine individuelle Beratung durch geschulte Personen.

Und wie sieht es im Vergleich dazu bei Flüchtlingen aus? Diesen fehlt häufig das Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten und Berufe. Aufgrund von Sprachproblemen fällt es schwer, sich dieses fehlende Wissen anzueignen. Für eine individuelle Beratung so vieler Menschen steht noch nicht genügend Personal zur Verfügung.

Instrumente für die berufliche Diagnostik

Bereits 6400 Beschäftigte der Bundesagentur für Arbeit haben Schulungen und Trainings zur interkulturellen Öffnung oder zum Ausländerrecht erhalten, aber das reicht noch nicht. Und die diagnostischen Instrumente, mit denen Fähigkeiten, Kompetenzen, Motivation und Interessen ermittelt werden können, sind für Massentestungen zu aufwändig und nicht für Personen geeignet, die kaum Deutsch sprechen.

Um die Situation zu verbessern will die Bundesagentur für Arbeit weitere Mitarbeiter schulen, so dass die Flüchtlinge noch früher persönlich betreut werden können. Die Zahl der Deutschkurse und Integrationskurse soll zudem erhöht werden.

Eine wichtige Ergänzung dieser Ansätze ist die Entwicklung von Instrumenten für die berufliche Diagnostik bei Flüchtlingen. Diese Instrumente sollten sich von bisherigen Instrumenten für Einheimische in mehrerlei Hinsicht abheben:

  • Sie sollten ökonomisch (vor allem kurz in der Durchführung und Auswertung) sein, damit sie auch von großen Teilnehmerzahlen rasch absolviert werden können.
  • Sie sollten kulturfrei sein, damit sie unabhängig vom kulturellen Hintergrund funktionieren.
  • Sie sollten geringe sprachliche Anforderungen stellen, damit sie auch bei geringen Sprachkenntnissen aussagekräftige Ergebnisse liefern.
  • Sie sollten idealerweise auf mehreren Sprachen vorliegen, damit sie von möglichst allen Flüchtlingen bearbeitet werden können.

Besonders vielversprechend: mehrsprachiges IQ-Screening

Besonders vielversprechend in dieser Hinsicht ist ein mehrsprachiges IQ-Screening, bei dessen Entwicklung Wert auf geringe sprachliche Anforderungen und kulturfreie Inhalte gelegt wird. Ein solcher Test kann online oder mit Testheften bearbeitet werden und hat eine Bearbeitungsdauer von weniger als 30 Minuten.

Die Instruktionen werden auf Deutsch, Englisch und Arabisch vorgegeben, so dass jeder diesen Test bearbeiten kann, wenn er eine dieser drei Sprachen zumindest rudimentär beherrscht. Der Test liefert rasch eine Einschätzung der allgemeinen Lernfähigkeit und gibt Hinweise, ob bestimmte Qualifizierungsmaßnahmen erfolgreich sein können.

Anschließend könnten weitere Tests durchgeführt werden, die Fähigkeiten messen, die spezifisch für bestimmte Ausbildungsberufe oder Studiengänge sind.

Ein Beispiel hierfür ist der TestAS (www.testas.de), ein mehrsprachiger, kulturfairer und fachspezifischer Studierfähigkeitstest, der von der Bonner ITB Consulting im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD speziell für Ausländische Studieninteressierte entwickelt wurde und mit Hilfe des TestDaF-Instituts durchgeführt wird.

Fazit: Wenn geeignete Instrumente für die berufliche Diagnostik bei Flüchtlingen entwickelt und verfügbar sind, kann die Passung zwischen den Eigenschaften von Personen und beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen verbessert werden.

Dann können Flüchtlinge in Deutschland die Ausbildung erhalten, die ihren Fähigkeiten und Interessen optimal entspricht. Abbruchquoten würden deutlich gesenkt werden und die Chance, dass Deutschland die Flüchtlingswelle erfolgreich meistert, steigt.

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